Wahnfried droht erneute Schließung nach Festspielzeit 2015

Wie groß die Aufgabe tatsächlich ist, mit der die Museumsgestalter, Museumsleiter, das Museumskuratorium und die Richard-Wagner-Stiftung da seit mehr als einem Jahrzehnt zu tun haben – das machte Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe am Mittwoch gleich in den ersten Sätzen ihrer Begrüßung deutlich. Zu den Aufgaben dieses Museums gehört nach Merk-Erbe:

> ein Gedächtnis für Forschung und Wissenschaft zu sein,

> eine Erlebniswelt zu bieten, die auch das Interesse von jungen Menschen weckt.

> Diskussionsstoff zu liefern,

> historische Zusammenhänge deutlich zu machen – und

> der vielschichtigen und äußerst problematischen Wirkungsgeschichte von Richard Wagners Werk gerecht zu werden.

„Der Besucher soll hier etwas sehen können, was er entweder noch nie – oder noch nie so – gesehen hat“, sagte Merk-Erbe. „Wer wegen Wagner nach Bayreuth kommt, muss die Gewähr haben, hier Anderes und Umfassenderes zu finden als an anderen Orten – gleich, ob es sich um einen Museumsbesucher, einen Festspielgast oder einen Wissenschaftler handelt.“

Mit welchem Konzept das Museum dieser Aufgabe gerecht werden will – diese Frage stand im Fokus des öffentlichen Informationsabends, zu dem die Museumsleitung, die Stadtverwaltung und der Vorstand der Richard-Wagner-Stiftung am Mittwoch in den Balkonsaal geladen hatten (von wem die Initiative ausging, lässt sich nicht eindeutig berichten – jede der genannten Institutionen erklärte, die Idee zuerst gehabt zu haben).

Viel dringlicher als die Frage nach dem Ausstellungskonzept ist inzwischen eine andere: Immer noch ist nicht sicher, ob nach Abschluss der Sanierung und Erweiterung (Investitionskosten: 17,9 Millionen Euro) das Museum auch betrieben werden kann – weil die Finanzierung der Betriebskosten noch nicht geklärt ist. „Wir werden eine Lösung finden, wir werden sie finden müssen“, sagte Merk-Erbe. Sie habe zusammen mit Wilhelm Wenning, dem Vorsitzenden des Stiftungsvorstands der Richard-Wagner-Stiftung, eine Vielzahl an Briefen und Berichten geschrieben sowie Termine wahrgenommen. Konkrete Ergebnisse in dieser „leider nicht frühzeitig geklärten Frage“ könne sie noch nicht vermelden. Eine konkrete Zahl, wie viel Geld für den Betrieb des Museums nötig sein wird, wollten an diesem Abend weder Merk-Erbe noch Wenning oder Museumsdirektor Sven Friedrich nennen.

Auch bei der jüngsten Sitzung des Stiftungsrats der Richard-Wagner-Stiftung (die als Trägerin für den Museumsbetrieb aufkommen muss) stand dieses Thema auf der Tagesordnung. Der Stiftung droht nach der Eröffnung des Museums im Sommer 2015 ein jährliches Defizit von 550 000 Euro. Das geht aus Unterlagen hervor, die dem Kurier vorliegen.

Die Vertreter des Bundes in der Richard-Wagner-Stiftung hat einen regelmäßigen Zuschuss für den Museumsbetrieb bereits abgelehnt, dafür aber zugesagt, einzelne Projekte und Ausstellungen zu fördern. Die Vertreter des Freistaats Bayern wiederum sehen auch keine Verpflichtung, für den Museumsbetrieb aufzukommen.

Die Einrichtung der Dauerausstellung ist – neben der Sanierung – noch über die 17,9 Millionen Euro Investitionskosten abgedeckt. Schon die erste Sonderausstellung zur Eröffnung steht aber auf der Kippe: Geplant ist eine Schau über die Baugeschichte Wahnfrieds.

Ohne eine langfristig gesicherte Finanzierung wäre das neue Museum nicht nutzbar und müsste im schlimmsten Fall nach der Festspielzeit 2015 wieder schließen.

„Es wäre kein Schildbürgerstreich mehr“, sagte Museumsdirektor Sven Friedrich am Mittwoch, „sondern es wäre eine Schande und eine kulturpolitische Katastrophe, für 20 Millionen Euro ein Museum zu bauen und es dann nicht betreiben zu können.“ Die einzige ungeklärte Frage ist die Finanzierung dennoch nicht. Auch der Einbezug von Gastronomie – in Form eines Museumscafés – ist offen.

