Zurück ins Mittelalter

Der Kastellan der Burg Zwernitz – Günther Schwarzott – hatte sich am Wochenende das Kettenhemd übergezogen. So postierte er sich vor dem Burgaufgang in Sanspareil. Ziel des mittelalterlichen Spektakels war es, die Burg Zwernitz zu beleben. „Wir wollen bewusst keinen Markt, wir wollen das 15. Jahrhundert ganz korrekt darstellen. Den Mitwirkenden, die die Darstellung mit aufwändigen, historischen Recherchen betreiben, der Arbeitsgemeinschaft Sanguis et Aurum zusammen mit anderen befreundeten Interessengemeinschaften, geht es darum, den mittelalterlichen Alltag auf der Burg möglichst genau nachzustellen“, sagte der Kastellan. Harald Stark von der Plassenburg in Kulmbach bot Führungen durch die Burg Zwernitz an.

Spielen und Kämpfen wie in alter Zeit

Michael Ratmann von der Arbeitsgemeinschaft Sanguis et Aurum ist für Spiele aller Art zuständig. Er zeigt den Vorläufer des heutigen Damespiels – das Alquerque. Und außerdem fordert er Spiellustige zu einer Partie Königszabel heraus. Dabei geht es darum, den König, der anfangs in der Mitte postiert ist, an den bösen Schwarzen vorbei zu bringen – bis zum Spielfeldrand. „Alle Dinge, die wir hier auf der Burg Zwernitz zeigen, sind historisch belegt. Wir stützen uns auf Aufzeichnungen, auf archäologische Funde“, sagt Ratmann.

Wie kriegt man die Farbe hin?

Franz Wenzl stellt einen Offizier des 15. Jahrhundert dar. Er hat einen prächtigen Brustpanzer an. Doch die deutschen Soldaten griffen eher zu geschmiedeten Panzern, wie sie Holger Wendel aus dem Taunus fabriziert hat. Wendel ist gelernter Schmied – das Mittelalter ist seine Passion. Sonja Höpp zeigt, wie im Mittelalter Mode kreiert worden ist. „Wenn ich in den Filmen sehe, dass die armen Bauern schwarz gekleidet sind, dann ist das einfach falsch. Denn die Schwarzfärberei war ein eigener Beruf. Es war früher schwer, ein reines Schwarz herzustellen – denn Schwarz bekommt man, indem man zwei Mal färbt: mit dunklem Rot und mit Blau“, erklärt Höpp. Das einfache Volk trug im Mittelalter meist einfach gefärbte Gewänder in hellem Gelb, in Walnussfarben, in Rot.

Die Mär von Dornröschen

Nadine Zanner hat die Indigo-Färberei zu ihrer Passion gemacht – und färbt Wolle nach alter Manier. Doch erstaunlicherweise nimmt die Wolle erst einen gelben Farbton an. „Das Blau kommt erst, wenn man die Wolle rausnimmt“, erklärte Zanner. Außerdem räumt sie mit einem Vorurteil auf: Dornröschen kann sich nicht an einer Spindel gestochen haben, denn Spindeln, wie sie im Mittelalter verwendet worden sind, sind nicht spitz.

Umringt von Zuschauern ist auch Sonja Ludwig. Sie hat Fäden an das Geländer zum Treppenaufgang gebunden und fertigt daraus kunstvolle Nestelbänder. „Die hat man gebraucht, um Kleidung zu schließen“, sagt Ludwig.

Handwerker und Lagerromantik

Während sich die Mitwirkenden auf der Burg Zwernitz auf das Spätmittelalter fokussierten, war die Zeitepoche auf Burg Rabenstein nicht so eng gefasst. Auf Burg Rabenstein gab es Gruppen, die vom frühen Mittelalter fasziniert waren, aber auch Anhänger des späten Mittelalters. Schaukämpfe und Vorführungen, Gaukler und eine Feuershow sorgten für Unterhaltung – nicht nur bei Historikern. „Wir haben in diesem Jahr 30 Handwerksstände auf Burg Rabenstein. 25 Lagergruppen sind gekommen, um hier zu übernachten und wie im Mittelalter zu leben“, erklärt Organisator Peter Krell.

Rund 10.000 Besucher auf Burg Rabenstein

Die Resonanz, die die Mittelaltertage auf Burg Rabenstein alljährlich erzielen, ist immens: Obwohl Eintritt verlangt wird, kommen jedes Jahr rund 10.000 Zuschauer und nutzen die Gelegenheit, sich in den Bann der Vergangenheit ziehen zu lassen.

Markus Kollmann liegt völlig ermattet auf der Erde. „Ich hatte gerade eine Feldschlacht. Ich muss mich ein bisschen lang machen“, sagt der Kämpfer. Im normalen Leben ist er Softwareentwickler. Schon das Tragen der Uniform ist eine Herausforderung, denn das Kettenhemd wiegt 15 Kilo, der Helm weitere drei Kilo. Ein Schwert bringt 1,5 Kilo auf die Waage, das Schild wiegt vier Kilo. „Ich gehe im Jahr auf drei oder vier Märkte und finde es faszinierend, wie einfach man leben kann. Ohne Handel, ohne Schnick-Schnack“, sagt Melanie Spitzer aus Nürnberg. Sie gewährt sogar einen Blick in ihr Schlafzelt: Nachts, wenn der Markt geschlossen ist, legt sie sich auf Schaffelle, genießt die Ruhe. Im echten Leben ist sie medizinisch-technische Radiologieassistentin. In einem Punkt sind sich alle Mittelalterfans einig: Finster war das Mittelalter nicht, und darben mussten die Menschen auch nicht unbedingt. „Bei uns gibt es geschmorten Hasen mit Brotknödel“, lässt sich Günter Schuster in die Töpfe schauen. Er ist Koch und genießt es, direkt über dem Feuer ein Festmahl zu kreieren. Eine Näherin präsentiert Kleider, die mit Meißner Porzellanröschen verziert sind. Barde Rufus Raban lädt zum Zubern ein. Und seine beiden Holzzuber sind am Wochenende nahezu ausgebucht. Im warmen Wasser genießen die Zuber-Freunde das bunte Treiben auf dem Mittelaltermarkt in Rabenstein.

Nicht bewertet

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Montag, 13. November 2017 - 11:06