Wie die Kripo die Autoschieber jagte

Die heiße operative Phase der Jagd nach der Autoschiebebande begann für die Kriminaler der Ermittlungsgruppe "Caravelle" - dies ist die Bezeichnung für den VW Transporter T5, eines der beliebtesten Fahrzeuge der Autodiebe - im Juni 2016. Damals gab es, für Normalbürger nicht zu erkennen, eine Verfolgungsfahrt durch Oberfranken. Zwei mutmaßliche Mitglieder der Autoschieberbande waren unterwegs, um in Deutschland einen Auftrag auszuführen. Zahlreiche Polizisten in Zivil waren entlang der Fahrtstrecke entlang der A9 in Richtung Süden an der Observation der Verdächtigen beteiligt. Um das Auto der beiden Männer einerseits nicht aus den Augen zu verlieren und andererseits nicht aufzufallen, arbeitete die Kripo wie in einem Kriminalfilm: Die Beschatterteams wechselten. Als in Nürnberg schließlich die Festnahme der zwei 33 Jahre alten Männer mit moldawisch-rumänischer Staatsangehörigkeit gelungen war, erbrachte das für die Ermittler wertvolle Erkenntnisse über die Arbeitsweise der Bande.

Die Autoschieber hatten ihr kriminelles Vorgehen in "Geschäftsbereiche" aufgeteilt, gab KPI/Z-Chef Alfred Kauper bei der Pressekonferenz zu dem Fall bekannt. Der erste Bereich war die Auftragserteilung. Bandenmitglieder, die unterwegs waren, um Fahrzeuge zu stehlen, hatten oftmals schon "Bestellzettel" dabei: Orte mit Adressen, wo das gewünschte Fahrzeug zu holen war. Mancher Tatort war vorab durch Internetrecherche auf online-Automärkten festgelegt. Manche Tatorte kannten die Täter aber durch frühere Diebesfahrten, die auch zu Erkundung dienten. Die Bestellzettel waren versteckt, unter anderem im Inneren von Kugelschreibern.

Tatwerkzeuge in Hohlräumen versteckt

Geschäftsbereich zwei betraf das Knacken der zu stehlenden Autos. Hierfür waren die Diebe professionell ausgerüstet. Neben den üblichen Werkzeugen, wie dem sogenannten Polenschlüssel, wurden das ebenfalls schon bekannte "Ziehfix" oder ein schon aufwendigeres Werkzeug namens "Pickingtool" verwendet. Die umherfahrenden Diebe waren stets äußerst vorsichtig und konspirativ: Ihre Tatwerkzeuge lagen nicht offen in ihrem Auto umher, sondern waren raffiniert in Hohlräumen verbaut und versteckt.

Dort befanden sich auch weitere Utensilien, die für das Starten der begehrten Fahrzeuge notwendig waren: Etwa Computer, mit denen man die Motorsteuerung manipulieren kann. Oder zum Beispiel für den Diebstahl des begehrten Mercedes Sprinter-Modells Ersatzteile: Für den Sprinter braucht es das ein Steuergerät, ein Zündschloss und die elektrische Lenksäulenverriegelung. Diese drei Teile müssen aufeinander angestimmt sein. Die Diebe hatten sie für die Sprinterdiebstähle im Paket dabei, ersetzten die Originalteile damit und konnten so die Fahrzeuge ungestört starten.

Mit dem Scanner auf Suche nach Polizeiwanzen

Mit zur Diebesausrüstung gehörten auch GPS-Scanner. Immer, wenn die Autodiebe erfolgreich die Grenze nach Tschechien passiert hatten, fuhren sie nicht gleich zu ihren Werkstätten, sondern prüften ihre Autos zunächst einmal, ob sie von der Polizei mit GPS-Sendern "verwanzt" worden waren. Kriminaldirektor Kauper erklärte bei der Pressekonferenz auf Anfrage, seine Ermittler hätten jedoch "nicht einen der GPS-Sender" abschreiben müssen. Auch gegen mögliche Telefonüberwachung waren die Diebe gerüstet: Sie benutzten keine Smartphones, sondern nur billige Wegwerfhandis mit billigen Simkarten.

