Was Hitler von der Oper lernte

Alltenhalben wird konstatiert, dass Politik nur noch inszeniert wird, dass der Schein mehr zählt als das Sein.  Eine Erscheinung nur unserer Tage?

Anno Mungen: Selbstverständlich ist das einer unserer Ansätze im Projekt, dass die Inszenierung von jeher auch politischen Zielen dient, zur Bestätigung und Herstellung der Macht. In unserem Fall, in Nürnberg, diente dazu das Musiktheater. Wobei Musiktheater hier im doppelten Sinne verstanden werden kann, als das, was im Opernhaus über die Bühne ging, und das, was in der Stadt passierte.  Die Übergänge waren wichtig.

Inwiefern?

Mungen: Es geht nicht nur darum, dass sich die staatstragenden Menschen im Opernhaus zeigen, sie zeigen sich auch am Eingang, im Foyer, aber auch bei den Inszenierungen des Reichsparteitages. Es gibt Aufmärsche und Paraden, überstrahlt von Lichtdomen. So wurden in der Stadt der Meistersinger die Mächtigen des „Dritten Reichs“ in Szene gesetzt.

Kultur ist ein Faktor für faschistische Systeme

In Russland, Polen, Ungarn und anderswo wirkt die Politik massiv auf Künstler ein. Wiederholt sich Geschichte?

Mungen:  Na, vielleicht nicht genau.  Man darf die Geschichte aber nicht vergessen. Diejenigen, die heute auf die Kunst einwirken und sie für ihre Zwecke einsetzen, werden kaum von Hitler direkt gelernt haben, wie man das macht. Die Mechanismen sind aber zum Teil vergleichbar. Ich würde nie sagen, dass die Kunst zu irgendwas "missbraucht" werden kann, weil die Kunst ist ja nicht an sich da. Sie wird von Menschen gemacht, Menschen rezipieren sie in einer bestimmten Weise, sie setzten sie immer auf gewisse Weise für sich ein. Es wird mit Kunst aber Propaganda und Politik gemacht.  Sie ist ein wichtiger Faktor für faschistische und undemokratische Systeme.

Was hat Hitler denn aus der Oper gelernt?

Tobias Reichard: Auf jeden Fall hat er in der Oper eine ideale Form von Wirkung gesehen. Er hat die Oper selber häufig als politisches Erweckungserlebnis beschrieben. Dass man Hitler da gänzlich zustimmen muss, ist zu bezweifeln. Was man aber auf jeden Fall sagen kann, ist, dass er sich bestimmte Effekte, bestimmte Wirkungen dort abgeguckt hat und teilweise versucht hat, diese Effekte  einzuüben und zu verstärken. Die Art und Weise, wie man sich vor einer Versammlung präsentiert – da waren seine Vorbilder weniger Redner, sondern vielmehr Opernfiguren.

Alfred Roller faszinierte Hitler

Welche Lieblingsoper hatte Wagner denn? Die Historiker scheinen da durchaus nicht einer Meinung zu sein…

Reichard: Da muss man differenzieren. Hitlers „Parsifal“-Erlebnis ist von der Inszenierung von Alfred Roller beeinflusst (Hitler holte Roller denn auch 1934 für einen neuen "Parsifal" nach Bayreuth, Anm. der Red.). In „Parsifal“ erfuhr er Bühnenwirkung, erlebte aber auch, wie sakrale Inhalte auf der Bühne widergegeben werden können. Bei „Rienzi“ ist auch ein wahrer Kern enthalten. Er hat zugegeben, dass die Figur des Rienzi als Volkstribun gerade als politische Person auf der Bühne Einfluss auf ihn hatte. Bei den „Meistersingern“ wird man annehmen dürfen, dass er vor allem  das Deutschlandideal, das darin zum Ausdruck kommt, rezipiert hat, das Ideal einer deutschen Kunst, die Vorstellung von einer idealen Stadt. 

Auch für Walt Disney waren Nürnberg und Rothenburg ideale mittelalterliche Städte. Hitler wiederum mochte gerne amerikanische Zeichentrickfilme und hörte gern Operetten. War Hitler eigentlich überhaupt Opernfan?

Mungen: Ich glaube schon, dass die Kunstform Oper einerseits und andererseits Wagner als Komponist und Figur sehr wichtig für Hitler waren. Und das geht deutlich auf die Wiener Zeit von Hitler zurück. Da war er noch ein junger Mann, der jeden Abend in die Oper ging, zusammen mit seinem Freund. Sie waren ausdrücklich von Alfred Roller begeistert..

"Er war echter Opernfan"

Aber nochmals: War er wirklich ein Mensch, der Oper sinnlich erfuhr? Sie nannten vorhin selber eher rationale Gründe, die ihn an der Oper interessierten.

Mungen: Er war ein echter Opernfan, und davon bin ich sogar überzeugt.  Ich glaube, dass er eine extrem starke, emotionale Bindung an die Oper hatte. Überlegen Sie mal: Jeden Abend in die Wiener Oper, ins Stehparkett, um sich da im Laufe der Zeit alles anzuschauen.

Reichard: Interessant war, dass er in der Oper war und nicht in Konzerten.  Es war die Oper, die ihm eine bestimmte Art von Rezeptionserlebnis ermöglich hat. Ein Erlebnis, das er selber als sich versenken beschrieben hat, eine gewisse Art von Kontrollverlust. In „Mein Kampf“ schreibt er von der idealen Wirkungssituation, die sich beim Hören des „Parsifal“ in Bayreuth einstellt. Er schreibt ausdrücklich, dass die Wirkung an anderer Stelle nicht möglich wäre. Das ist der Punkt, der für Hitler interessant war: Wie kann man ein Wirkungserlebnis, wie er es in der Oper hatte, verwendbar machen für einen politischen Zusammenhang.

INFO: Das Buch zum Thema hat bereits 2015 der Historiker Wolfram Pyta vorgelegt: "Hitler. Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse". Pytas Analyse basiert auf der an sich seit langem bekannten Tatsache, dass sich Hitler als Künstler, vor allem aber als Architekt sah. Diesen Zug Hitlers verfolgt Pyta aber in beeindruckender Konsequenz. Das Ergebnis ist ein weitgehend neuer und origineller Blick auf die Ästhetik der nationalsozialistischen Herrschaft, aber vor allem auch den politischen Performer und Opern-Süchtigen Adolf Hitler, der sich seinen Generälen nicht zuletzt wegen seiner visuellen Begabung überlegen wähnte - weil er als Künstler über einen besonderen Blick auch auf Generalstabskarten verfüge. (Siedler Verlag, 848 Seiten, 39,90 Euro). Pyta ist am Freitag im Staatstheater Nürnberg bei der Tagung zu erleben, um 14.15 Uhr hält er einen Vortrag: "Was lernte Hitler in der Oper?" Das komplette Programm unter http://www.fimt.uni-bayreuth.de/de/news/170516_Hitler_Macht_Oper/index.html

  

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