Wie Gustl Mollath zunehmend vereinsamte

„Ich bin davon überzeugt, dass Sie nicht krank sind“, sagte Thomas Dolmany (58). Der Nürnberger Rechtsanwalt hatte gerade die Pflichtverteidigung von Mollath übernommen, es drohte eine Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie. Einer von zig Fällen, Routine für Dolmany. Das psychiatrische Gutachten akzeptieren, das Mollath eine Wahnkrankheit attestierte, neun Monate auf Bewährung, keine Unterbringung, das war 2004 der Vorschlag des Rechtsanwaltes. Denn gegen Gutachten, das weiß der erfahrene Anwalt, habe man schwer eine Chance vor Gericht. Und Mollath? „Herr Mollath hat nie mit mir über den Fall gesprochen.“ Als es zur Verhandlung vorm Nürnberger Amtsgericht kommt, nimmt Mollath ein Buch, lehnt sich zurück und – liest. Die Anklage habe ihn nicht interessiert, sagt Dolmany. Stattdessen macht er seinem Anwalt Angst: Donnert an einem Freitagabend schreiend gegen die Kanzleitür, beschimpft ihn als Nazi, warnt ihn, besser seine Rechtsschutzversicherung zu bezahlen. Denn der Fall koste ihn sonst die teure Wohnung in Erlenstegen.

Mollath Webreportage

Sein Pflichtverteidiger hält Gustl Mollath nach wie vor für gesund

Noch heute hält Dolmany seinen Mandanten von damals für nicht krank. Und noch heute hat er Angst vor ihm und seinen Unterstützern. „Mich bestürzen die Angstzustände von Dolmany. Ich versichere Ihnen, Sie brauchen vor mir keine Angst haben. Ich hab das Gefühl, Sie brauchen Hilfe“, sagt Mollath. Dass Leute den Anwalt bedrohen, findet Mollath „unmöglich“. Er aber habe keinen Einfluss darauf, „ich versuche immer Deeskalation“.

Das sieht Petra S. (51), die Schwägerin von Mollaths Ex-Frau, anders. Sie beschreibt einen aggressiven, höchst seltsamen Mollath, der hinter geschlossenen Rollläden lebte, seine Frau kontrollierte, krankhaft eifersüchtig war und sie wiederholt schlug. Die ganze Familie hatte damals Angst vor Mollath, dem man Hausverbot erteilte, mit dem es ständig zu Streitereien kam und der seine Frau stalkte. Aber auch sie sagte. „Wir wollten ihm helfen.“ Sogar die Ex-Frau, gegen die sich seine Gewalt gerichtet habe, habe gesagt: „Vielleicht kann man ihn behandeln.“ Sie habe die Hoffnung gehabt, dass die Anfälle von Aggression heilbar sind. „Sie wollte ihm eigentlich helfen“, sagt Petra S. Sie hat versucht, mit ihm reden, hat versucht, das Haus vor der Zwangsversteigerung zu retten, hat versucht, die Scheidung gütlich zu regeln. Er sprach nicht mit ihr.

Mollaths Sprachlosigkeit hat auch Ralph Gebeßler (55) zu spüren bekommen. Er habe nur über Schwarzgeldschiebereien bei der Hypovereinsbank gesprochen, sagt der Betreuer aus Geiselhöring, der „froh“ war, seinen Mandanten wieder los zu sein. Dabei hatte Gebeßler es geschafft, die Zwangsversteigerung des Mollath’schen Hauses um mehr als ein Jahr hinauszuzögern. Er war ja damit beauftragt, sich um das Vermögen des Mannes zu kümmern, der gerade in die Psychiatrie gekommen war. Aber statt mit Ärzten – oder mit ihm – zu sprechen, wollte Mollath nur mit seinen Unterstützern Kontakt haben. Das wurde dem Betreuer zu viel. Er hätte wochenlang arbeiten müssen für ihn, bekam aber nur 4,5 Stunden im Monat bezahlt. Eine Verbindung, die scheitern musste. Die Hilflosigkeit traf beide Seiten hart, und unheilbar: „Ich war froh, das Amt wieder los zu sein“, sagt der Betreuer, der Mollath für krank hält. „Und ich war meine Habe los“, sagt Mollath, der den Betreuer für unfähig hält.

