Wie viel 68er steckt noch in Ihnen?

Hans Dötsch (72), Altbürgermeister von Heinersreuth: Sehr wenig. 1968 habe ich geheiratet und war in der Bundeswehr, die Regungen der 68er in mir hielten sich in Grenzen. In der Freizeit allerdings trugen wir auch Jeans, unten geschlitzt. Für Bundeswehrverhältnisse hatte ich sogar relativ lange Haare.

Im Rückblick muss ich sagen: Es war richtig, dass in dem alten Mief in Familien und an Universitäten mal durchgelüftet wurden. Frauen hatten damals wenig Rechte, Autoritäten gründeten sich auf Uniformen und Titel statt auf Leistung. Lehrherren galten als Götter. Bedauerlich war, dass es damals auch zu Gewalt gekommen ist. Heute fehlt eine rebellische Jugend, es wird nicht mehr diskutiert. Ich würde mir etwas mehr Feuer in der Politik wünschen, ohne dass es immer gleich zu Krawallen kommt.

 

Oskar Brückner (73), ehemaliger Grünen-Stadtrat in Bayreuth:  ich bin nach wie vor kritisch unterwegs, aber nicht mehr so aktiv wie früher. Das überlasse ich Jüngeren. Was mir wichtig war, habe ich versucht anzustoßen. Es ging mir immer darum, dass die Konservativen und Rechten nicht die Oberhand gewinnen und dass das fortschrittliche linke Lager gestärkt wird.

Damals, als Student,  war ich Mitglied der APO, habe an Demonstrationen in Nürnberg und München teilgenommen. Die 68er haben  schon einiges im Denken verändert. Die Bevölkerung hat ein Gespür dafür bekommen, dass man den Politikern nicht immer nur zuschauen darf.

 

Walter Bösch (78), früherer Leiter des Antiquariats in Bayreuth:  Die Zeit damals hat mich geprägt. Wir sind unpolitisch aufgewachsen, die einzige Form unseres Protestes war damals, die Jazzmusik im Radio lauter aufzudrehen.  Auch in den Schulen war Politik außen vor, Themen wie Nazis oder Arbeiterbewegung wurden weiträumig umschifft.

Es herrschte wirtschaftliche Aufbruchsstimmung, nach dem Motto haste was, dann biste was“. Die 68 haben diese Fixierung auf einen einseitigen Materialismus aufgebrochen.  Vieles ist dann passiert, aufgerüttelt hat mich das Foto von drei fast nackten Mädchen nach einem Napalm-Angriff der USA in Vietnam. Ich habe drei Töchter, das Bild habe ich bis heute nicht vergessen.

Zwei Jahre später habe ich an meiner ersten Demonstration teilgenommen, das hätte ich mich vorher nicht getraut. Es ging darum, dass ein Gebiet in der  Fränkischen Schweiz Privatgrund werden sollte, das hat mich als Kletterer empört.

Und in der Akademie, in der ich meine Ausbildung machte, haben wir uns gewehrt, wenn ein Dozent Prüfungen angesetzt hatte, obwohl er zu Vorlesungen nie da war. Zehn Jahre vorher hätte man uns noch gesagt: Geht doch rüber, wenn es Euch hier nicht passt. raus

 

Klaus-Günter Dietel  (77), früherer Bayreuther Landrat: Zu den 68ern hab ich nie gehört. Damals legte ich gerade das Zweite Jura-Staatsexamen an der Uni Würzburg ab, aber an größere Demonstrationen dort kann ich mich nicht erinnern.

Wenn man von den Auswüchsen absieht, ist mit den 68ern  ein Weckruf erfolgt, der auch diejenigen zum Nachdenken gebracht hat, die sich an der Bewegung nicht beteiligt haben. Gegen intensive Diskussion, die es gab, war und ist nichts einzuwenden, aber das Ganze endete leider auch in Gewalttätigkeiten. Wofür die 68er inhaltlich standen, das teile ich vom Grundsatz her nicht.

 

Dieter Mronz (73), Alt-Oberbürgermeister von Bayreuth: Wir erkannten damals, gerade gut 20 Jahre nach Weltkrieg und NS-Diktatur, dass noch vieles im Dunkeln lag und zu enthüllen war. Daraus entstand Bewusstsein, dass wir als junge Generation gefordert sind, uns zu engagieren und für Aufarbeitung der Vergangenheit, Durchlüftung der Gegenwart und Fortentwicklung zu sorgen, gewaltfrei versteht sich.

