Wie Inklusion in der Praxis geht

Gesagt hat diesen Satz am ersten Bayreuther „Zamm kumm Dooch“ unter anderem Manfred Korn. Er hat das Blindenleitsystem in der Fußgängerzone mitentwickelt, sitzt in der Telefonzentrale des Bayreuther Rathauses und kennt alle 1300 Telefonnummern im Rathaus. Auswendig. „Ja, wenn wer im Rathaus anruft und ich ihn weiter verbinde, dann kann er mir blind vertrauen!“

Ein Blinder mit schwarzem Humor

Alle auf dem gut besuchten Stadtparkett lachen schallend, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal an diesem Tag. Die Moderatoren Reiner Assmann und Michael Angerer und auch Landtagsvizepräsident Peter Meyer durften gleich einmal ausprobieren, wie es sich mit einer Sehbehinderung anfühlt. Sie bekamen eine Augenmaske aufgesetzt und tapsen wie in Zeitlupe über den Platz vor der kleinen Bühne. Manfred Korn, der durch einen Schlaganfall vor 18 Jahren erblindete, betonte mehrmals, wie wichtig die eigene Zuversicht für das Zurechtkommen mit einem Handicap ist. „Ändern kann ich an der Situation nichts – nur meine eigene Einstellung dazu. Ganz klar, intolerante Leut‘ wird es immer geben, aber die schau ich doch gar nicht an.“ Und mit einem breiten Grinsen fügt er noch ein Beispiel seines schwarzen Humors hinzu: „So ein Handicap hat schon auch Vorteile: ich hab seit 18 Jahren meinen Chef nicht mehr sehen müssen!“

Ein theoretischer Begriff wird in die Praxis umgesetzt

Diesen ersten „Zamm kumm Dooch“ hatte der Paritätische Wohlfahrtsverband (Bezirksverband Oberfranken) in Zusammenarbeit mit der Selbsthilfeunterstützungsstelle Bayreuth und der Regionalgruppe Bayreuth des Bundesverbandes Poliomyelitis e.V. aus der Taufe gehoben. Um die Bedeutung der Inklusion zu veranschaulichen, sei nur eine Zahl genannt: Ende 2014 waren in Bayern rund 1,17 Millionen Menschen schwerbehindert – das ist jeder elfte Mitbürger. Bei Ute Friedrich vom Nord-Süd-Programm liefen seit etwa einem Jahr die organisatorischen Fähigkeiten zusammen, und schon nach zwei Stunden war ersichtlich, dass dieser „Zamm kumm Dooch“ den eher theoretischen Begriff „Inklusion“ ohne großes Federlesens in die Praxis umsetzte – und alle hatten ihren Riesenspaß dabei.

Gehörlose siegen beim Kickerturnier

Beim Lebendkicker-Turnier traten vier Mannschaften mit und ohne Handicap gegeneinander an. Die Gruppe vom Gehörlosenverein hatte schlussendlich die Nase vorn und gewann vor den Mixed Pickles, den Bayreuth Dragons (die in voller American Football-Montur auftraten) und der Aphasiker-Mannschaft das Turnier. Der Rollschuh-Parcours des Reha-Teams war schnell belagert, denn vor allem Kinder ohne körperliche Behinderung wollten gleich ausprobieren, wie sich denn so ein Rollstuhl lenken lässt. „Boah, Mama, ist das schwierig“, rief einer der Jungs. „Das hätte ich mir nie so vorgestellt!“ Der junge Mann hatte damit den Zweck des „Zamm kumm Doochs“ zielsicher in Worte gefasst: Inklusion bedeutet Zugehörigkeit, und nur wenn jeder Mensch, ganz egal wie alt, woher und mit welchem Handicap an der Gemeinschaft teilhaben kann, dann ist Inklusion gelungen.

Supertalent auf Krücken

Der Show-Höhepunkt an diesem Tag war der Augsburger Dergin Tokmak, der atemberaubenden Breakdance auf Krücken darbot. Die rot-weißen Krücken, die zeitweise mehr Bodenkontakt als seine (ebenfalls rot-weißen) Schuhe hatten, hatten ihm nicht nur zu einem Durchmarsch bis ins Finale von „Das Supertalent“ verholfen, sondern auch zu einem langjährigen Engagement beim legendären „Cirque du Soleil“.

Über das Plakat zum „Zamm kumm Dooch“, das ihn in Überlebensgröße und im Handstand auf seinen Krücken zeigt, war er schon ein bisschen verblüfft: „So bin ich ja schon lange nicht mehr angekündigt worden“, lachte er im Gespräch mit Michael Angerer. „Ich bin ein Autodidakt, der in der Champions League der Unterhaltungsbranche aktiv sein konnte. Heute bin ich freischaffend tätig, und ich bin überzeugt, dass jeder aus seinem Talent das Beste herausholen kann.“

Nicht bewertet

Anzeige