Wirtschaft leidet unter Erdogan

Doch nicht nur potenzielle Türkei-Urlauber sind aufgrund der jüngsten Entwicklungen in dem Land verunsichert. Diese Verunsicherung beobachtet die Industrie und Handelskammer (IHK) für Oberfranken in Bayreuth auch bei ihren Mitgliedsunternehmen.

Präsidentin Sonja Weigand klagt: „In einem solchen Umfeld ist es nicht überraschend, wenn sich oberfränkische Unternehmen bei Exporten und vor allem Investitionen zurückhalten.“

Postitives Umfeld fehlt

Der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Wolfram Brehm stellt besorgt fest: „Wir verzeichnen einen spürbaren Rückgang bei den beglaubigten Außenhandelsdokumenten für die Türkei.“ Es fehle derzeit ein positives Umfeld für vertrauensvolle Handelsbeziehungen oder gar Neuinvestitionen.

„Exportierte Waren werden von Ursprungszeugnissen oder bescheinigten Handelsrechnungen begleitet“, erläutert Brehm. Diese spielen ihm zufolge etwa eine Rolle bei der Anwendung von Vorzugszöllen, für Antidumpingmaßnahmen, im Rahmen von Akkreditiv-Geschäften oder bei der Überwachung von Einfuhrbeschränkungen. Mehr als 36.000 solcher Außenhandelsdokumente hat die IHK für die weltweiten Aktivitäten oberfränkischer Unternehmen allein im vergangenen Jahr ausgestellt.

Exportunternehmen verunsichert

Bernd Aßmann, Vorsitzender des IHK-Außenhandelsausschusses, mahnt: „Die diplomatischen Spannungen belasten inzwischen auch den Handel zwischen beiden Ländern. Unsere oberfränkischen Exportunternehmen sind verunsichert.“

Insgesamt gibt es nach IHK-Informationen gut 100 Unternehmen, die regelmäßige Handelsbeziehungen mit der Türkei pflegen. Neben Textil- und Verpackungsmaschinen werden derzeit etwa Sondermaschinen und Extruder exportiert.

Zu den jüngsten Aussagen von Merkel und Schulz zur Türkei im Fernsehduell wollte sich die Kammer auf Nachfrage nicht äußern. Man wolle zunächst die weitere Entwicklung abwarten, hieß es. Wichtiger denn je seien für die Unternehmen „verlässliche Rahmenbedingungen und Planungssicherheit“. Die Kanzlerin und SPD-Kandidat Schulz hatten sich dafür ausgesprochen, die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abzubrechen.

Wachsende Risiken

Außenhandels-Experte Aßmann beobachtet die aktuelle Entwicklung in der Türkei mit Sorge. Die wirtschaftlichen Risiken für die oberfränkischen Firmen nähmen zu. „Eingeschränkte Exportkreditversicherungen und Investitionsgarantien werden die Zurückhaltung der Unternehmen noch verstärken.“ Auch sei zu beobachten, dass sich viele deutsche Banken aus dem längerfristigen Geschäft zurückziehen.

Aßmann betont aber, dass die Mehrzahl der Geschäftskontakte nach seinen Beobachtungen im normalen Umfang weiter laufen. „Beim Maschinen- und Anlagenbau etwa sind derzeit weder bei den Exporten, noch bei den Investitionen Rückgänge zu verzeichnen.“ Dies könne aber auch auf langfristige Verträge bei diesen Investitionen zurückzuführen sein.

Besprechungen lieber in Deutschland abhalten

Stellvertretender IHK-Hauptgeschäftsführer Brehm rät bei notwendigen Reisen von Mitarbeitern in die Türkei vor Ort engen Kontakt zur deutschen Botschaft oder dem deutschen Konsulat zu halten und die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes zu beachten.

Aßmann fügt hinzu: „Wenn möglich, empfiehlt es sich derzeit außerdem, Besprechungen mit türkischen Geschäftspartnern vorerst in Deutschland abzuhalten.“ Er rät aber auch, bestehende gute zwischenmenschliche Beziehungen zu türkischen Geschäftspartnern unbedingt weiter zu pflegen.

red

 

Exporte in die Türkei brechen ein

In den ersten fünf Monaten des Jahres 2017 brach das Exportvolumen bayerischer Unternehmen beim Türkei-Geschäft gegenüber dem Vorjahr um 21 Prozent ein. Dies entspricht einem Rückgang um 290 Millionen auf 1,12 Milliarden Euro.

Für Oberfranken werden diese Daten nicht separat erfasst. Der prozentuale Rückgang dürfte aber in einer ähnlichen Größenordnung liegen, wie die Industrie- und Handelskammer (IHK) für Oberfranken erklärt.

Der Vorsitzende des IHK-Außenhandels-Ausschusses Bernd Aßmann sagt dazu: „Hält man sich vor Augen, dass die bayerischen Unternehmen gegenüber 2016 weltweit einen Exportzuwachs von sechs Prozent verzeichnen, wird der Einbruch des Türkei-Geschäftes erst richtig deutlich.“

Der Anteil des Türkei-Geschäftes an den gesamten bayerischen Ausfuhren sank gegenüber dem Vorjahr von 1,9 auf 1,4 Prozent.

Zum Vergleich: Die Exporte nach Ungarn wuchsen im gleichen Zeitraum um 19 Prozent, die nach Russland sogar um 35 Prozent, sodass beide Länder in den vergangenen Monaten als Abnehmerländer für bayerische Produkte an der Türkei vorbeiziehen konnten.

In der Liste der wichtigsten Abnehmerländer fiel die Türkei daher von Rang 16 auf Rang 18 zurück.

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Kommentare

...habe dieses Duell (Merkel/Schulz) nicht gesehen! Laut Radio hat sich Merkel NICHT
für einen Abbruch ausgesprochen(?)...
Die EU sollte ab heute kein Geld mehr in dieses Land schicken
wette, der Obermeister der Türken wird sehr schnell ruhiger in seinen Reden
Montag, 13. November 2017 - 11:06