Warum Jonathan Meese gehen muss

Während der Festspielzeit 2014 präsentierte Meese, eigentlich Maler und Performance-Künstler, erstmals die Details seiner Konzeption: in einer Besprechung mit Festspielleiterin Katharina Wagner und Geschäftsführer Heinz-Dieter Sense.

Was er präsentierte, hätte im weiteren Verlauf der Vorbereitungen das vertraglich vereinbarte Budget bei weitem gesprengt, sagt Sense. „Das war indiskutabel.“ Ein zweiter Termin wurde angesetzt, drei Monate später, im Oktober. Meese habe nachgebessert, die Kosten hätten sich auch reduziert, sagt Sense, aber das Budget wäre immer noch erheblich überschritten worden.

Was dann passierte, formulierte das Pressebüro gestern auf Kurier-Recherchen hin in einer Mitteilung: „Nach reiflicher Überlegung wurde in Abstimmung mit den Gesellschaftern der Bayreuther Festspiele entschieden, sich aus den genannten finanziellen Gründen von Jonathan Meese zu trennen.“

Über die absehbare Überschreitung des Budgets informierte die Festspielleitung den Verwaltungsrat, der in finanziellen Fragen das letzte Wort hat. Der Verwaltungsrat, in dem auch die „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ vertreten ist, entschied, dies nicht mitzutragen. „Über Meese selbst wurde da gar nicht diskutiert.“

Jonathan Meese selbst wollte das vorzeitige Ende seiner Arbeit auf dem Grünen Hügel nicht kommentieren.

Bekanntgegeben hatte Katharina Wagner die Verpflichtung Meeses vor der Eröffnungspremiere 2012 – als Coup. Seither rief das Engagement auch international immer wieder kontroverse – und klar ablehnende – Reaktionen hervor. Meese befeuerte die Diskussion aktiv: In einem Interview äußerte er, die Wagnerianer vom Grünen Hügel vertreiben zu wollen. „Diese Wagnerianer sind alle Niederknier. Die sollen bitte in die Kirche gehen und dieses Opernhaus in Ruhe lassen mit ihrem Heiligkeitsgeschwätz.“

Besonders bei den Mitgliedern der „Gesellschaft der Freunde“ war Meese deshalb umstritten – und auch wegen seiner Vorliebe, bei seinen Arbeiten Hakenkreuze und Hitlergrüße zu verwenden. Katharina Wagner hatte Meese stets verteidigt. „Ich bin mir sicher, dass Herr Meese um die Sensibilitäten weiß, die aus der Bayreuther Geschichte resultieren“, sagte sie im Kurier-Interview. Meese habe auch zugesichert, die mitwirkenden Künstler zu nichts zwingen zu wollen. „Er differenziert da klar – wenn er selbst auf der Bühne steht, tut er bestimmte Dinge, um sie kritisch zu durchleuchten, er zwingt aber niemanden anderen, das in der gleichen Weise zu tun.“ Meese spiele nicht mit Hakenkreuzen, erklärte sie in der „Welt“, „und Bayreuth auch nicht. Er setzt sie ironisch und sogar auch zynisch ein, um eine Haltung, um unsere Geschichte kritisch anzuprangern.“

Die Hakenkreuze seien nicht der Grund für Meeses Ausladung, und auch nicht der möglicherweise bevorstehende Skandal, versichert Georg von Waldenfels, Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde, der zurzeit Vorsitzender der Gesellschafterversammlung der Festspiele GmbH ist. Der Grund sei das Geld. „Das sind erhebliche Summen, die wir nicht so einfach aus der Portokasse bezahlen können.“ Waldenfels gesteht aber ein: Viele Mäzene in der „Gesellschaft der Freunde“ seien sehr skeptisch gegenüber Meese gewesen. „Diese Skepsis kann ich auch gut nachvollziehen. Unsere Mitglieder bilden ja ein Fachpublikum, befassen sich ja zum Teil ein Leben lang mit Wagner und sind extrem belesen. Die Werke Wagners liegen ihnen sehr am Herzen. Und viele stellten sich die Frage: Ist Meese für Bayreuth der Richtige?“

Bei den Mitgliederversammlungen der Mäzenatengesellschaft musste sich Festspielleiterin Katharina Wagner wiederholt für das Engagement Meeses rechtfertigen.

Auf die künstlerischen Entscheidungen nehme die Gesellschaft der Freunde aber keinen Einfluss, sagt von Waldenfels. „Wir können ja nicht sagen, den Meese wollen wir nicht.“ Diese Entscheidung treffe die Festspielleitung.

Die Bayreuther Festspiele 2016 sollen trotzdem mit einer „Parsifal“-Neuinszenierung eröffnen – mit Andris Nelsons am Pult und Klaus Florian Vogt in der Titelpartie. Wer der Regisseur ist – mit dieser Frage befasst sich die Festspielleitung seit gestern Nachmittag. „Der hausinterne Vorlauf beträgt ein Jahr“, sagt Sense. „Je schneller wir einen finden, desto besser.“

Nicht bewertet

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Montag, 13. November 2017 - 11:06