Werner an Mechelen: Ein Traum wird wahr

Herr van Mechelen, endlich sind Sie auch mal in Bayreuth angekommen, wie fühlt sie sich an, die Vorbereitung auf das erste Mal hier in Bayreuth?

Werner Van Mechelen: Super, es ist echt so ein großes Familiengefühl. Ich bin mit kleinem Herz hergekommen, Bayreuth ist mein Traum, seit ich 13 war. Und es ist jetzt das erste Mal, dass es klappt. Es bleibt ein Tempel, vor dem ich viel Respekt habe. Trotzdem: Man wird mit offenen Armen empfangen, in der Kantine an Tische eingeladen. Und ich habe ein Geschenk bekommen.

Was gab es denn?

Van Mechelen: Eine sehr schöne Flasche Weißwein, dazu leckeren Käsekuchen.

Der "Parsifal": Unsere Kritik

Sie sind nur einmal dabei, am 14. August singen Sie den Klingsor.

Van Mechelen: Leider ja, aber ich covere auch den Alberich und den Kurwenal. Als Gerd (Grochowski, Anm. der Red.) gestorben ist, wurden andere Leute gesucht. Man hat Derek Welton verpflichtet, und der macht das super, aber an einem Termin kann er nicht, weil er in Salzburg singt. Und weil mich Katharina Wagner als Kurwenal in Hamburg gehört hat, hat sie mich angerufen.

Sie warten schon länger auf den Ruf aus Bayreuth…

Van Mechelen: Wolfgang Wagner hatte zumindest schon mal zu mir gesagt, dass ich als Alberich in der engen Auswahl stehe. Er war ganz begeistert, leider ist es nicht dazu gekommen. Alberich ist die Partie, die ich am öftesten gesungen habe. Letztes Jahr kam dann Katharina nach Hamburg – es ist schon so, man muss die richtigen Leute im richtigen Augenblick treffen.

In Bayreuth singt man sich aus - oder gar nicht

Um endlich nach Bayreuth zu kommen.

Van Mechelen: Ich spreche für mich persönlich. Für mich ist es ein viel größerer Traum als die Met oder die Scala. Als Wagnerianer in das Wagner-Mekka zu kommen, den „Parsifal“ zu singen in dem Haus, das er dafür gebaut hat… Und dann sind auch noch die besten Kollegen, Regisseure und Dirigenten hier. Wenn man dazugehören darf, ist das einfach wunderschön. Mir tut das richtig gut. Es mag Leute geben, die das nicht so wichtig finden. Aber für mich ist das etwas Großes. Katharina Wagner, stellen Sie sich vor, sie stammt aus der Familie von Richard Wagner selber. Und das gibt ein Gefühl des Stolzes, das man mitmachen kann. Man erwartet hier das Beste, man muss gut vorbereitet kommen, muss sich seiner Sache sicher sein. Man muss immer auf dem höchsten Niveau singen. Woanders sagt man schon mal, ich singe mich nicht ganz aus. Hier nie. Das gibt eine gewisse Spannung, aber für mich ist das positiv.

Nun singen Sie sogar von einem Logenplatz aus, im „Parsifal“ stehen Sie als Klingsor hoch oben im Bühnenbild im kleinen Kruzifix-Zimmerchen. Genießen Sie die Aussicht?

Van Mechelen: Man schaut wirklich ins Publikum hinein. Das gibt ein für diesen Charakter sehr passendes Gefühl der Überlegenheit. Es gibt mir Kraft. Mit den Kreuzen an der Rückwand gibt einem das noch eine Dimension mehr, man spürt die Kraft, die Religion auch im schlechten Sinn ausüben kann. Man sieht in der Weite Parsifal kommen, aber man kann über ihn hinwegsingen, geradeaus nach vorne weg - das ist für Sänger doch gut.

Alberich soll auch rühren können

Die böse Kraft der Religion: Klingsor wurde böse, weil er nach dem Guten gestrebt hatte.

Van Mechelen: Er entsagt der Liebe, um damit etwas zu erreichen. Wie Alberich. Ich finde aber, dass diese beiden Figuren auch Mitleid verdient haben, die sind nicht nur böse, Klingsor nicht, Alberich auch nicht. Die sind so geworden, weil sie etwas nicht bekommen konnten. Den Alberich singe ich denn auch nicht nur von der bösartigen Kraft her, sondern auch schön, mit einer Farbe, die rühren kann.

Wenn Sie von Ihrem Kabäuschen aus singen – wie nehmen Sie die Akustik wahr?

