Zeppenfeld: "Ich will keinen Sonderstatus"

In der vergangenen Saison, in der Sie den Hunding, den Gurnemanz und den Marke gesungen haben, wurden Sie geradezu als Entdeckung gefeiert. Nun gelten Sie als einer der Stars der Festspiele. Wie fühlt sich das an?

Georg Zeppenfeld: Das hat mich ein bisschen gewundert, denn als Star gehandelt zu werden finde ich gar nicht so erstrebenswert. Marke und Gurnemanz sind einfach die Wagnerpartien, die mir am besten liegen, einfach vom Farbspektrum her. Hunding ist für mich noch immer eher Neuland, und ich finde es schön, dass auch das offenbar als überzeugend empfunden wird. Das sind einfach schöne Aufgaben, und wenn man die mit Engagement verfolgt, dann kommt etwas Überzeugendes dabei raus. Das haben andere auch getan, ich würde mir da keinen Sonderstatus anmaßen wollen. Natürlich ist Gurnemanz einfach eine lange und interessante Partie, und so bleibt man dem Zuhörer sehr im Gedächtnis. Und das ist doch schön.

Schauspielerische Wandlungsfähigkeit ist da nicht unwichtig.

Zeppenfeld: Wir Opernsänger sind als Darsteller nicht zu vergleichen mit den Profis vom Sprechtheater. Wir sind da doch eher Laien, die ihr Bestes geben, sich aber über viele Prozesse auf der Bühne nicht so in dem Maße klar sind, wie sich das Schauspieler sind. Wenn ein Schauspieler bei einer Opernproduktion dabei ist, dann spürt man sofort, was man selber nicht kann. Bei uns liegt der Fokus auf dem Singen, und natürlich spielen wir auch, so überzeugend wir das vermögen. Aber das Singen erfordert auch Rücksichten. Man kann manche Dinge nicht so ausspielen, wie man es vielleicht tun würde, wenn man nicht zu singen hätte. Um nochmal auf den Gurnemanz zurückzukommen...

...der mehr spricht als agiert.

Zeppenfeld: Das ist eine Figur, für die unglaublich viel durch die Partitur vorgegeben ist. Man kann dem Notentext ziemlich deutlich ansehen, ob ein Parlando gemeint ist oder eine Phrase. Das wechselt sehr lebhaft ab. Und die Rhythmisierung des Textes gibt einem Hinweise, wie das Gesagte gemeint sein soll. Wenn man dem folgt, ist das Stück schon deutlich interpretiert. Der Gedankengang dieser Figur ist eigentlich auch relativ klar, man muss nur einen Sinn dafür haben, was eigentlich in ihm vor sich geht. Da muss man nichts großartig draufpflanzen. Wenn ich im ersten Akt auf die Bühne gehe und irgendwann kommt die Gralsszene, dann sage ich mir: Hoppla, jetzt ist schon eine Stunde vorbei, und ich weiß nicht, wo sie geblieben ist. Das Stück nimmt einen förmlich gefangen.

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Ein Flow…

Zeppenfeld: Ja, genau, so kann man das sagen.

Vergangenes Jahr gab es den überstürzten Abgang von Andris Nelsons. Wie haben Sie das empfunden?

Zeppenfeld: Das war natürlich erstmal bestürzend, denn die Proben waren bis dahin sehr vielversprechend gelaufen. Sehr spannend war dann die Frage, wer das nun übernehmen würde. Es schießen dann die Spekulationen ins Kraut, und jeder hat natürlich auch seinen Favoriten, von dem er hofft, dass er kommt. Und dann kam mit Hartmut Haenchen jemand, den ich noch gar nicht kannte, von dem ich einfach nur wusste, dass er von den Kollegen sehr geschätzt wird, und über den man auch viel Gutes gelesen hatte. Dann stellte sich heraus, dass er eine deutlich andere Auffassung hatte als Andris Nelsons, der ja sehr von der Klanggestalt der Musik und vom Erleben dieses Klangstroms ausgeht. Hartmut Haenchen ist ein wesentlich stärker analytisch arbeitender Dirigent und setzt mehr auf Durchsichtigkeit. Er hält die Dinge in Gang. Er hatte allerdings kaum Zeit, da er ja erst nach den Orchestersitzproben einsteigen konnte. Ihm blieben also wenig Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen auf das Orchester und seine Sänger. Ich denke, dass wir in diesem Jahr näher sind an dem, was er eigentlich will.

