Was die EU über das Sportcamp verrät

Die Kommission bezeichnet sich auch als „Hüterin des Wettbewerbs“. Kein Land der EU soll einem Betrieb oder einer Branche im eigenen Land durch staatliches Geld wirtschaftliche Vorteile verschaffen, die Mitbewerbern auch und gerade aus anderen EU-Ländern schaden. Deswegen unterliegen Zuschüsse der Genehmigung. Andernfalls drohen Strafzahlungen und Rückzahlung der Zuschüsse.

Mit dem Thema muss sich nicht nur der BLSV auseinandersetzen. Auch die Tourismuszentrale Fichtelgebirge musste mit juristischer Hilfe sicherstellen, dass von ihr angebotene Pauschalen und andere Dienstleistungen keinen Eingriff in den Wettbewerb darstellen. Und beim Zweckverband Therme Obernsees liegt die Aufwertung der Kinderwelt auf Eis. Der Zweckverband will die Arbeiten ausschreiben, europaweit, anstatt einfach selbst zu bauen. Weil es sonst keine Zuschüsse gibt (der Kurier berichtete).

Der Zuschuss: Ursprünglich suchte der BLSV nur nach einer Finanzierung für eine Turnhalle am Sportcamp, das der BLSV seit 1954 in Fichtelberg betreibt. Als Ministerpräsident Seehofer auf einer BLSV-Tagung überraschend einen Zuschuss des Freistaats über 20 Millionen Euro zusagte, wurde aus der geplanten Halle ein komplettes Neubauprojekt im Umfang von damals 23 Millionen Euro (heute kalkuliert der BLSV wegen gestiegener Baupreise mit 25 Millionen Euro). Die Oberfrankenstiftung hatte zuvor schon eine halbe Million Euro zugesagt. Als Zuschussgeber wird in dem EU-Dokument auch die Gemeinde Bischofsgrün genannt. Dass die Kommune sich zumindest bei der Erschließung wird einbringen müssen, ist seit längerem bekannt. Bürgermeister Stephan Unglaub sagt auf Nachfrage, dass es auch um Ausgleichsflächen geht. Der Gesamtbetrag lasse sich noch nicht beziffern, könne aber in den sechsstelligen Bereich gehen. Dem stünden dann aber auch Erschließungsbeiträge gegenüber. Insgesamt wurden Zuschüsse von 20,76 Millionen Euro zur Genehmigung bei der Europäischen Kommission angemeldet.

Der Zeitplan: Im Mai 2014 fiel die Entscheidung, das Camp in Bischofsgrün neu zu bauen. Im Dezember 2015 ging der Antrag, formell von Deutschland gestellt, in Brüssel ein. „Da die übermittelten Angaben für eine Beurteilung (...) nicht ausreichten, ersuchte die Kommission mit Schreiben vom 18. Februar 2016 und vom 26. April um ergänzende Informationen“, heißt es in dem EU-Dokument. Diese seien dann am 4. März und 27. April nachgereicht worden. Am 11. August teilte die Staatskanzlei in München mit, dass die Zuschüsse genehmigt sind. Die anderthalb Jahre zwischen der Entscheidung für Bischofsgrün und der Antragstellung sind unter anderem damit zu erklären, dass ebenfalls 2014 von der EU die sogenannte „Gruppenfreistellungsverordnung“ mit einer Zuschussgrenze von 15 Millionen Euro erlassen wurde. Details und Richtlinien fehlten noch. Der BLSV strebte zunächst eine Freistellung auf einfachem Weg an, „aber wir wollten zur Rechtssicherheit eine schriftliche Auskunft, das hat dann das normale Antragsverfahren nötig gemacht“, so BLSV-Vizepräsident Jörg Ammon.

Das Camp: Soll 299 Betten in 110 Zimmern haben. „Die Räume werden einfach ausgestattet sein und sich am Standard einer Jugendherberge orientieren“, heißt es in dem Dokument. Die Einrichtungen und Angebote im Einzelnen: Dreifeldsporthalle, Kunstrasenspielfeld, Fitnessraum, Innen- und Außenkletterwand, Beach-Volleyballfeld, multifunktionaler Gymnastikraum, Regenerationsbereich mit Sauna sowie Praxis- und Massageraum und Sitzungs-/Seminarraum, Bogenschießen, pädagogischer Niederseilgarten, Lagerfeuerplatz.

Die Nutzer und wo sie herkommen: 30 Prozent Schulen, 28 Prozent Sportvereine, 14 Prozent Übungsleiterausbildungen. Weitere 28 Prozent sollen Besucher von kirchlichen und sozialen Trägern umfassen, die das Camp für Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen nutzen. Hervorgehoben wird in dem Dokument, dass Individualreisende nur ausnahmsweise ins Camp kommen, das insofern nicht den Charakter eines Hotels oder einer Pension hat: „Freie Plätze können kurzfristig Individualreisenden angeboten, aber nicht im Voraus gebucht werden“, hält die Kommission fest. Vereine hätten im Zweifelsfall den Vorrang, auch werde das Camp keine Sterne-Klassifizierung bekommen. Der sogenannte „Lodge“-Bereich mit besserem Standard wurde im Umfang deutlich reduziert, er richtet sich ebenfalls vornehmlich an Gruppen und nicht Einzelreisende, so Ammon auf Nachfrage.

Schätzungsweise bis zu vier Prozent der Nutzer werden aus dem Ausland kommen, allerdings nur im Rahmen der Tätigkeiten der Sportvereine und Schulen. 75 Prozent der Besucher sollen aus Bayern kommen. 85 Prozent der bayerischen Sportvereine hätten in einer Befragung angegeben, maximal 200 Kilometer Anfahrt in Kauf zu nehmen. „Die deutschen Behörden führen ferner aus, dass es ihres Wissens im Umkreis von 200 Kilometer um das künftige Sportcamp herum keine vergleichbare Anlage in Nordbayern gebe“, heißt es in dem Dokument. Dies dürften die entscheidenden Punkte in der Argumentation sein, dass die hohen Zuschüsse zu keiner Benachteiligung von Mitbewerbern insbesondere aus dem Ausland. Dieser Sichtweise schloss sich die Kommission an.

So geht es weiter: Der BLSV bereitet derzeit den Architektenwettbewerb vor. Im Frühjahr soll es mit den Ergebnissen eine Informationsveranstaltung in Bischofsgrün geben.

Der BLSV: Der Bayerische Landes-Sportverband (BLSV) ist die Dachorganisation der Sportvereine und der Fachsportverbände in Bayern. Ihm gehören über 12 000 Vereine samt ihren Mitgliedern an. Zwei Tage vor dem BLSV-Verbandstag am vergangenen Samstag in München hat der Bayerische Landes-Sportverband laut einer Mitteilung die Marke von 4,5 Millionen Mitgliedern überschritten. Neben dem in Bischofsgrün geplanten Sportcamp beziehungsweise dem aktuellen in Fichtelberg, das dann geschlossen wird, betreibt der BLSV weitere Sportcamps in Bayern bei Deggendorf, Inzell und Bayrisch Zell.

Nicht bewertet

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Kommentare

So dürften sich im Fichtelgebirge zukünftig die eher Betuchten in Weißenstadt tummeln und in Bischofsgrün die aktiven SportlerInnen, also eher die Jüngeren. Man wird sich nicht gegenseitig Konkurrenz machen - das ist doch was!