Die kritische Beobachtung ist geblieben, sie stößt heutzutage auf manche bedenkliche Entwicklung, bis hin zur politischen Teilnahmslosigkeit großer Teile der jungen Generation. Und man fragt sich vor diesem europaweiten Geschehen besorgt, wohin driftet bloß dieses Europa mit seinen Demokratien. Aus dem Blick von 1968 gibt es weiterhin viel zu tun.

 

Klaus Hamann (64), früherer SPD-Stadtverbandsvorsitzender und Stadtrat:1968 - da war ich gerade 15. Dennoch hat diese Zeitenwende die Entwicklung meines Verständnisses von Politik und Gesellschaft sehr geprägt. Die deutsche Demokratie war erwachsen geworden. Es beschäftigten mich die Themen "Mündiger Bürger", " Mehr Demokratie wagen", "Bildungsgerechtigkeit und Bildungsreform". Da wollte ich aktiv mitmachen.

In der Schülerzeitung des GCE schrieb ich Artikel unter den Überschriften "Demokratie an der Schule ?" oder "Politische Bildung". Bei den Jusos wurde ich Schülersprecher. Und all dies mündete schließlich in ein Studium der Politikwissenschaft. An die jungen Leute von heute gerichtet: Mischt Euch ein. Kümmert Euch um die Politik. Sonst machen es andere.

 

Peter Igl (61), Verdi-Bezirksgeschäftsführer: Ich war damals erst zwölf Jahre alt, aber schon politisch interessiert. An der Jean-Paul-Schule nahmen wir das sogenannte Dritte Reich und den Holocaust durch, daraus habe ich gelernt, wie wichtig Toleranz ist.

Für den Sozialkundeunterricht bin ich mit dem Tonband für ein Interview zum SPD-Büro in Bayreuth gegangen. Die 68er waren eine Wurzel der späteren Friedensbewegung, der ich mich bis heute verbunden fühle. Auch die Grundlagen für mein Interesse an der Arbeiterbewegung sind in dieser Zeit gelegt worden.

 

Horst Eggers (73), ehemaliger Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer: 1968 war ich schon drei Jahre verheiratet, hatte eine zweijährige Tochter und war Abteilungsleiter Finanzen bei der Handwerkskammer. Man kann sagen, da hatte ich andere Sorgen.

Aber natürlich habe ich die Geschehnisse über die Medien verfolgt. Konkret wurde es für mich zum Beispiel Anfang der 70er als damaliger Vorsitzender der Schülerverbindung Absolvia Bayreuth von 1833. Einige unserer Mitglieder studierten in München oder Berlin und brachten von dort die revolutionären Ideen mit. Es gab hitzige Diskussionen, weil sie unseren Wahlspruch Freundschaft-Liebe-Vaterland komplett abschaffen wollten. Ich habe dann einen Kompromiss erreicht: Seitdem und bis heute heißt es Freundschaft-Liebe-Freiheit.

Die gesellschaftlichen Folgen der 68er? Da gibt es wie so oft nicht nur gut oder schlecht. Die Friedensbewegung ist ja damals entstanden – gottseidank hat sie manche Forderung nicht durchgesetzt. Dass Bundeskanzler Helmut Schmidt den Nato-Doppelbeschluss umgesetzt hat, hat letztlich mit zur deutschen Wiedervereinigung geführt.

Andererseits verdanken wir natürlich auch den 68ern, dass es in unserer Gesellschaft heute viel lockerer zugeht. Ich selber habe nie rebelliert, zum Beispiel gegen meine Eltern. Das war aber auch nicht nötig, weil ich sowieso immer gemacht habe, was ich mir vorgenommen hatte.

 

Christoph Rabenstein (65), früherer Landtagsabgeordneter:  Die kritische Haltung dieser Bewegung, wir überlassen nicht anderen das Denken, sondern denken selber,  hat mich bis heute geprägt. Vorher herrschte das große Schweigen über alles, was in der Nazizeit passiert war, auch in den Familien wurde darüber oft nicht geredet.

Das Interesse an der Frage, wie konnte all das Schlimme passieren, hat meine Berufswahl als Historiker nachhaltig beeinflusst. Abgeschreckt hat mich die Gewalt auf den Straßen, und zwar sowohl von Seiten mancher Demonstranten als auch von Seiten des Staates, der mit aller Härte reagier t hatte. . Ich habe damals den Kriegsdienst verweigert und bin bis heute der Meinung, dass man Konflikte friedlich lösen kann und muss.

 

Reinhold Hartmann (65), Mundartdichter: 1968 war ich 15 Jahre alt und an Politik nicht sehr interessiert. Ich hatte jedoch Lehrer, die die Geschehnisse thematisierten und mit uns besprachen.

