Wöhrl-Anleihe: Viel Geld ist wohl weg

Wie viele Privatanleger haben Wöhrl-Anleihen gekauft?

Daniel Bauer: Wir gehen davon aus, dass 2500 bis 3000 Privatanleger Wöhrl-Anleihen im Depot haben.
 

Was sollen sie jetzt tun?

Bauer: Es soll am 28. November auf einer Anleihegläubigerversammlung ein gemeinsamer Vertreter der Anleiheinhaber gewählt werden. Wir raten dazu, daran teilzunehmen und einen gemeinsamen Vertreter zu wählen. Dieser vertritt dann zukünftig kollektiv die Anleiheinhaber, wodurch der einzelne Anleiheinhaber nicht mehr tätig werden muss, zum Beispiel auch keine Forderungsanmeldung mehr machen muss. Sollte kein gemeinsamer Vertreter gewählt werden, ist auf alle Fälle dazu zu raten, seine Insolvenzforderung beim Insolvenzverwalter anzumelden.

 

Es wird einen Vergleich geben?

Bauer:  Es ist gut möglich, dass man sich auf den Fortbestand der Rudolf Wöhrl AG einigt, indem Gläubiger zum Beispiel auf Zinszahlungen und einen Teil ihrer Rückzahlungsansprüche verzichten. Ob es dazu kommt, oder die Gesellschaft doch zerschlagen und abgewickelt werden wird, steht jedoch aktuell noch nicht fest. 

 

Das meiste Geld wird verloren sein?

Bauer: Man muss aktuell wohl leider davon ausgehen, dass man auf einen Großteil des investierten Gelds verzichten muss.

 

Mit welcher Quote rechnen Sie?

Bauer: Für Schätzungen ist es aktuell noch zu früh. Wir gehen jedoch davon aus, dass man mit einem Verlust von über 50 Prozent des Nennwertes der Anleihen rechnen muss.

 

Jetzt verkaufen macht keinen Sinn?

Bauer: Wir raten aktuell noch dazu, abzuwarten, bis der Insolvenzverwalter sich zu einer konkreten Quotenerwartung äußert. Kurse von rund 13 Prozent erscheinen aktuell aus unserer Sicht nicht gerade attraktiv für einen Verkauf zu sein. 

 

Mittelstandsanleihen sind bereits mehrfach ausgefallen. Ein gefährliches Investment?

Bauer: Ja, wir raten generell dazu, sich bei Mittelstandsanleihen nicht vom hohen Zinsversprechen und den oftmals renommierten Namen der Gesellschaften täuschen zu lassen. Kein wirtschaftlich gesundes Unternehmen bietet im aktuellen Zinsumfeld Zinsen von sechs Prozent oder mehr. Wir gehen davon aus, dass rund  80 Prozent der Emittenten am Mittelstandsanleihenmarkt Ihre Verbindlichkeiten nicht mehr fristgerecht bedienen werden können.

 

Aber die Firmennamen sind oft seit Jahrzehnten bekannt und wecken Vertrauen. Zu Unrecht?

Bauer: Ja, der Name und die Historie täuschen oft über das tatsächliche Risiko einer Anlage hinweg. Nicht der Name, sondern die Finanzkennzahlen sollten vor einem Investment betrachtet werden.

 

Die niedrigen Zinsen treiben Anleger ins Risiko?

Bauer: Es ist sicherlich richtig, dass die niedrigen Zinsen einen großen Anteil daran haben, dass sich Privatanleger in wirtschaftlich waghalsige Anlagen stürzen. Ein weiterer Grund ist jedoch auch, dass die Emittenten mit geschickter Werbung für ihre Anlagen die Anleger für ein Investment begeistern. Die Werbung verschleiert oft das tatsächliche Risiko.

 

Sind viele Anleger zu gierig?

Bauer: Das trifft auf einige, aber nicht alle Anleger zu. Viele können das Risiko einer Anlage nicht beurteilen, da schlichtweg das Finanzwissen fehlt. Und früher gab es ja tatsächlich Zinsen von sechs Prozent und mehr auch von soliden Emittenten wie Siemens, Linde oder BASF.

 

Welche Renditen kann man aktuell seriös und solide erzielen?

Bauer: Sofern man keine großen Risiken eingehen möchte, und sich auch nicht längerfristig binden möchte, muss man sich aktuell mit deutlich unter einem Prozent zufrieden geben.

 

Wann steigen denn die Zinsen mal wieder?

Bauer: Wenn ich das wüsste. Die Staatsverschuldung ist weltweit so hoch, dass sich die Finanzminister einen  kräftigen Zinsanstieg gar nicht leisten können. Daher gehe ich eher davon aus, dass wir vielleicht mal wieder einen Leitzins zwischen  einem und zwei Prozent frühestens in drei Jahren sehen werden. Die alten Zinsniveaus von vier bis sechs Prozent dürften wir so schnell nicht mehr erreichen, außer die Eurozone würde tatsächlich zerbrechen.

 

Info

Anfang September hat die finanziell angeschlagene Rudolf Wöhrl AG ein Schutzschirmverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Das Unternehmen bemüht sich um einen Investor und hat bis Anfang Dezember Zeit zur Sanierung. Gelingt das nicht, droht die Insolvenz. Im Februar 2018 wird eine 30-Millionen-Euro-Anleihe des Unternehmens, ausgestattet mit einem Zinssatz von 6,5 Prozent, fällig. Wegen der Zahlungsschwierigkeiten von Wöhrl ist der Kurs der Anleihe abgestürzt. Das Papier notiert  aktuell unter 15 Prozent.

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