Wird der Tourismus abgehängt?

Hubert Job und Marius Mayer sind die Herausgeber der Studie der Akademie für Raumforschung und Landesplanung aus dem Jahr 2013. Zentrale Aussagen der Studie:

Verlust an Marktanteilen

Die Autoren sprechen von einem „bundesweiten Verlust an touristischen Marktanteilen“ in Bayern und einer „disparaten räumlichen Entwicklung“ zwischen Boom- und Randgebieten: „Die räumliche Verteilung von Angebot und Nachfrage im Tourismus zeigt, dass vor allem zwei Regionen – abgesehen vom Städtetourismus – echte touristische Schwerpunkte darstellen: einerseits gehören Oberbayern und das Allgäu, darunter besonders der Alpenraum, dazu, andererseits Niederbayern mit dem Bayerischen Wald und seinem Bäderverkehr. Nur hier verkörpert der landschaftsbezogene und auf Wellness orientierte Besucherverkehr zu allen Jahreszeiten den entscheidenden regionalökonomischen Faktor.“

Keine "Leitökonomie"

Der Freistaat Bayern hat 2010 ein neues tourismuspolitisches Konzept beschlossen, um veränderten Rahmenbedingungen Rechnung zu tragen. Ausgangspunkt des Konzepts ist die Aussage, dass Tourismus in Bayern eine „Leitökonomie“ darstellt. Dem widersprechen die Autoren: „’Zentrale Bedeutung als Arbeits- und Wirtschaftsfaktor’ hat der Tourismus nur für sehr begrenzte Teilräume des Freistaats, wie etwa den Alpenraum und den Bayerischen Wald sowie für singuläre sonstige Destinationen (vor allem Kurorte), nicht jedoch beispielsweise für den größten Teil Frankens und der Oberpfalz.“ Trotz der großen Bedeutung des Tourismus für die regionale Entwicklung durch seine Rolle als Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber gerade in ländlichen, strukturschwächeren Räumen werde der Tourismus im neuen Bayerischen Landesentwicklungsprogramm kaum mehr erwähnt.

Jörg Maier (bis 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsgeographie und Regionalplanung an der Universität Bayreuth), Jürgen Weber und Sabine Weizenegger nehmen eine Bewertung ausgewählter tourismuspolitischer Leitziele in Bayern vor, wofür als Untersuchungsräume das Allgäu, der Bayerische Wald und das Fichtelgebirge dienen, insbesondere anhand der Frage, wie professionell der Fremdenverkehr betrieben wird.

Dabei kommen sie auf kleinerem Raum zu einem ähnlichen Ergebnis wie bei der gesamtbayerischen Betrachtung: „Insgesamt existiert ein buntes Mosaik unterschiedlicher Entwicklungen auf engstem Raum, was den Eindruck stark individueller Einflüsse in den Kommunen erweckt.“

Schwierige Umfrage

Schwierig gestaltete sich laut den Autoren die Feldforschung in Bischofsgrün: „Die Begeisterung für die Betriebsbefragung war nicht sehr ausgeprägt, haben sich doch trotz mehrerer telefonischer Nachfassaktionen in Bischofsgrün als Testgemeinde nur 31 von 75 Beherbergungsbetrieben an der Umfrage beteiligt. Dies mag am Zeitmangel liegen oder vielleicht auch eine gewisse Enttäuschung widerspiegeln, da zahlreiche Projektideen und Umfragen nur wenig Verbesserung in den Augen mancher Betriebsleiter gebracht haben.“ Als Ergänzung wurde auch eine Befragung der Bevölkerung von Bischofsgrün durchgeführt: „Von den verteilten 600 Fragebögen kamen lediglich 27 Antworten beziehungsweise vier Prozent zurück, was nicht gerade ein Beleg für ein großes Interesse an touristischen Belangen ist.“ Nur ein Fünftel der Befragten habe in Zukunft vor, in den Tourismusbereich zu investieren. „Trotz allem haben die Leute eher ein positives Zukunftsbild von Bischofsgrün.“

Keine Fortbildung, keine Investitionen?

Neben angeblichem Investitionsstau ist ein weiteres Problem nach Meinung mancher Experten „die Unprofessionalität, mit der viele Hotels geführt werden und der daraus resultierende mangelnde Sachverstand bei vielen Betreibern, die die Betriebe oft erbten und jetzt nur als zweites Standbein betrachten.“ Trotz vieler Bemühungen, unter anderem der Industrie- und Handelskammer Oberfranken, von Verbänden und Fachinstituten sei die Bereitschaft zur Fort- und Weiterbildung wenig ausgeprägt. „Auch das Investitionsverhalten ist trotz vielfältiger Angebote von Fördermaßnahmen recht bescheiden entwickelt. Da derzeit Kredite auf dem Kapitalmarkt überaus günstig zu erhalten sind, ist dies besonders kritisch anzumerken.“

Hat die Studie recht? Das wollten wir von drei Tourismusmanagern und dem Betreiber des größten Hotels am Ochsenkopf wissen.

