Zum Zähne ziehen auf die Kapverden

Zier ist 68 Jahre alt. Er stammt aus Fichtelberg, war lange im Stadtrat von Bad Berneck und arbeitet auch jetzt noch stundenweise in seiner ehemaligen Praxis an der Maintalstraße, die er 2012 an Jörg Werner übergab. Der Hilfseinsatz war sein erster in der Dritten Welt.

Die Kapverden sind eine Inselgruppe vor der Küste Westafrikas, die bis Mitte der 1970er Jahre eine portugiesische Kolonie war. Die Bevölkerung besteht großteils aus Kreolen, also Mischlingen der schwarzafrikanischen Urbevölkerung und den portugiesischen Kolonialherren. In zurückliegenden Jahrhunderten waren die Kapverden eine Drehscheibe des Sklavenhandels mit Süd- und Nordamerika.

Die Menschen auf den Kapverden könnten kerngesund sein. Viel Fisch, wenig Fleisch (meist Hühnchen), exotische Früchte und Gemüse, die die Natur in Hülle und Fülle bietet, auch Kartoffeln machen die Nahrung der Einheimischen aus. „Hunger leiden muss niemand auf den Kapverden“, sagt Zier. Das Problem ist der Zuckerrohr. Und der daraus hergestellte Schnaps. Auch die großen Softdrinkkonzerne haben die Menschen der Inselgruppe längst als Kunden für ihre extrem zuckerhaltigen Produkte entdeckt.

Anderthalb Wochen lang war Zier mit zwei weiteren Kollegen und einer zahnmedizinischen Fachangestellten aus Deutschland auf den Kapverden im Einsatz. In dieser Zeit haben die Deutschen mehr als 250 Patienten im Alter von drei bis 85 Jahren behandelt, mehr als 200 Zähne gezogen, fast ebenso viele Füllungen gemacht und rund 70 Mal Zahnstein und Beläge entfernt. „Vieles, was ich da gesehen habe, habe ich auch noch in meiner Anfangszeit in Bad Berneck gesehen“, so Zier.

Er erinnert sich an bildhübsche junge Frauen, „die wie eine Filmdiva aussahen“ – bis sie ihr ruinöses Gebiss entblößten. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein 16-jähriges Mädchen mit einem völlig von Karies zerstörten oberen Schneidezahn, für Zier selbst bei schlechter Zahnhygiene in diesem Alter eine absolute Ausnahme. „Ich habe lange überlegt, ob und wie der Zahn zu retten ist, aber schließlich habe ich ihn gezogen. Als Zahnarzt tut einem das schon weh.“

Anders erging es einem 14-jährigen Buben, der nach einem Sturz den halben Schneidezahn verloren hatte. Zier konnte an den Zahnstumpf ein Plastikstück anfügen, das nur aus allernächster Nähe als Reparatur erkennbar ist. „Sein Lachen wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.“ Am anderen Ende der Skala waren zwei Menschen mit völlig kariesfreien Gebissen, die lediglich Zahnstein hatten.

Auf eine Besonderheit hatte sie zuvor ein einheimischer Kollege vorbereitet: „Unsere Knochen sind härter!“ Die viele Sonne auf den Kapverden führt bei den Einheimischen zu einer erhöhten Produktion von Vitamin D und damit stärkeren Knochen. Hieß für Zier und seine Kollegen, dass beim Zähneziehen mehr Kraft aufgewandt werden musste als bei Mitteleuropäern.

Die harten Knochen waren nicht das einzige Gewöhnungsbedürftige. Am ersten Tag kam der Fahrer, der die Deutschen zu der Ambulanzstation bringen sollte, anderthalb Stunden zu spät. „Pole“ („langsam“) war oberstes Gebot bei der Arbeit. Und das nicht nur, weil in der Ambulanz öfter mal der Strom ausfiel, wenn die Klimaanlage zu weit heruntergedreht wurde und dann bei 28 Grad gearbeitet werden musste. Wenn die einheimischen Hilfskräfte am Nachmittag die Lust verloren, konnte es passieren, dass sie die restlichen Patienten um 14 Uhr einfach nach Hause schickten. Zier nahm es mit Gleichmut: „Wenn man sich über solche Dinge aufregt, darf man gar nicht erst hinfahren.“

Dafür ging es auch in anderen Fällen entspannt zu. Als Zier einen Flug zwischen zwei der Inseln absolvieren wollte, reagierte der Metalldetektor bei der Sicherheitskontrolle auf seine künstliche Hüfte aus Metall. Die Flughafenmitarbeiterin wollte ein „Dokument“ sehen, das Zier als Implantatträger ausweist. Zier hatte es nicht dabei. Kurz entschlossen zückte er stattdessen seinen Organspendeausweis und hielt ihn der Frau unter die Nase. Die war zufrieden, Zier durfte fliegen.

Sein Resümee des elftägigen Aufenthalts: „Das wird nicht mein letzter Einsatz gewesen sein.“

Zier reiste mit der Stiftung „Zahnärzte ohne Grenzen“ (Internet: www.dwlf.org), die Versicherung, Gerät und Organisation vor Ort besorgte. Alles andere wie Flug, Aufenthalt und Ähnliches musste Zier selbst zahlen.

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