Er kam mit einer Partitur, die etwas anders war als die, die von den Musikern verwendet wurde. Für Sie als Sänger vermutlich weniger ein Problem – aber was hat denn die Besatzung im Graben zu dieser akribischen Arbeitsweise gesagt?

Zeppenfeld: Herr Haenchen hat versucht, sich in der kurzen Zeit, die ihm blieb, verständlich zu machen. Nicht nur durch sein Dirigat, sondern auch, indem er erklärt hat, worin er die musikalischen Absichten Wagners sieht und wie sich das aus den Quellen ableiten lässt. Das haben nicht alle gemocht. Die übliche Arbeitsweise in Bayreuth ist so, dass der Dirigent zeigt, was er will, und das Orchester folgt. Nun waren das aber teilweise spezielle Dinge, die man durch das Dirigat allein nicht ausdrücken kann, er musste also mehr erklären und sich mit Widerständen auseinandersetzen. Weil es natürlich auch eine Tradition gibt. Und man kann das so sehen, wie er das sieht, man muss aber nicht. Es gab im Orchester eben auch andere Sichtweisen.

Heuer ist alles ein wenig entspannter. Vergangenes Jahr aber waren Sie auch noch der einzige, der gleich drei große Rollen gesungen hat, und das unter drei verschiedenen Dirigenten. Ist das anstrengend, oder erfreut die Abwechslung?

Zeppenfeld: Vor Probleme stellt es einen nur dann, wenn man mit einem der Dirigenten aus sachlichen Gründen Probleme bekommt – das war aber nicht der Fall. Jeder auf seine Art ist hervorragend, und ich kann mich nicht entsinnen, ein Problem gehabt zu haben, das sich nicht mit wenigen Sätzen aus der Welt hätte schaffen lassen. Ich kenne Herrn Thielemann schon länger, auch Herrn Janowski, und auch die Arbeit mit Herrn Haenchen fand ich vollkommen unproblematisch.

Wie war das in den vergangenen Jahren als Marke, der in Katharina Wagners Inszenierung ein schlimmer Finger ist. Hat’s Spaß gemacht?

Zeppenfeld: Ja, hm, Spaß... Das ist eine eigentümliche Sichtweise, die meiner so ein bisschen entgegenläuft. Aber es ist das, was Katharina wollte, und es ist unser Job, sichtbar werden zu lassen, was der Regisseur will, denn wer eine Produktion verantwortet, muss auch die Gestaltungshoheit haben. Und ich habe erst einmal schlucken müssen. Man kann die Figur im Kontext dieser Inszenierung so sehen, ich bin aber einfach der Ansicht, dass die Musik, die den Text ja auch interpretiert, mir etwas anderes sagt. Und ich sehe den Fiesling Marke einfach in der Musik nicht. Man kann sich natürlich immer in die Sichtweise hineinretten, dass er das ironisch meint oder ins Gegenteil dessen verzeichnet, was er eigentlich sagen will. Aber das ist für mich eine Krücke.

Hört sich nach einem Problem an ...

Zeppenfeld: Wenn ich etwas musikalisch überzeugend tun will, dann muss ich idealerweise auch denken, was ich singe. Hier musste ich das, was ich spiele, quasi abspalten von dem, was ich währenddessen unterschwellig denke. Das ist anstrengend. Aber natürlich funktioniert’s. Was ich auch sehr gut fand, und was ich Katharina hoch angerechnet habe, ist, dass sie meinen Widerstand gespürt hat, aber trotzdem das Vertrauen hatte, mir relativ freie Hand zu geben. Sie hat mir die Laufwege mitgegeben und solche Sachen wie die Fummelei mit dem Messer, das waren Einzelheiten, die die Figur färben; aber sie hat sich überhaupt nicht eingemischt, wie ich die Figur singe. Das zeugt auch von Souveränität, wenn einer weiß, da ist ein Darsteller, der ist nicht ganz auf meiner Linie, aber ich lasse ihn jetzt mal machen. Das hat mir sehr gut gefallen. Das kann nicht jeder Regisseur.

Waren diese Widerstände der Grund dafür, dass Sie heuer nicht mehr den Marke singen?