Gustl Mollath dachte nicht daran, mit dem Gutachter zu sprechen

Als Alfred Huber (53) Gustl Mollath erlebte, fasste er einen Entschluss. Oder eher: einen Beschluss. Den seltsamen Mann, der ihm gerade einen 106 Seiten starken Ordner mit teils wirrem Inhalt auf den Richtertisch am Amtsgericht in Nürnberg gelegt hatte, der angeklagt war, weil er seine Frau misshandelt haben soll, diesen seltsamen Mann wollte er nicht verurteilen. „Ich hatte ernsthafte Zweifel.“ Denn im Raum stand eine zumindest eingeschränkte Schuldunfähigkeit, sagt der Jurist heute. Ansonsten wäre es „der einfache Weg“ gewesen, das Verfahren mit einem schnellen Urteil zu beenden. Doch als Richter musste er sogar helfen, musste Mollath vor einem falschen Urteil bewahren. Doch der dachte nicht daran, mit dem Gutachter zu sprechen. Seine Hilflosigkeit endete in Handschellen. Er wurde verhaftet. Und landete in der Psychiatrie, freigesprochen, aber zum psychisch Kranken verurteilt.

„Da hat er eine Weiche gestellt, die ich immer noch nicht nachvollziehen kann, aber das ist seine eigene Entscheidung.“ Immer noch versteht Mollaths Pflichtverteidiger Dolmany nicht, warum. Warum hat Mollath nie mit ihm gesprochen? Weil er ihn für einen hielt, der mit Staatsanwalt und Richter gemeinsame Sache macht. Das sei verständlich, aber hätte sich mit einem Gespräch ausräumen lassen, sagt Dolmany. „Ich würde neben dem Staatsanwalt sitzen? Gaga!“, sagt Dolmany. Hätte Mollath ihm gesagt, er wolle freigesprochen werden, „ich hätte es 100 Prozent versucht“. Stattdessen Schweigen. Und viele Briefe, auch solche mit Beleidigungen. Dolmany riet Mollath, der schon untergebracht war, doch mit den Ärzten zu reden. Nach sechs Monaten wäre er freigekommen. Doch Mollath sprach nicht. Nur in Gerichtssälen haben die beiden sich „höflich“ begrüßt und miteinander gesprochen, ganz kurz. Mehr nicht. So wie am Mittwoch im Landgericht Regensburg, als es um die Beschreibung des Gerichtssaales 619 in Nürnberg ging. „Da war die Anhörung, wo Sie nicht da waren“, giftete Mollath. Und Dolmany seufzte: „Sehen Sie, er macht einfach weiter.“ Und hilflos klangen beide.