Sie haben uns gelehrt, nicht alles, was "von oben" kommt einfach zu akzeptieren. Wir sollten uns unsere eigenen Gedanken machen und alles hinterfragen. Dies hab ich bis heute behalten, auch wenn man ab und zu Kompromisse eingehen muss.  Der kleine "68er" steckt immer noch in mir und schaut auch immer wieder raus.

 

Norbert Aas: (67) Historiker und Grünen-Stadtrat in Bayreuth: Um 1968 hat mich vor allem die Frage an die Generation unserer Väter beherrscht: Welchen Anteil habt Ihr an den Schrecken des Dritten Reichs und Zweiten Weltkriegs?! Etwas später kam die Psychoanalyse, also in meinem Fall Sigmund Freud, die Mitscherlichs und Horst-Eberhard Richter.

Tag für Tag ließen die Amis Megatonnen von Bomben auf Nordvietnam regnen, um den antikolonialen Befreiungskampf einer zähen und unglaublich widerstandsfähigen Nation zu unterdrücken. Täglich Bilder von Napalm auf die Zivilbevölkerung.

Die Suche nach dem wahren Sozialismus: endlose Diskussionen über Vergesellschaftung, die führende Rolle der Partei, Alternativen zum Kapitalismus und den „real existierenden“ Sozialismus. Enttäuschung über die mangelnde alternative Praxis mancher führender Genossen, die den ganzen Marx gelesen hatten (oder zumindest ziemlich überzeugend so taten, als hätten sie …).

Hin- und hergerissen zwischen der reformerischen Sozialdemokratie und radikaleren Gespinsten in der Zeit der sozial-liberalen Koalition, als Liberalismus noch nicht auf die Wirtschaft beschränkt war sondern die Gesellschaft befreien wollte. Die Bundesrepublik häutete sich innen und außen: Strafrechtsreformen, neue Sexualmoral, antiautoritärer gesellschaftlicher Umgang auf der einen Seite, Anerkennung der DDR und Friedenspolitik nach dem Osten auf der anderen. Also Willy Brandt (der vielgeschmähte), Erhard Eppler und Gustav Heinemann.

Später kam der Marsch durch die Institutionen anstelle der Hoffnung auf einen Sozialismus ohne die führende Rolle der Partei des Leninismus. Der gesellschaftliche „Kampf“ gegen Rüstungswahn und Atomwaffen. Und der Schock, den die „verirrten“ Genossen mit ihrer mörderischen Gewalt gegen das System auslösten. Schließlich meine wirkliche Politisierung durch den Deutschen Herbst: die Bedrohung der Linken durch den kämpferischen Staat mit der Erosion der Demokratie.

 Was ist geblieben? Anpassung an die Realität, keine Frage.  Der real existierende Sozialismus wurde durch Bürokraten ad absurdum geführt. Kapitalistische Ausbeutung allenthalben, in der Regel mit der Zustimmung der Ausgebeuteten. Aber auch die Suche nach einer konkretisierbaren Utopie (bisher erfolglos). Werkeln auf der unteren Ebene, at the grassroots: bei bzw. mit den Leuten. Wir haben die Welt nicht verändert, aber ich sehe das in der Weisheit des Alternden.

 

Joachim Kalb (70), Vorsitzender des Fränkischen Bundes:Was die 68er Generation angeht, so ist es für mich unerträglich, dass regelmäßig immer wieder die größten „Zündplättla“ aus diesem selbsternannten „bürgerlichen“ Lager (bin ich wohl kein Bürger?) 1968 wie heute „Lügenmärchen“ erzählen. Wenn was im Staat schief läuft, dann liegt es an den 68er Hippies und der antiautoritären Erziehung.

Fehlentwicklungen von kleinen Randgruppen werden aufgeblasen, um davon abzulenken, dass ohne die argumentative Auseinandersetzung dieser Generation mit der Nazivergangenheit ein demokratisches proeuropäisches friedliches (West-)Deutschland kaum möglich gewesen wäre. Hetzer wie Springer (Bild), Strauß und Co. konnten klein gehalten werden.

Was bleibt lebenslänglich, obwohl die 68er Generation schon seit zehn Jahren nicht mehr am Drücker ist? Etwa ein Vorbild wie Willy Brandt oder Helmut Schmidt als Personen, die Rolling Stones, Bob Dylan, CCR und – was die Heimat betrifft – die Pepitas 66. Die Erkenntnis, dass man, (vorausgesetzt man bringt seine Leistung) , durchaus auch sein Recht in Anspruch nehmen muss, konstruktive Kritik gegenüber den Dampfplauderern, Blendern und Raffkes deutlich und unmissverständlich zu äußern. Nur so bleibt unsere Demokratie dauerhaft ein Erfolgsmodell!

2.7 (3 Stimmen)

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