"Whatsapp hat genau das, was Facebook braucht"

Herr Koubek, Facebook hat angekündigt, den Smartphone-Nachrichtendienst Whatsapp für 19 Milliarden Dollar zu übernehmen. Brillanter Coup oder Wahnsinnstat?
Jochen Koubek: Das sind zwei ziemlich extreme Pole! Ich würde sagen: Facebook macht da einen wohlüberlegten Schachzug. Whatsapp hat genau das, was Facebook zurzeit braucht – junge Nutzer, die gut miteinander vernetzt sind. Außerdem war Whatsapp ein Wettbewerber, der das Potenzial hatte, Facebook mittelfristig den Rang abzulaufen. Zusätzlich setzt Facebook mit der Übernahme ein klares Signal an seine Konkurrenten: Wenn ihr euch mit uns anlegen wollt, braucht ihr dazu erst mal das nötige Kleingeld. Bei den Summen können nur noch wenige Firmen mithalten.

Was genau macht Whatsapp für Facebook interessant?
Koubek: Erstens kommt es jetzt endlich an eine Altersgruppe heran, die es zuletzt nicht mehr so gut erreicht hat, nämlich die Unter-20-Jährigen. Und zweitens beseitigt es einen Konkurrenten. Das ist wichtig, weil Facebooks Geschäftsmodell darauf beruht, zahlenden Werbekunden exklusiven Zugang zu seiner Ware zu bieten, das heißt zu den Facebook-Nutzern, der werberelevanten Zielgruppe der 15- bis 30-Jährigen.

Sind die denn nicht mehr bei Facebook?
Koubek: Doch, schon, aber lange nicht so intensiv wie vor drei, vier Jahren. Mittlerweile ist Facebook vielen einfach zu unhandlich. Für einfache Kommunikation – zum Plaudern, Verabreden und so weiter – ist Whatsapp besser geeignet. Viele Junge sind bei Whatsapp aktiver als bei Facebook. Und das ist für Facebook ein Riesenproblem: Wenn sich das herumspräche, würde ihr Geschäftsmodell zusammenbrechen.

Facebook ist also was für Alte?
Koubek: Sagen wir mal für Nicht-mehr-ganz-Junge. Kommunikationsformen verändern sich, das ist generationenabhängig. Ich erlebe das in meinem eigenen Umfeld: Den Senioren muss ich noch Briefe schreiben, die Älteren bekommen Mails – Sie zum Beispiel haben mich angemailt.

... ich bin doch erst 27 ..!
Koubek: Aber ich nicht, für mich ist die behäbige E-Mail genau die richtige Kommunikationsform. Sie haben das bei mir schon ganz richtig gemacht. Die Teenager aber kommunizieren mehr über soziale Dienste wie Whatsapp. Facebook befürchtet vermutlich, bei diesem Prozess mittelfristig selbst unter die Räder zu geraten und ein Medium für Mittelalte zu werden. Deshalb müssen sie an die jüngeren Nutzer herankommen.

Whatsapp ist also ein Jungbrunnen für Facebook?
Koubek: Wenn Sie so wollen, ja.

Facebook hat angekündigt, Whatsapp als separaten Dienst weiterführen zu wollen, und zwar ohne Aufpreise. Wie kann es so mit Whatsapp Geld verdienen?
Koubek: Vermutlich wird Whatsapp so lange kostenlos beziehungsweise sehr günstig bleiben, wie es wächst. Sobald die Zahl der Nutzer sich auf einem bestimmten Niveau einpendelt, wird Facebook Änderungen vornehmen und gegebenenfalls auch Werbung schalten – die Aktionäre wollen ja Profite sehen.

Whatsapp steht – genau wie Facebook – immer wieder wegen fehlenden Datenschutzes in der Kritik.
Koubek: Das stimmt, wird aber wenig ändern. Wir nennen das den Netzwerkeffekt: Im Internet entstehen zwar immer wieder themenspezifische Netzwerke, aber sie haben die Tendenz zur Monopolbildung und werden dann so dominant, dass man es sich kaum erlauben kann, sie zu ignorieren: Wenn Sie online etwas ver- oder ersteigern wollen, kommen Sie an Ebay nicht vorbei, berufliche Kontakte pflegen Sie bei LinkedIn, private bei Facebook, kurze Gespräche mit Whatsapp. Klar gibt es immer Alternativen – aber deren Nutzung geht auf Kosten von geringerer Reichweite, kleinerem Angebot oder der Tatsache, dass Ihre Freunde und Bekannten nicht dabei sind. Die Leute machen mit, weil so viele andere mitmachen und akzeptieren dabei auch für sie nachteilige Geschäftsbedingungen.

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