Ursprünglich war geplant, das Café im Erdgeschoss des Siegfried-Wagner-Hauses anzusiedeln. Nach Protesten der Stifterfamilie und dem Hinweis auf die problematische Geschichte gerade dieses Traktes, in dem einst Hitler am Kamin saß, sollte das Café an den Ausläufer des Neubaus ausweichen, wenige Meter von der Grabstätte entfernt. Die Nachkommen Wieland Wagners drohten daraufhin, die Schenkung Wahnfrieds an die Stadt rückgängig zu machen und einen Baustopp zu erwirken. Nun soll das Café im Gärtnerhaus einziehen, gelegen an der zur Richard-Wagner-Straße hin gelegenen Seite des Neubaus. „Es ist aber noch nicht klar, wie es betrieben wird“, sagte Merk-Erbe. „Unser Ziel ist es, in den Monaten mit großem Besucherandrang einen Kaffeeausschank anbieten zu können. Wir arbeiten daran, es ist meine große Hoffnung, dass es funktionieren wird.“ In den Monaten mit geringerer Besucherfrequenz – also in der Herbst- und Wintersaison – sollen Automaten einen ständigen Gastronomiebetrieb ersetzen.

Bei der Gestaltung des Museums legten die Verantwortlichen ausdrücklich Wert auf Barrierefreiheit: In Haus Wahnfried wurde ein Aufzug eingebaut, der alle Etagen erreicht; Alt- und Neubau sind mit einem unterirdischen Gang verbunden. Und: Die Höhe der Ausstellungsvitrinen beträgt nur rund 70 Zentimeter – „damit auch Rollstuhlfahrer die Exponate sehen können“, sagte Museumsgestalter Markus Betz. „Wir planen ja für die nächsten 20, 30 Jahre“, sagte Friedrich. „Und dann ist jeder dritte Deutsche älter als 60 Jahre“. Ohnehin interessiere sich für Wagner eher ein älteres Publikum.

Mit dem neuen Richard-Wagner-Museum werde Bayreuth seinen Status als Wagnerstadt festigen und ausbauen können, sagte Merk-Erbe – „wenn wir es richtig machen“. Die Erweiterung und Neugestaltung des Bayreuther Richard-Wagner-Museums sei „eines der wichtigsten, wenn nicht sogar das wichtigste“ Kulturprojekt Bayreuths, sagte Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe.

„Wir sind“, schloss Wilhelm Wenning am Ende, „alle ganz gespannt.“

 

Das wichtigste Exponat ist Wahnfried selbst

Richard Wagner bekommt 1400 Quadratmeter Platz. Das neue Wagner-Museum werde den Status Bayreuths als Wagnerstadt auf der ganzen Welt festigen, sagt Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe – „wenn wir es richtig machen“. Vierzehn Monate vor der geplanten Eröffnung antworteten Museumsdirektor Sven Friedrich und die beauftragten Architekturbüros erstmals umfassend auf die Frage, die seit Jahren unbeantwortet im Raum steht: die Frage, wie es denn werden soll, das neue Museum.

 

> In die Dauerausstellung einbezogen sind alle Etagen von Haus Wahnfried, das Untergeschoss des Museumsneubaus im Park sowie das Erdgeschoss des Siegfried-Wagner-Hauses. Einen festgelegten Rundgang durch die Ausstellung gibt es nicht. „Wir gehen von einem mündigen Besucher aus, der sich seinen Weg durch das Museum selbst erarbeiten kann – und sich ein individuelles Bild vom Mythos Wagner machen will“, sagt Markus Betz vom Museumsgestalter-Büro hg merz. „Wir bieten aber eine Fülle begleitender Informationen und Hilfestellungen, etwa einen Multimedia-Guide, den sich die Besucher auf eigene Smartphones laden können.“

