Was Kritiker zum "Parsifal" sagen

Gemurmelte Bitte eines Ungläubigen

Reinhard J. Brembeck in der „Süddeutschen Zeitung“: „Haenchen dirigiert nüchtern, aber nie steif oder unsensibel. Er liefert einen zügig flutenden Musikzauber, in traumhaften Pastellklangfarben gehalten. Und das Festspielorchester erfüllt ihm jeden nur denkbaren Wunsch. So gelingen die Außenakte auf Weltniveau (...) Klaus Florian Vogt ist als Titelheld ideal. Ein blonder Hüne mit nie unangenehm gleißender Stimme. Elena Pankratova verfügt nicht nur über eine mächtige, gleichwohl agile Stimme, sondern auch über viel Schauspieltalent. Georg Zeppenfeld, in der Form seines Lebens (...). Laufenberg ist ein gewiefter Theatermann, der ähnlich unbekümmert zu Werke geht wie sein Protagonist. Dieser Parsifal ist ein Naivling vom Land, der aus Versehen an eine Heilsbringersekte gerät und schließlich zu deren Führer avanciert. (...) Letztlich lehnt dieser Regisseur die utopische Vision Wagners ab, die Erlösung oder wenigstens spirituellen Frieden für grundsätzlich möglich hält. Hier trifft Laufenberg sich mit dem Dirigenten. Wenig verwunderlich, dass dieses Mal auch die umstrittenen Schlussverse ,Erlösung dem Erlöser’ einem sehr viel weniger aufstoßen als üblich. Sie wirken angesichts von Attentaten, IS-Terror und Sicherheitswahn wie die gemurmelte Bitte eines zutiefst Ungläubigen.“

Nichtauseinandersetzung

Eleonore Büning in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Und manchmal, öfters, herrscht Rückzug auf Restauration und Ratlosigkeit. Es ist ganz erstaunlich, was dem Regisseur Laufenberg, der sonst als ein souveräner Theaterpraktikus bekannt ist, mit einem guten Händchen für Personenführung, diesmal alles nicht eingefallen ist. Und die paar guten Ideen opferte er selbst zwischen Skylla und Charybdis, sie werden zerquetscht zwischen Pseudoaktualität und handgeschnitzter Oberammergau-Konvention. Für die Festspiele in Oberammergau ist das nicht nur viel zu wenig. Diese katastrophale, blauäugig dekorative Nichtauseinandersetzung mit diesem heiklen Stoff, an diesem auratischen Ort, ist ein Skandal, ein klägliches Versagen (...) So kläglich die Szene, so grandios und bewundernswert die Leistungen von Sängern, Musikern und Dirigent. (...) Zwei traumhafte Idealbesetzungen waren zu erleben: Klaus Florian Vogt als Parsifal, der die klare weiße Farbe der Unschuld genau so überzeugend aufträgt wie das volle Gold des charismatischen Helden. Und Georg Zeppenfeld als lebendiger, authentischer Gurnemanz.“

Schrilles Ungeschick

Hans-Klaus Jungheinrich in der „Frankfurter Rundschau“: „Statt den Weg der auffälligen Unauffälligkeit beschritt Laufenberg dann doch lieber die Straße der spektakulären Auffälligkeiten. Und pflasterte sie von Zeit zu Zeit mit ziemlich schrillem Ungeschick, ja mit Fehlern (...) Summa summarum: Ein ziemlich zauseliger Tobak.“

Grandioser Zeppenfeld

Bernhard Neuhoff sagt in „BR Klassik“ über Laufenbergs Friedensvision: „Leider ist weder die Wirklichkeit noch Wagners ,Parsifal’ so einfach gestrickt. Regisseur Uwe Eric Laufenberg will ein großes Rad drehen. Er inszeniert das Stück als Gleichnis auf das Gewaltpotential der Religionen, als Plädoyer für die Befreiung aus den Fesseln des Dogmas. Das ist gut gemeint, handwerklich schwach umgesetzt, oft langweilig und leider auch nicht frei von Kitsch. Umso mehr überzeugt die musikalische Seite. Der helle Tenor von Klaus Florian Vogt hat an Körperlichkeit und Wärme gewonnen. Mühelos und kraftvoll klingt dieser wunderbar strahlkräftige Parsifal - eine tolle Leistung! Eine sehr große, warme Stimme hat Elena Pankratova in der Rolle der Kundry. Ihre eindrucksvollen Spitzentöne schleudert sie mit gezielter Wucht in den Zuschauerraum, findet aber auch im piano zu differenzierter Gestaltung. Nicht ganz auf dieser Höhe bewegt sich Ryan McKinny als zuverlässiger, aber etwas gaumig klingender Amfortas. Grandios dagegen Georg Zeppenfeld als Gurnemanz. Als geborener Erzähler meistert er die langen Monologe mit fesselnder Präsenz. Jedes Wort ist verständlich, die Stimme mit sattem Bassfundament ist stets fokussiert und klar.“

Heilender Held

Werner Theurich in „Spiegel online“: „Im letzten Aufzug fügt Regisseur Laufenberg die Teile in der weiter zerstörten Kirche der christlichen Gralsritter zusammen: Nach Jahren kehrt Parsifal, jetzt als erfahrener Kämpfer in Ninja-Montur, als heilender Held mit dem zum Kreuz geformten heiligen Speer zurück. Amfortas darf sterben, und wieder bemüht die Regie ein Sammelsurium an religiösen Symbolen, die gleich mit in Amfortas’ Sarg wandern: Juden, Christen, Muslime, sogar Buddhisten steuern Symbole ihrer Überzeugungen bei, um sie zu beerdigen. Dann wandern alle gemeinsam in einen Bühnennebel der Ungewissheit. Das wiederum gelang als bedrückend aktueller Bezug unaufdringlich, aber packend.“