Die erfolgreiche Razzia im Anfang März in Tschechien spricht dafür, dass die Bande sich jenseits der Grenze sicher fühlte. Die Großaktion deutscher und tschechischer Polizisten und Staatsanwälte war von langer Hand vorbereitet worden. KPI/Z-Chef Kauper sprach gegenüber unserer Zeitung von einer "langen, vertrauensvollen Zusammenarbeit" mit tschechischen Behörden, die aufgrund des Crystal-Meth-Schmuggels seit Jahren ausgebaut werde. der Coburger Staatsanwalt Christian Pfab erklärte, beim Coburger Amtsgericht seien rund 100 Beschlüsse erlassen worden, viele davon seien im Wege der Rechtshilfe an die tschechischen Behörden übermittelt worden.

Eine professionelle Verwertungskette

Bei der Razzia stellten die KPI/Z-Ermittler fest, was sie seit langem vermutet hatten: dass die Verwertungskette der gestohlenen Auto auch in Tschechien genauso professionell betrieben wurde wie die Diebstähle in Deutschland. In den angeschlossenen Werkstätten und Lagern fanden die Ermittler einen Zerlegebetrieb, Regale voller Autoteile und bereits umfrisierte Fahrzeuge. Papiere, Stempel, Typenschilder, Motornummern, Zündschlüssel - die kriminelle Organisation hatte die Tarnung und Fälschung der umfrisierten Fahrzeuge bis ins kleinste Detail durchdacht. Und die Diebe waren schnell, wie Alfred Kauper sagt: "Bei der Razzia fanden wir einen Motorblock, der drei Tage zuvor noch in seinem Originalauto auf deutschen Straßen unterwegs war."

Kauper erklärte auf Anfrage, dass an dem Fall vier Sachbearbeiter seiner Dienststelle als Hauptermittler arbeiten. Sie bekamen und bekommen Unterstützung von Computerexperten, die Daten auswerten oder von Kfz-Experten, die auch beste Manipulationen erkennen. Kauper ließ durchblicken, dass seine Ermittler in dem Fall bis an die Grenzen des Möglichen gegangen seien - was sich nach Ansicht von Staatsanwalt Pfab aber durchaus gelohnt hat: "Ich bin überzeugt, dass wir die ganze Organisation zerschlagen haben. Immerhin haben wird den Haupttäter geschnappt." Für Pfab ist es ein besonderer Erfolg, dass dieser Drahtzieher, der "noch nie deutschen Boden betreten und der alle Rechtsmittel in Tschechien ausgeschöpft hat", nach Deutschland ausgeliefert worden sei. Pfab sagte, es sei dennoch eine besondere Belastung für die Coburger Anklagebehörde, den Fall zentral zu übernehmen. Zwei der elf Staatsanwälte seien mit dem Verfahren befasst.

Im November soll ein erster Prozess gegen zwei Mitglieder der Bande stattfinden. 13 Verhandlungstage hat die große Strafkammer des Landgerichts Coburg hierfür angesetzt.

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Kommentare

Aufgrund des Volkswirtschaftlichen Schadens welcher durch die Bande
verursacht wurde wäre das Strafmass Spargel und Kartoffelgraben
für die Tafel der nächsten 20 Jahre.
Aber keine Bange, die nächste Diebstahlsformation hat sich schon gebildet.
Können ja alle rein und raus wie es beliebt.
So ist es leider!

Das Strafmaß wird zwei Jahre auf Bewährung lauten, wie immer.
Eine Mauer mit Schießbefehl hatten wir schon.Oder gibt es eine echte Alternative? Bitte Vorschläge, liebe(r) factum. (Vorsicht: bittere Ironie)
Freiheit hat ihren Preis.Nämlich die Kosten für deren Überwachung.
Von dieser Art der Freiheit hat der Normalbürger mehr Schaden als Nutzen.