Wenn Steine ins Reden kommen

Am Ende mag man gar nicht mehr aufhören mit dem Zuhören. Und der Blick bei jedem Schritt, den man macht, der richtet sich auf den Boden. Oder auf die Wände des Neuen Schlosses. Oder auf die Steinplatten, die edlen, die von den Konsoltischlein getragen werden, deren filigrane Formgebung plötzlich sowas von profan erscheint. Gerhard Lehrberger, im normalen Leben Akademischer Direktor am Lehrstuhl für Ingenieurgeologie an der Technischen Universität München (TUM), gibt dem Material Stein eine Geschichte - eine Vielfalt, die sich plötzlich öffnet. Und die das Rad der Geschichte blitzschnell in die Zeit das Barock zurückdreht.

Buntheit und Kitsch des Barock

Zum Gespräch mit dem Kurier bittet Lehrberger in die Grotte im Neuen Schloss. Doch es sind erst einmal nicht die glitzernden Steine aus der Grotte, die er ins Zentrum rückt. "Im Barock war die Buntheit gefragt", sagt Lehrberger und umschifft den Begriff Kitsch. Auch bei den Bodenbelägen. "Die Bayreuther Schlösser sind üppig ausgestattet mit Natursteinen. Das hat Bedeutung auch für uns als Geologen. Wobei das in der Kulturgeologie ein relativ neues Thema ist", sagt Lehrberger. Der Grund, warum die Bayreuther Schlösser - das Neue Schloss und die Eremitage - in Steinen schwelgen können, liegt an Sträflingen. Markgraf Georg Wilhelm hatte bei der Gründung von St. Georgen nicht nur eine barocke Musterstadt, ein Schloss und einen seeschlachttauglichen See angelegt, sondern auch ein Zuchthaus gebaut. "Mit einer Marmorfabrik und der Porzellan- und Fayencen-Herstellung", sagt Lehrberger. Die Markgrafen saßen praktisch an der Quelle.

Häftlinge, die nicht in Ketten schmachten, sondern schöne Steine bearbeiten

Was für Lehrberger die Brücke zu Bayreuth und den steinreichen Schlössern ist, ist Matthias von Flurl. "Von Flurl war 1792 der Begründer der Geologie in Bayern", sagt Lehrberger, der Flurl-Experte ist. "Von Flurl ist einst auch durch Bayreuth gefahren und hat aufs Heftigste gelobt, wie sinnvoll die Häftlinge in Bayreuth lebten. Sie müssten nicht in Ketten schmachten, sondern könnten wunderbaren Stein bearbeiten." An dem Text Flurls sei er hängen geblieben, habe begonnen, sich mit dem Bayreuther Marmor intensiver zu befassen. Inzwischen gibt es auch eine Bachelor-Arbeit einer seiner Studentinnen, die sich mit der Erfassung des Steinbestandes im Neuen Schloss befasst. Ein Ergebnis: In Bayreuther Schlössern finden sich fast nur einheimische Steine. "Das ist das Besondere hier", sagt Lehrberger und kniet sich auf den Boden im Vorraum der Grotte, die durch die Mischung aus Bergkristallen und Marmorsteinchen zum Glitzern gebracht wird. "Wir haben hier nicht nur die Geschichte eines 250-jährigen Gebäudes vor uns, sondern Erdgeschichte von mindestens 500 Millionen Jahren."

Kristalle, bei der Gebirgsbildung entstanden

In dem Vorraum sieht der Boden aus wie in ein Schachbrett in unterschiedlichen Creme-Tönen. "Beides Kalksteine", sagt Lehrberger. "Das eine ein fossilführender Kalkstein, entstanden im Jura. Er stammt aus Streitberg." Der hellere Stein glitzert, wenn man ihn schräg von der Seite betrachtet. "Wunsiedler Marmor", sagt Lehrberger. "500 Millionen Jahre alt. Die Kristalle sind durch Gebirgsbildung gewachsen, als das Gestein auf mindestens 300 Grad aufgeheizt wurde." Im Nebenraum wechseln sich Platten in Dreiecksform ab. Marmor, "Deutsch-Rot aus Naila, Grau aus Wallenfels", sagt der Geologe. Grau und Rot "wiederholen sich häufig im Barock. Die Ordenskirche in St. Georgen spielt das gleiche Schema. Ein aus meiner Sicht völlig unterschätztes Bauwerk". Was die Kirche so besonders macht. Sie stammt von 1716 - aus einer Zeit, in der es das Marmorwerk noch gar nicht gab.

Kein Fitzelchen Granit im Neuen Schloss

Im ganzen Neuen Schloss, sagt der Geologe, finde sich "kein Fitzelchen Granit", obwohl der Granit genauso wie der Marmor - "der kam aus einem Dreieck Hof, Streitberg, Wunsiedel" - in der Nähe von Bayreuth gebrochen werden kann. "Granit konnte im Barock noch nicht bearbeitet werden, die moderne Steinbearbeitung hat erst Erhard Ackermann aus Weißenstadt im 19. Jahrhundert entwickelt."

Der Marmorsaal kommt ohne ein Gramm Marmor aus

Dafür gibt es kuriose Schummeleien mit Stein, sagt Lehrberger bei einem Ausflug in die oberen Prachträume im Neuen Schloss. "Im Marmorsaal gibt es auch kein Stück Marmor", sagt er und zeigt mit sichtbarer Hochachtung auf die Wände dieses großen, höchst herrschaftlichen Raumes. "Stuck-Marmor. Sehr kunstvoll hergestellt. Solch große Flächen wären niemals machbar gewesen. Aus baulichen und aus Transportgründen." Genauso haben die Künstler im Treppenhaus aus der optischen Täuschung eine Tugend gemacht: Alles Gips statt edler Stein oder Sandstein. "Spürt man, wenn man mit dem Handrücken sanft hindrückt. Stein ist kalt. Das hier nicht. Und von Stein geht auch keine Farbe ab."

Die Kamine sind mehr als nur einen Blick wert

Was Lehrberger im Schloss allerdings "richtig begeistert", wie er sagt, sind: die Kamine. "Sie sind die Prunkstücke in den Räumen. Man hat die schönsten Materialien dafür verwendet." Offensichtlich habe es in der Marmorfabrik "sogar eine kleine Serienfertigung gegeben, weil es zwei identische Kamine gibt, die es auch in der Eremitage gibt". Einer der Kamine ist aus Altdorfer Marmor gefertigt, mit Einschlüssen von unterschiedlichen Tintenfisch-Gehäusen. "Eine ganz auserlesen Geschichte", sagt Lehrberger. Und eine, die viel zu selten näher betrachtet wird. So ein Kamin, sagt Lehrberger, war "der Mercedes des Markgrafen" - ein Stück zum Herzeigen. Und eines, dem man zuhören kann, wenn der Geologe die Steine zum Sprechen bringt.

Zwei Führungen am 16. und 17. September

Zwei Führungen wird am 16. und am 17. September mit Gerhard Lehrberger geben. Am 16. September um 15 Uhr im Neuen Schloss und am 17. September um 13.30 Uhr in der Eremitage. Anmeldung unter 0921/7596921.

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