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Kommentare

Echt ein Skandal, vor allem wie hier ungeniert lesbar auf Seiten der Justiz und der Rechtsorgane. Ein wohlgemerkt gerichtlich bestellter Rechtsanwaltsbetreuer, der ungeniert und konsequenzenlos öffentlich vor einer Strafkammer verkündet und verlauten lässt, dass Mandat hätte ihm nur Kosten und Ärger eingebracht, da das Mindesthonorar bereits überschritten ist? (und obwohl in den Akten wohl eine Strafanzeige gegen jenen Betreuer zu finden ist wg. versuchtem Betrug wegen doppelter Abrechnung von Aufwendungen?), und im weiteren eine öffentliche Bekanntgabe eines gerichtlich bestellten und auch von der Staatskasse bezahlten Strafpflichtverteidiger der trotz Bitte um Abberufung dessen nicht abberufen wurde (obwohl es das Gesetz so vorschreibt) und der wohl auch aktenkundig zur Anhörungsverhandlung seines "Pflichtmandates" nicht erscheint? Hier allein müsste schon von Amts wegen wegen Unterlassung, Eidespflichten, udgl. agiert werden. Stattdessen wie gewohnt Harmonie und Sympathie vorm unabhängigen Gericht, kassiert wurde freilich ... Respekt und Achtung!
Und im übrigen ist darf hier nicht die Rede von einer Rechtsschutzversicherung des RA sein, es muss lauten Berufshaftpflichtversicherung, den nur diese trägt Schäden für Unterlassungen und Falschberatungen, etc. - allerdings leider nicht bei Vorsatz und in der Regel grober Fahrlässigkeit. Aber das ist dann wohl Kern dem Strafprozess als Beweissicherungsfeststellung folgenden Zivilklageverfahren gegen Beteiligte (es sitzen ja nicht zum Spaß zwei weitere Rechtsanwälte als unabhängige Zeugen auf der Anklageseite). Bleibt auch spannend zu erwarten, ob hier die hoffentlich (noch) vorhandenen Diensthaftpflichtversicherungen ausreichende Deckungen gegen Vermögensschäden aufweisen (diese haben sie ja zumeist nur in lächerlichen Deckungshöhen)und die entsprechend Vor- und Nachversicherungsklausel enthalten, ansonsten wäre bei Rechtsprechung eine Durchgriffshaftung ins Privatvermögen unausweichlich ... .
Ich denke, man müsste Herrn Mollath schon persönlich kennen, um nur näherungsweise das oben Geschriebene auch einordnen zu können. Dieser "Fall" dürfte zu komplex sein, als dass man hier mit ein oder zwei Statements einiges an Fehlverhalten (von allen Seiten) gerade rücken könnte.
Wie haben oben genannte Fakten in irgendeiner Weise Bezug zu der Person M.?
äh, wessen Fall wird da nochmal verhandelt?
Für Querdenker: Was haben allgemeine Rechtsverstösse, Verfahrensabläufe, Prozessordnungen, GEsetzesvorgaben, etc. mit einer Person zu tun?! Mit einer Person nix, wohl aber mit dem "schludrigen" Rechtssystem ...
Is ja auch nich von mir - nur von einem bayr. Exrichter- und Staatsanwalt: http://www.sueddeutsche.de/bayern/neues-verfahren-im-fall-mollath-wiedergutmachung-fuer-erbarmungslose-schludrigkeit-1.2029324
Ja, Herr Lapp, es gibt schwierige Menschen, die sich nicht immer angepasst verhalten. Deshalb ist es für einen Rechtstaat existentiell wichtig, dass die Justiz auch mit solchen Menschen gerecht und menschenwürdig umgeht.
Ob Gustl Mollath so ein Fall ist, weiß ich nicht.

Schließlich kann auch keiner wirklich nachvollziehen, inwieweit ein Ehekrach dazu beiträgt, die zwischenmenschlichen Beziehungen zu verschlimmern.
Einerseits gibt es Menschen, die aggressiv und laut werden, andererseits aber auch solche, die still und heimlich nach Rache suchen.
Wir Menschen können in Ausnahmesituationen ungeahnte Charakterzüge annehmen.
Auch Frauen sind da nicht ganz so hilflos, wie sie sich manchmal geben oder darstellen lassen.
Derartige Hintergründe hat aber ausschließlich ein Gericht zu beurteilen, wenn es Recht sprechen muss.

Aber ohne die konstruktive Mitwirkung der Exfrau wird es schwierig sein, ein abschließendes und gerechtes Urteil zu finden.


Mollath ist das eine. Ob krank oder nicht, sympathisch wirk das in der Gesamtschau nicht. Aber darauf kommt es auch nicht an.

Was erschreckend und beängstigend ist, ist der Totalitarismus der "Mollath-Miliz". Das sollte ein Experte einmal untersuchen.
Die Causa Mollath tritt fast schon zurück hinter diese Entwicklung, die für einen Rechtsstaat ebenfalls bedenklich ist, da sie Formen von Selbstjustiz annimmt. Für mich strukturell eine interessantere Fragestellung als der Ursprungsfall.
Ich bin da ganz anderer Meinung!
Fakt ist meiner Meinung nach, dass es ganz erhebliche Anzeichen gibt, dass Herrn Mollath Unrecht widerfahren ist.
Nicht, dass er unschuldig sei, das weiß heute niemand, aber dass er als unschuldig eingestuft und durch Gutachter 7 Jahre eingespertrt wurde. Es ist zweifelsfrei, dass vieles dabei schief gelaufen ist oder zu wenig aufgeklärt wurde.
Und nun geht es darum, Herrn Mollath endlich ein faires Gerichtsverfahren zu ermöglichen.
...
Montag, 13. November 2017 - 11:06