Wo Bollandt malte und Hardenberg übte

 Bayreuth hat in der Malerei, keinen Ruf wie Donnerhall und erst recht kein Prestige wie Kronach, das bei zwei der bedeutendsten Renaissancekünstler sogar in den Namen gelangte. Dass aber Bayreuth ganz und gar unbedeutend sei, kann man nun auch wieder nicht sagen. Da wäre zum Beispiel Heinrich Bollandt (oder Bolland oder Polland, 1578 bis 1653), der Bayreuther Maler, der als „Conterfeiter“, also als Portraitist, zum Hofstaat des Bayreuther Markgrafen Christian (1581 bis 1655) zählte. Man kann sagen, lange nach seinem Ableben ist er immer noch in Bayreuth zu Hause: 41 seiner Werke befinden sich bis zum heutigen Tage in der ehemaligen Residenzstadt, wie Rainer-Maria Kiel in der aktuellen Ausgabe des „Archivs für Geschichte von Oberfranken“ in seinem Beitrag über Bollandt feststellt.

Der jüngste Band des ältesten bayerischen Geschichtsvereins betreibt wieder Graswurzelarbeit. Nicht bestimmt von den sonst so beliebten Jubiläen, sondern von dem, was seine Autoren so umtreibt und fasziniert. Kiel zum Beispiel verfolgt die Spur des Heinrich Bollandt schon seit längerem; mit einigem Erfolg, was des Malers oft nur schlecht belegte Lebensgeschichte betrifft, mit größerem Erfolg, was die Anzahl und die Zuschreibung von Gemälden angeht. Man könnte, folgt man Kiel, auf die Idee kommen, das Oevre des Cranach-Nachfolgers könne auch mal eine Monographie mit Werksverzeichnis vertragen.

Eine Wiederentdeckung?

Erst in jüngster Zeit wurde Bollandt in bescheidenem Ausmaß wiederentdeckt. 2009/10 war er in einer Ausstellung im Schloss Charlottenburg in Berlin vertreten, unter anderem mit einem Selbstportrait. Die Ausstellung „Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern“ rückte auch Bollandt wieder ins Licht, „der zu Beginn des 17. Jahrhunderts Cranachs Stil wieder aufleben lässt“. Wie wahr: Bollandt malte schließlich auch eine reizende Venus mit Juwelengürtel – der allerdings, auf Höhe des Bauchnabels liegend, gar nichts zu verhüllen mag. Das Bildnis ist von hoher Qualität und erinnert in der Tat an Cranach – dem Jüngeren war das Bild ja zunächst auch zugeschrieben worden. Das Gemälde ruht im Depot der Staatssammlung.

Auch anderswo erfreut sich Bollandt in jüngster Zeit gesteigerter Wertschätzung. Rund 24 000 Euro erlöste ein Gemälde Bollandts bei einer Auktion in Wien, wo Bollandt als einer „der wichtigsten Künstler der brandenburgisch-bayreuther Renaissance“ gerühmt wurde. Viel mehr Geld brachte kürzlich auch ein Protrait der wesentlich berühmteren Wilhelmine vom ebenfalls wesentlich berühmteren Antoine Pesne in München nicht ein.

Bayreuths erste Stadtansicht

Bollandt bildete auch aus; er selbst hatte die Witwe seines Lehrmeisters geehelicht; eine seiner Töchter heiratete den in Bayreuth geborenen Bollandt-Schüler Michael Conrad Hirt, der sich später in Lübeck und dann in Berlin einen Namen machte, der den seines Lehrherrn überstrahlte. Ein ganz besonderes Werk Bollandts ist dafür in der Stadtkirche zu bewundern: der Küffnersche Epitaph, mit einem für die Stadtgeschichte wichtigen Detail. Die Predella, den Sockel unterhalb des zentralen Bildes zeigt die erste realistische Stadtansicht Bayreuths.

Insgesamt fünf von fünfzehn Aufsätzen befassen sich mit Themen aus Bayreuth, davon allein drei mit der Bildung und ihrer Infrastruktur. Mit den Reformen der Bayreuther Schulen zu Beginn des 19 Jahrhunderts befasst sich Andreas Leipold, etwas allgemeiner nimmt Helmut Haas Bayreuther Schulen unter die Lupe. „Ein Jahrhundert Bayreuther Verlagswesen und Buchhandel“ betrachtet hingegen Helmut Wilhelm Schaller. Für die Themenvielfalt im Ganzen spricht die Tatsache, dass einer der interessantesten Beiträge ein Kapitel Industriegeschichte an der Grenze des östlichen Frankenwalds behandelt: die Entwicklung der Textilindustrie in Münchberg von mittelalterlichen Zuständen bis an die Schwelle der Industrialisierung, insbesondere unter Karl Freiherr von Hardenberg, der die Region als preußischer Statthalter für wenige Jahre regierte, bevor er nach Berlin zurückkehrte. Man kann es so sagen: Der große preußische Staatsreformer hat im Fürstentum Bayreuth den Neuaufbau eines Gemeinwesens erprobt und geübt. Eine Biographie in Zeiten reformatorischer Umbrüche skizziert Thomas Freller anhand der Aufzeichnungen des Wunsiedelers Wolfgang II. Pachelbel von seiner Reise nach Konstantinopel, Alexandria und Jerusalem.

Spannende Geschichte vor der Haustür

Manchem Autor hätte man etwas mehr Entschlossenheit bei der Verfolgung seiner Geschichte, auch beim Kürzen seines Textes gewünscht, vor allem dort, wo der eine oder andere zu lang im Bereich der Spekulation verharrt. Insgesamt aber ist auch dieser Band so etwas wie eine Wundertüte. Und, wie schon bei Bollandts Bildern gesehen, so etwas wie der Nachweis, dass sich spannende Geschichte auch vor der Haustür abspielt.

INFO: Die Jahresbände kosten 18 Euro für Mitglieder und 30 Euro für Nichtmitglieder. Zu beziehen über www.hvo.franken.org

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