Zeppenfeld: Nein, überhaupt nicht. Das hat damit nichts zu tun. Es hat zu tun mit einem Engagement, das ich nächstes Jahr habe und das mit zwei Vorstellungsterminen in die Probenzeit der Bayreuther Festspiele hineinreicht. Da wollte man mich, glaube ich, ein wenig entlasten.

Man singt sich tatsächlich wohl auch irgendwann müde…

Zeppenfeld: Mhh, ja. Es spielt auch noch ein anderer Umstand eine Rolle, vermute ich. Es singt Rene Pape. Wenn man den kriegen kann, dann muss er eine Rolle singen, die seinem künstlerischen Rang entspricht.

Sie nehmen das gelassen. Andererseits sind Sie ohnehin häufig unterwegs. Ist Bayreuth so etwas Besonderes, dass man dieses Engagement unbedingt dranhängen muss?

Zeppenfeld: Ja. Ist es, absolut. Zunächst einmal ist das hier der originale Aufführungsort, den Richard Wagner für seine Opern konzipiert und gebaut hat. Dann stellt man sich hier in eine lange Tradition von hervorragenden Musikern, die die Geschichte der Festspiele gestaltet haben. Auch die Atmosphäre ist etwas besonderes. Man trifft all die Leute, die man sonst nicht trifft, weil man mit denen alterniert. Und das macht einfach einen Heidenspaß. Man freut sich schon lange vorher auf die netten Gespräche in der Kantine. Wir sind alle ein bisschen entspannter als gewöhnlich. Auch die Dirigenten sind in aller Regel gut drauf, man kommt ihnen näher, man lernt sich besser kennen. Das ist schön.

Wie sind Ihre Pläne?

Zeppenfeld: Ich bleibe erstmal noch eine ganze Weile in Dresden. Dort habe ich einen Residenzvertrag. In der übrigen Zeit gucke ich, was kommt. Ich möchte eigentlich wieder mehr Konzerte singen. Das gestaltet sich nur etwas schwierig, weil die Konzertveranstalter meistens kurzfristiger planen. Aber mir liegt daran, weil Konzertgesang einen viel unmittelbareren Zugang zum Publikum bietet. Ich habe auch als Konzertsänger angefangen, habe während meines Studiums schon Konzerte gesungen, das würde ich ganz gerne wieder ein bisschen hervorholen.

Der intime Rahmen statt der großen Bühne bei den Bayreuther Festspielen…

Zeppenfeld: Na, das nicht unbedingt, ein Konzert kann auch gerne groß sein. Manchmal macht man Kammermusik, manchmal die 8. von Mahler. Es ist einfach die andere Situation: Man steht vor dem Orchester, man sieht, wie das Publikum reagiert, man kann es direkter anspielen und ansprechen und damit eine direktere Kommunikation aufbauen. Und das beflügelt einen.

Gibt es eine Wunschrolle?

Zeppenfeld: Ich habe noch vieles nicht oder selten gesungen, russische Oper, französische Oper. Es ist eigentlich so, dass ich von den Dingen immer überrascht worden bin und Sachen gemacht habe, an die ich vorher nicht gedacht hatte. Als ich angefangen habe, habe ich nicht gedacht, dass man mich für den Gurnemanz anfragen würde. Ich glaube, 2009 habe ich ihn zum ersten Mal konzertant gesungen, unter Daniele Gatti in Rom, und ich war ganz baff, als er mir das angeboten hat. Im Jahr drauf habe ich das zum ersten Mal in München auf der Bühne gesungen.

Das war die alte Konwitschny-Inszenierung aus den 90ern ...

Zeppenfeld: Ja, genau. Danach wusste ich, daß diese Rolle für mich wichtig werden würde und dass ich eine Neuproduktion brauchte, um in gründlichen Proben ein genaueres Bild von der Figur zu bekommen. Und das ergab sich zum ersten Mal in Lyon, dann in Antwerpen und Gent. Und dann schon bald in Bayreuth

INFO: Georg Zeppenfeld ist am Donnerstag, 24. August, in der „Walküre“ zu erleben. Werkseinführungen dazu wie auch zu „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ gibt es um 11 Uhr bei Steingraeber – und zwar auf Englisch.

Nicht bewertet

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Montag, 13. November 2017 - 11:06