Van Mechelen: Ich bin sehr überrascht von der Akustik des Hauses. Wenn man beispielsweise mit normaler Stimme singt und es klingt wie im Badezimmer. Man hört sich viel lauter als in einem anderen Theater. Wenn man hier leise flüstert, höre die anderen trotzdem alles. Der Klang des Orchesters kommt erst zu uns, mischt sich mit der Stimme und geht dann in den Raum hinaus.

"Das Spiel ist sehr wichtig"

Sie sind die meiste Zeit in Bayreuth und wissen, dass Sie nur zum Einsatz kommen, wenn ein Kollege ausfällt.

Van Mechelen: Ich hoffe das nicht, das sind Freunde von mir. Aber es ist logisch, dass man, wenn man eine Rolle covert, diese Rolle eines Tages auch singen möchte. Ich habe geprobt, wenn mein Kurwenal gefragt ist, bin ich da. Dasselbe gilt auch für den Alberich.

Sie singen auch Barock-Opern. Wie passt denn das zu Wagner?

Van Mechelen: Das singe ich gar nicht mehr so viel. Ich habe früher nie Opern gemacht, immer nur Oratorien und Liedgesang. Als ich mein Opernstudium in Zürich angefangen habe, war ich froh, dass ich die anderen Sachen weitermachen konnte: das Lied, für das der Text so wichtig ist, das Oratorium, wo der Text zwar weniger wichtig ist, aber dafür kann man Leichtigkeit und Flexibilität mitnehmen. Die Stimme wird leicht. Das kann helfen, Wagner und die schweren Partien von Strauss zu singen. Barockpartien sind übrigens auch nicht gerade leicht zu nehmen. Abwechslung ist meine Medizin, meine Stimme gesund zu halten. Ich gehe sehr stark vom Text aus, mein Ziel ist Verständlichkeit. Und das Spiel ist natürlich auch sehr wichtig.

"Ich gebe alles"

Nervt Sie’s ab und an, dass Sie auf Ihre Vielseitigkeit angesprochen werden? Da schwingt vielleicht der Vorwurf mit, dass einer, der alles kann, eines eben nicht kann: Wagner singen…

Van Mechelen: In Deutschland wird man schnell in eine Schublade gesteckt. Du bist Spieltenor, bist ein Buffo, das bist du dann und bleibst es, und dann kannst du das und das nicht singen. Das ist ein Fehler. Die Titelrolle im Don Giovanni wird meist von einem lyrischen Bariton gesungen, sie kann aber auch von Bässen gesungen werden, es hängt doch nur davon ab, welche Farbe man möchte. Ich singe Klingsor, aber auch Amfortas. Es war ursprünglich auch gleich besetzt, nur anders umgesetzt, der Amfortas ist mehr liedhaft geprägt, Klingsor muss aggressiver klingen. Ich singe den Alberich, aber auch den Wolfram – das ist doch alles relativ. Man sagt mir, dass ich den Alberich schön singe. Aber ich bleibe vielfältig, ich will viele Dinge ausprobieren. Auch wenn ich nichts singen werde, was ich nicht singen kann. Letztes Jahr habe ich den Scarpia gesungen, ich glaube, das ist gar nicht schlecht gewesen. Ich gebe alles. In dem Moment aber, da ich auf der Bühne stehe, ist es vorbei. Die Spannung, ja, die muss man weiterhin haben, aber der Grundstress ist dann weg. Und deswegen spiele ich gerne: Weil das Spielen ablenkt. Und: Ich sehe das Publikum ja normal gar nicht.

Wenn Sie in die Zukunft schauen: Was möchten Sie noch singen?

Van Mechelen: Den Gunther in der „Götterdämmerung“. Obwohl das keine so große Partie ist, ist sie doch sehr schön. Der Charakter fasziniert mich, den betrachte ich mit unheimlich viel Respekt. Eine andere Rolle, die ich mir wünsche: Hans Sachs. An sich ist die Rolle mir auf den Leib geschrieben. Das Problem ist: Man singt mehr als zwei Stunden, und da käme es auf einen Versuch an, vielleicht an einem kleineren Haus. Der Holländer würde mich auch interessieren, das ist eine Partie, die mir am Herzen liegt. Was mir sonst noch gefällt: der Wozzeck. Partien, in denen ich auch in dramatischer Hinsicht etwas zeigen kann, mag ich gern. Das dürfen übrigens durchaus komische Rollen sein, wie der Gianni Schicchi.

Nicht bewertet

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