Was verbindet Bach und Luther?

Das C-Dur-Präludium ist gewiss das abgenudeltste aller Bach-Klavier-Präludien, aber dafür kann der Komponist nichts. Doch Wessel verkörpert den relativ seltenen Typ des wahrhaft und wirklich denkenden Musikers, dem sein Denken beim Musizieren nicht im Weg steht, der auf die musikalische Wirkung zielt.

Deshalb klingt auch das vielleicht allzu bekannte Stück plötzlich wie aus der Hand des Komponisten: unmittelbar, originell, frisch. Was also verbindet Bach und Luther? Viellicht auch im Fall der Klavierstücke das Bewusstsein, dass Musik gleich welcher Art das Herz erfreuen und erfrischen soll – wozu es freilich eines Interpreten vom Rang des Bayreuther Klavierprofessors bedarf, der den Notentext so anschaut, als habe sich noch keine undurchdringliche Traditionsschicht darüber abgelagert.

Bach und Luther: dies ist das Thema des Abends in der Hochschule für Evangelische Kirchenmusik, das Intellekt und Musik verbindet. Professor Ulrich Konrad, der Ordinarius des musikwissenschaftlichen Lehrstuhls der Universität Würzburg, geht zunächst ins Grundsätzliche der Geschichtsschreibung, wenn er betont, dass es eine dauerhaft gültige Interpretation historischer Ereignisse und Prozesse nicht geben kann.

Verzicht auf Effekte

Ebenso wenig, denkt sich der Musikfreund, ist musikalische Interpretation eine Sache ewiger Wahrheiten. Konrad entwirft das Bild des musikliebenden und im Dienste seines Gottes praktizierenden Theologen, der mit seinen Überzeugungen zur Rolle der Musik antikes Gut noch an die Gegenwart weitergab. „Allein zur Ehre Gottes“, so hat es später Bach ausgedrückt.

Auf dem Programmzettel steht geschrieben, dass auch die scheinbar absolute Musik des „Wohltemperierten Klaviers“ im Sinne der Symbolsprache des Barock eine konkrete theologische wie bildhafte Bedeutung habe; hier erspürt Wessel die Kreuzigung, dort die „Mühsal des Kreuztragens“. Nun ja… leider gibt es weder in der Literatur des Barock noch in der zeitgenössischen Bach-Überlieferung irgendwelche Hinweise auf derartige zahlenzählende Deutungen, die den Nachweis einer ästhetischen Kabbala legitimieren könnten.

Es kommt auch nicht drauf an, denn der Pianist erzeugt bei den 9 Präludien und (Doppel)-Fugen Spannung durch Genauigkeit. Er verzichtet auf „Effekte“, um im Strom eines bruchlos fließenden Stroms die Logik der Werke durchaus effektvoll ins Gehör zu bringen: über die e-Dur-Notenketten, die Wagner zum Meistersinger-Präludium inspiriert haben könnten, die harmonisch reiche Eleganz des Cis-Dur-Stücks, die gewaltige und exzellent gelichtete cis-Moll-Fuge zum leicht schrägen gis-Moll.

All das klingt so zart wie genau. Die Musik von 1720 verleugnet nicht, dass sie auch für die ewige Gegenwart geschrieben wurde: eben zur Erfrischung der Herzen. Mit einem Wort: Eine göttliche Interpretation. Vielleicht haben Luther, Bach und das „WTK“ ja doch Zentrales miteinander gemein.

Nicht bewertet

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