Triumph für Haenchen

Markus Thiel im „Münchner Merkur“: „Die Bayreuther Festspiele starten mit missglückter ,Parsifal’-Regie und einem Triumph für Dirigent Hartmut Haenchen. Der Triumph, den der gebürtige Dresdner bei der Eröffnung der Festspiele errungen hat, ist eine späte Satisfaktion. Ein Klangbild, so durchlüftet, als sei der Grabendeckel ein Stück geöffnet worden. Dazu eine Eleganz der Agogik, einen Schwung, eine Natürlichkeit in der Detailbehandlung. Haenchen ist schnell, dirigiert den ‚Parsifal‘ wirklich als Konversationsstück, gönnt sich aber auch große Momente. Eine erfüllte, nie gehetzte Deutung, das ist das eigentliche Ereignis dieser Eröffnungspremiere, die doch unter so vielen Sternen, vor allem den dunklen, stand. Und dann ist da noch die Sache mit dem anderen Einspringer, Uwe Eric Laufenberg. Furchtbar viel ‚Tagesschau‘ muss Laufenberg konsumiert haben. Doch der Realismus steht Laufenberg im Weg, erst Recht, wenn er den Aufklärer und Avantgardisten spielt. In den schlimmsten Momenten ist dieser Abend, der mit zunehmender Dauer immer mehr schwächelt, bestürzend schlicht. (...) Gisbert Jäkels Einheitskirchenraum ist zudem ein akustischer Unfall. Was Laufenberg offenbar als Schauplatz eines Kammerspiels braucht, sperrt die Musik ein. Die Festspielehre rettet, neben Vogt als Parsifal und besonders Haenchen, Georg Zeppenfeld.“

Kaum Ergriffensein

Manuel Brug in der „Welt“: „Laufenberg zeigt alles her: den Gralskelch, den penibel präparierten toten Schwan, die Wunde, die Lanze, die später zerbrochen als Kreuzeichen aufgepflanzt wird. Bis auf die Taube sind alle mottigen Requisiten da. Der so akribisch beginnende Regie-Realismus wirkt plötzlich wie ein neuer Radikalismus. (...) Hartmut Haenchen, durch den Schlagzeilen machenden Abgang von Andris Nelsons im Graben endlich zu Bayreuth-Ehren gekommener Einspringer, begleitet solches, durchaus altmodisches Kulissentheater in scharfen, prickelnden Kontrast – zügig voranschreitend, dabei nie verhetzt, sachlich nüchtern. Immer nah an der Szene, ein durchaus gestischer Klangerzähler, aber unbeeindruckt von jeder mystischen Schwüle, einzig der Rationalität huldigend. (...) Da verschwimmt wenig, verschwiemelt nichts. Der Preis aber ist: keine Transzendenz, kaum Ergriffensein. So wenig ,Parsifal’-Gänsehaut in Bayreuth war selten.“

Sangeskunst auf Welt-Niveau

Monika Willer in der „WAZ“: „Doch trotz des Weihrauchs, mit dem Regisseur Uwe Eric Laufenberg die Handlung zum religionskritischen Diskurs erhebt, bleibt die Produktion hinter der Fallhöhe zurück, die man von einer Inszenierung auf dem Grünen Hügel erwarten darf. Tenor Klaus Florian Vogt in der Titelrolle und Bass Georg Zeppenfeld bieten jedoch Sangeskunst auf Weltklasse-Niveau und werden mit Bravo-Stürmen gefeiert. Für die Regie gibt es Buhrufe weit unter dem üblichen Bayreuther Maß, sie ist zu blass, um wirklich anzuecken.“

Man darf sich wundern

Christian Wildhagen in der „Neuen Zürcher Zeitung“ online: „Wer die ebenso kontroversen wie hoch profilierten Bayreuther ,Parsifal’-Deutungen von Christoph Schlingensief und Stefan Herheim noch vor sich sah – zwei der wenigen Bayreuther Arbeiten, die zu den wegweisenden Inszenierungen der vergangenen Jahre zählen –, musste sich über das fade geistige Niveau dieser Auseinandersetzung mit Wagners Bühnenweihfestspiel doch arg wundern. Zumal es nach der Trennung vom Gesamtkunst-Krawallmacher Meese genügend Zeit gegeben hätte für eine vertiefende Probenarbeit. Umso mehr beeindruckte, was dem Dirigenten Hartmut Haenchen, dem zweiten Ersatz-Künstler dieser nicht vom Glück verfolgten Produktion, bei seinem Debüt auf dem Hügel gelang. (...) Die grössten Schwierigkeiten hat erstaunlicherweise Klaus Florian Vogt als Parsifal, obschon er mit seinem schlanken Lohengrin-Tenor ideal zu Haenchens Klangkonzept passt. Doch am Premierenabend wirkt er stellenweise matt und etwas atemlos.“

Erhaben und provokant

Anthony Tommasini in der „New York Times“ online: „Laufenbergs sensible, den Zuschauer förmlich gefangen nehmende Inszenierung erforscht Wagners hochkomplexes, oftmals rätselhaftes Finale mit tastender Sorgfalt (...) Dies war ein so erhabener wie provokanter ,Parsifal’.“

red

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Montag, 13. November 2017 - 11:06