Warum Meeses Rauswurf den Festspielen viel mehr schadet als sein "Parsifal"

Am Freitagabend, eine Woche nach seinem Rausschmiss, hat Jonathan Meese noch einmal einen Kübel Hass über dem Festspielhaus ausgegossen. Er veröffentlichte ein 18 Seiten langes Manifest, mit Kugelschreiber auf Schreibmaschinenpapier gekritzelt, und beim Lesen wird schnell deutlich: Meese in Bayreuth, das ist nicht nur für die Festspiele, sondern auch für ihn selbst so richtig schiefgegangen. „Richard Wagner zu dienen ist super, aber diesen dahergelaufenen Kulturzombies, die momentan in Bayreuth angeblich das Sagen haben, zu folgen, ist unverantwortlich“, heißt es darin. „Die Tage der angeblichen Wagnerführung sind gezählt, es wird sich ausgehen, man muss halt wissen, was man tut.“

Geschrieben hat das ein leicht entflammbarer Künstler, der Aufdringlichkeit und Überdeutlichkeit als Stilmittel verwendet – und der vor einer Woche zufällig (nämlich aus der Presse-Anfrage dieser Zeitung) erfuhr, dass die Festspiele ihn nicht mehr haben wollen. In dieser Woche haben ihn die Festspiele auch formal über ihren Rücktritt vom Vertrag informiert; was sollte ihn jetzt noch abhalten, das zu tun, was ihm noch jedes Mal Aufmerksamkeit verschafft hat: öffentlich vor Wut zu schäumen.

Meeses Wutausbrauch im Video Teil I:


Es braucht die emotionale Wucht aber gar nicht, um zu begreifen: Der Fall Meese wird an den Bayreuther Festspielen nicht spurlos vorbeigehen. Nicht wegen Meeses Tiraden. Der Fall Meese ist für Katharina Wagner der bisher schwerste Misserfolg als Festspielleiterin.

Das begann schon im Sommer 2012, als Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier Jonathan Meese engagierten. Um klar zu machen, was das heißt, muss man es umständlicher ausdrücken: Sie haben die Frage, wer in vier Jahren etwas Beachtenswertes zum Thema Erlösung, Schuld, Erkenntnis und Versuchung zu sagen haben könnte, und von wem auf die vielen Fragen und Verrätselungen die spannendste und hellsichtigste Antwort zu erwarten ist, mit „Meese“ beantwortet. Das ist ein Statement, das auch besagt: Dass Meese noch nie eine Oper inszeniert hat, dass er als erster „Parsifal“-Regisseur in Bayreuth das Handwerk nicht beherrscht – das ist für uns zweitrangig. Für diese Entscheidung sind die Wagners heftig kritisiert worden. Und auch noch aus anderen Gründen: Wenige Tage zuvor hatten sie den wahrscheinlich besten „Holländer“-Interpreten, Evgeny Nikitin, von seinem Engagement entbunden, wegen eines Tattoos, das einmal ein Hakenkreuz gewesen sein könnte. Dass kurz darauf ein Künstler engagiert wurde, der die Symbole des Faschismus wie Farben im Farbkasten verwendet – das erschien vielen Beobachtern unfassbar.

Meeses Wutausbruch im Video Teil II:

Und natürlich wurden die Festspielleiterinnen auch deshalb kritisiert, weil der Name Meese Skandale und Schlagzeilen versprach – und seine Wahl als reines Kalkül erschien.

Die meisten der Kritiker übersahen dabei: Mit Sicherheit hätte Meese 2016 zu der Frage, wie „Parsifal“ jetzt gerade unbedingt verstanden und gezeigt werden muss, eine spannende und beachtenswerte Antwort gefunden. Meese wäre auch nicht der erste gewesen, dem ohne Opernregie-Erfahrung bei den Festspielen eine Inszenierung gelingt. Und dass die Frage aus den Reihen der „Gesellschaft der Freunde“, ob ein Regisseur der richtige für Bayreuth sei, wirklich einmal erst durch seine Arbeit in Bayreuth beantwortet werden muss – das spricht erst einmal eher für als gegen ihn. Dann begann die Arbeit – und aus Meese, der gewagten Personalie, wurde Meese, das Problem. Jedoch nicht, weil Meese nicht den Erwartungen der Festspielleitung entsprochen hätte. Sondern, weil Katharina Wagner, Eva Wagner-Pasquier und auch Heinz-Dieter Sense nur so viel entscheiden können, wie ihnen die Gesellschafter der Festspiele zugestehen: der Bund, die Stadt Bayreuth, der Freistaat und die Gesellschaft der Freunde. Und die hatten Vorbehalte: Was, wenn das Stammpublikum in Scharen davonläuft?

Dass ein Regisseur sein Budget überzieht, ist kein Problem, wenn die Finanziers Lust haben auf die Produktion. Diesmal hatten die Finanziers aber keine Lust. Sondern Angst.

Und weil es Katharina Wagner nicht schaffte, die Skeptiker von Meese zu überzeugen, musste sie den Künstler, der wie kein anderer für ihren künstlerischen Kurs stand, hinauswerfen, gegen ihren Willen. Die künstlerische Leitung hat in einer entscheidenden künstlerischen Frage nichts zu sagen. Und alle haben es gesehen. Man mag von Meese halten, was man will – sein Rauswurf hat den Festspielen mehr Schaden verursacht, als es sein „Parsifal“ je vermocht hätte.

  • Den Bericht über Jonathan Meeses Auftritt in München am Freitagabend (21. November) lesen Sie hier.
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Kommentare

Bravo Herr Zinnecker!
Zu dieser Schlußfolgerung muss man kommen, wenn man die leidige Angelegenheit hinterfragt und sich nicht nur um die - durchaus wenig sympathische - Figur Meese schert.
Man wollte den geplanten "Skandal" inszenieren und nun hat man Angst vor der eigenen Courage. Man hob das Näschen in den Wind der mutigen Häuser, nun schnuppert man lieber in der eigenen Hütte weiter.
Ich bin wahrlich kein Freund von Meese - und doch war ich sehr gespannt auf sein Konzept und die Umsetzung. Schade, dass man den Schwanz eingezogen hat.
Die Wagners haben halt zu spät das Impressum auf Meeses Internetsite gelesen. Dann hätten Sie schon damals bemerkt, daß sie es mit einem "Zustand" zu tun haben. Kann man einen Zustand irgendetwas inszenieren lassen?
Ob der Rauswurf den Festspielen schadet? Da kann man geteilter Meinung sein.

Ich kann es nur wiederholen: Mir war neu, dass Herr Meese die Hauptfigur einer Wagneroper wäre. Als solche scheint er sich zu sehen oder inszenieren zu wollen.

Zeigt einen guten Parsifal. Zeigt Wagner. Wenn ich mich stundenlang auf einen der Sitze quetsche, will ich nicht ständig nur vom Ego eines Provokateurs angesprungen werden. Egal, wie dieser nun diesmal heißt. Sowas kommt und geht, die Musik besteht.
Moment,
Sie wollen nicht ständig vom Ego eines Provokateurs angesprungen werden?
Warum beschäftigen sie sich denn dann mit Richard Wagner?
Montag, 13. November 2017 - 11:06