Wie eine Vision Realität wurde

1957 war Fritz Frosch 17 Jahre alt. Er war einer von damals rund zwei Dutzend Skispringern alleine in Bischofsgrün. Eine Sprungschanze gab es damals schon seit 1933, und auch viele andere Orte in Fichtelgebirge und Frankenwald hatten eine. Aber der Schneemangel machte schon damals Kopfzerbrechen, weil er die Trainingsmöglichkeiten einschränkte, Versuche mit Kunstschnee oder Unterlagen aus Stroh oder Tannennadeln brachten keinen Erfolg.

Alte Verbindungen

Der Eiserne Vorhang war damals noch durchlässig, die alten Verbindungen in die Wintersportgebiete in der DDR waren damals noch nicht abgerissen. 1955 gab es eine Einladung nach Oberhof. Zum „Sommerskispringen“. Die dortigen Wintersportler hatten die Lösung gefunden: ein Mattenbelag aus Kunststoff. Ein Jahr später hatten die Bischofsgrüner Gelegenheit, die Schanze selbst zu erproben. Und waren begeistert. Doch dann der Rückschlag: Die Firma in der DDR, die den Mattenbelag hergestellt hatte, wollte oder sollte nicht für die Sportkameraden beim „Klassenfeind“ produzieren. Doch die Bischofsgrüner hatten ein Muster aus Oberhof mitgenommen: Ein Stück Plastik, das an einen Besen erinnerte. Im fernen hessischen Odenwald fanden die Bischofsgrüner eine Firma, die in der Lage war, den Mattenbelag in ausreichender Menge zu produzieren.

Doch auch die Schanze selbst musste im Grunde neu gebaut werden. Der Skiclub Bischofsgrün musste insgesamt rund 50.000 Mark auftreiben. Zum Vergleich: Einen nagelneuen VW Käfer bekam man seinerzeit für weniger als 4000 Mark. Im damaligen Landrat Josef Kohut hatten die Bischofsgrüner einen, der ihre Vision teilte, der Zuschüsse besorgte. Auch der ehemalige Bürgermeister Christian Schwarz schaltete sich ein. Schwarz hatte 24 Jahren zuvor die erste Sprungschanze in Bischofsgrün gebaut – auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise mit Hilfe eines Vorläufers der späteren ABM-Maßnahmen.

Keine Sicherheit, kein Kredit

Doch ohne Geld von der Bank ging es nicht weiter. Und die Banken hatten damals schon mitunter Probleme, für kühne Visionen Kredite zu geben. Guter Rat war teuer. Da sprang der damalige Skiclub-Vorsitzende Dr. Hermann Meyer in die Bresche. Weil die Banken Sicherheiten wollten, verpfändete er sein Haus samt Arztpraxis für den Kredit. Das Haus steht heute noch, es ist das erste Haus links an der Ochsenkopfstraße.

Der kühne Entschluss von Meyer wurde damals nicht an die große Glocke gehängt, erinnert sich Fritz Frosch, wurde eher wie eine Geheimsache behandelt, ebenso wie die genaue Höhe der Bürgschaft. Frosch schätzt, dass es 10.000 oder 15.000 Mark waren.

Meyer (1916-1995) war „ein ganz toller Mann“, erinnert sich Frosch, bescheiden und doch voller Tatendrang und visionärem Wagemut. Meyer ist auch Autor einer maßgeblichen Chronik Bischofsgrüns, die der FGV vor wenigen Jahren erstmals als Buch herausbrachte. Die Gemeinde ehrte Meyer mit einer Straßenbenennung.

An Pfingsten 1957 sollte Eröffnung der ersten Sommerskisprungschanze in der westlichen Welt sein. Die Werbung war schon angelaufen, die Nationalmannschaft sollte kommen.

Nervenkrieg vor dem Springen

Doch die Nerven der Bischofsgrüner wurden erneut getestet: Der Deutsche Skiverband (der keinen Pfennig zum Bau beigesteuert hatte), wollte die Schanze zunächst nicht als Wettkampfstätte zertifizieren. Keine Wettkämpfe, keine Einnahmen. Doch in letzter Minute lenkte der DSV ein. Und zum ersten Sommerskispringen in der westlichen Welt, am Pfingstsonntag 1957, kamen sage und schreibe 20.000 Menschen nach Bischofsgrün. „Im Herbst bei einer zweiten Veranstaltung, waren es noch mal 12.000“, erinnert sich Fritz Frosch. Damit konnte bereits im ersten Jahr der Großteil der Verbindlichkeiten für den Bau der Schanze getilgt werden. Dr. Hermann Meyer konnte sein Haus behalten.

Seither findet in Bischofsgrün jedes Jahr das Pfingstskispringen statt. Wobei die Schanze seither zweimal neu gebaut wurde. Und seit dem vergangenen Sonntag hat die Schanze auch ein Maskottchen: Ein Luchs auf Skiern, entworfen von Fritz Baumgärtel, den es auch als Postkarte, als Tasse, als Baseballmütze, als Pin, als Kissen und als Stofftier gibt. Sein Name: „Henner“. Benannt nach Henrik Ohlmeyer, der 1968 als Skispringer an der Winterolympiade teilnahm.

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