Ferdinand Reb ist Geschäftsführer der Tourismuszentrale Fichtelgebirge, die die gesamte Region vermarktet. Er weist - wie teils auch die anderen Befragten - darauf hin, dass die Befunde der Studie bereits mehrere Jahre alt sind: „Bei ehrlicher Betrachtung ist die Studie vor sechs Jahren mit ihren Aussagen durchaus zutreffend. Allerdings gibt es seitdem eine weitaus größere Dynamik in unterschiedlichen Belangen als noch vor sechs Jahren. Also grundsätzlich ist aus meiner Sicht dem gesamten Fichtelgebirge seit der Studie eine verbesserte Entwicklung hinsichtlich Qualität, Investitionsbereitschaft, Infrastrukturplanung und insbesondere Bewusstseinssteigerung für die Bedeutung des Tourismus als essentieller Wirtschaftszweig durchaus zu konstatieren.“

Andreas Munder ist Geschäftsführer der Tourismus & Marketing Ochenskopf GmbH und damit für die Fremdenverkehrswerbung für die vier Ochsenkopfkommunen zuständig: „Was die fehlenden Bereitschaft zur Fort- und Weiterbildung angeht, kann ich das für die Ochsenkopfregion so nicht bestätigen. Allein in unseren vier Orten vollzogen in den vergangenen Jahren mehr als 40 Teilnehmer die Ausbildung zum Qualitäts-Coach im Rahmen des bundesweiten Programms 'ServiceQualität Deutschland'. Von Unprofessionalität in den Betrieben kann sicher kein Rede sein. Hier geht in den Studien häufig der Praxisbezug verloren. Allerdings verursacht das veränderte Reise- und Buchungsverhalten sehr wohl zusätzliche Anstrengungen, um in den digitalen Medien besser aufgestellt und in Buchungsprozessen präsent zu sein. Obwohl die Investitionsbereitschaft zugenommen hat, sind wir uns bewusst, das wir uns in Sachen Produktqualität – Beherbergung - im breiten Maß verbessern müssen.

Grundsätzlich muss man sagen, das die Betriebe vor großen Herausforderungen stehen. Der Personalmangel gilt als eines der wichtigsten Problemstellungen. Dazu kommt die ausufernde Überreglementierung hinzu wie etwa die Aufzeichnungspflicht beim Mindestlohn oder die Allergen-Kennzeichnungspflicht. Kommunen müssen in die Lage versetzt werden, die freiwilligen Leistungen der Tourismusförderung dauerhaft finanzieren zu können. Daher sollte aus meiner Sicht zumindest in den prädikatisierten Tourismusgemeinden die Tourismusförderung wie eine Pflichtaufgabe behandelt werden.“

Wilhelm Zapf ist seit wenigen Monaten Teammanager der Kur- & Tourist Information Bischofsgrün:

"Ich sehe die Entwicklung und die touristische Zukunft in Bischofsgrün und der ganzen Region anders als in der Studie. Wir haben durchaus einige Häuser und das sind tatsächlich nicht wenige, die absolut professionell, absolut zeitgemäß und vorbildlich geführt werden und die auch teilweise kräftig in die Zukunft des Tourismus investieren. Wir haben ein Hotel in Bischofsgrün, das ein Vorbild nicht nur für Bischofsgrün, sondern für die ganze Region und das ganze Fichtelgebirge sein kann. Auch andere Gasthöfe und Hotels ziehen hier nach, und ich persönlich kann der Studie hier nicht folgen, sehe ich kaum einen Investitionsstau. Die positive Entwicklung in diesem Bereich lässt sich eindeutig an den steigenden Gästezahlen belegen. Die Gäste würden nicht kommen oder nicht immer wieder kommen, wären sie unzufrieden. Die Vielfalt der Angebote mag für manchen Experten gar ein Nachteil sein, für mich stellt diese Vielfalt einen eindeutigen Vorteil dar."

Guido Schreiner ist Geschäftsführer des Hotels Kaiseralm in Bischofsgrün (95 Zimmer): „Wir können in keiner Weise die negativen Ergebnisse der damaligen Studie bestätigen. In den letzten Jahren haben nicht nur wir, sondern viele Betriebe rund um den Ochsenkopf, sehr viel Geld in die Qualität ihrer Häuser gesteckt. Weiterhin werden unsere Mitarbeiter regelmäßig geschult. Wir hatten in den letzten 24 Monaten für unsere Mitarbeiter in den verschiedenen Abteilungen alleine elf Schulungen/Fortbildungen durch externe Trainer vor Ort und außer Haus. Weiterhin kommen wir auf mindestens acht Schulungen die durch unsere Abteilungsleiter oder meine Person durchgeführt wurden. Für uns steht der Mitarbeiter an erster Stelle, da dies unser größtes Kapital ist. Unsere Mitarbeiter sind über viele Jahre (nicht wenige, die schon 10, 20, 25 Jahr und noch länger) im Haus. Unsere Fluktuation tendiert fast zu Null. Dies liegt auch daran, dass unsere Mitarbeiter in viele Entscheidungsprozesse einbezogen werden und das Team über Jahre hin gewachsen ist und somit sich mit ihrer Kaiseralm identifiziert. Qualitätsverbesserungen in Gebäude und Ausstattung passieren nicht erst seit gestern und heute, dies sind Entwicklung die ständig gemacht werden. Aber Qualität ist für uns nicht vorrangig die Immobile (ist immer notwendig) – für uns passiert die Qualität durch unsere Mitarbeiter.“

Nicht bewertet

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