> Haus Wahnfried ist komplett dem Leben und dem Werk Richard Wagners gewidmet. „Im Erdgeschoss versuchen wir, die Lebenswelt Richard Wagners nachzuzeichnen“, sagt Museumsgestalter Betz. „Musée sentimental“ lautet der Fachbegriff – es geht darum, die Besucher nicht nur über den Kopf, sondern auch über den Bauch zu erreichen. Ein schwieriges Unterfangen: Weil das Haus im April 1945 von einer Fliegerbombe getroffen wurde, sind weder die Räume noch Möbel original erhalten. Das Speisezimmer und der Lila Salon wurden komplett zerstört und werden jetzt mit Hilfe von Fotos rekonstruiert oder nachinterpretiert. „Die wenigen erhaltenen Einrichtungsgegenstände werden wir an ihrem alten Platz verorten, Gemälde werden an ihrem angestammten Platz gezeigt – an der Wand hängend oder auf Staffeleien stehend“, sagt Betz. In der Rotunde des Saales steht Wagners Flügel – der erhalten ist. „Alles andere werden wir nachinterpretieren“, sagt Betz. Und zwar mit Hussen-Möbeln – Stühlen, Tischen und Schränken, die mit Stoff abgedeckt sind. „Es soll der Eindruck entstehen, als hätte Wagner das Haus gerade verlassen und könnte jeden Moment wiederkommen“, sagt Betz. „Wir hätten natürlich mit Imitaten arbeiten können“, sagt Museumsdirektor Friedrich, „das hätte aber die erhaltenen Originale abgewertet.“

 

> Die Räume im Ober- und Zwischengeschoss werden nicht nachinterpretiert – sondern dienen als Ausstellungsräume, jeder ist einer bestimmten Zeitspanne in Wagners Leben gewidmet. „Die Struktur ist überall gleich“, sagt Betz, „im Zentrum der Räume illustrieren wir die Biografie Richard Wagners anhand einzelner Objekte, an der Rückwand erzählen wir die Geschichte.“ Zusätzlich zu Wagners Biografie gibt es Informationen zur Zeitgeschichte, Wagners Leben wird also geschichtlich eingeordnet. Im Zwischengeschoss werden die persönlichen Gegenstände Wagners ausgestellt – sein berühmtes Barrett, Wagners Stiefel und Cosimas Schirm. Hier werden auch ausgewählte Briefe ausgestellt, die bislang nur im Archiv zugänglich waren. „Eine Vertiefungsmöglichkeit für eingefleischte Wagnerianer, tief einzutauchen“, sagt Betz.

 

> Im Untergeschoss von Wahnfried befinden sich zwei Hauptattraktionen: eine sogenannte Schatzkammer, in der eine Originalpartitur ausgestellt ist. Flankierend dazu: Dokumente, die Wagner im Zuge der Arbeit am jeweils ausgestellten Werk angefertigt hat, dazu die Dresdner Bibliothek als Hauptinspirationsquelle. Unter der Rotunde: eine Büste Wagners. Hier besteht die Möglichkeit, Wagners Musik zu hören. „Der Raum ist relativ dunkel“, sagt Thomas Hundt vom Medienarchitekturbüro Jangled Nerves, „wir wollten hier einen bewusst kontemplativen Ort schaffen.

 

> Gegenüber der Schatzkammer befindet sich ein Raum mit einer zweiten Partitur – nicht original, sondern als mediale Inszenierung. „Es handelt sich um ein Buch, 1,20 Meter breit, mit zwölf Doppelseiten, in dem man blättern kann“, sagt Hundt. „Dieses Buch ist multimedial bespielt. Zu sehen sind teilweise handschriftliche Noten von Wagner, teilweise gesetzte Partituren, der Besucher kann durch die Partitur blättern und taucht in verschiedene Wahrnehmungsebenen ein. Mit Licht wird auf verschiedene Instrumente hingewiesen, die Instrumentierung, die Verteilung der Klänge – und die Frage, was verschiedene Dirigenten aus den Noten herausarbeiten.“ Wagners Werk ist hier auch hörbar – „die Wände des Raumes sind entsprechend behandelt“, sagt Hundt. „Es geht nicht darum, Musik laut zu hören, sondern den Bass spüren zu können.“

 

> Im Siegfried-Wagner-Haus geht es um die Rezeptions- und Ideologie- Geschichte der Werke Wagners. Also: um Wagner-Kritik – Wagner im Spiegel etwa von Friedrich Nietzsche und Thomas Mann. Hier geht es aber auch um Wagners posthume Karriere während des Nationalsozialismus. Das Medium, um diese Geschichte zu erzählen: keine Exponate, sondern Monitore mit überdurchschnittlicher Breite. „Die Idee ist, Bild-, Ton- und Filmdokumente in unterschiedlichen Perspektiven zu zeigen und auch zu vergleichen“, sagt Hundt. Auch hier lautet das Ziel: Der Besucher soll das Thema nicht nur analytisch, sondern auch emotional begreifen.

 

> Im Neubau wird die Geschichte der Bayreuther Festspiele erzählt. Der Besucher betritt die Ausstellungsfläche über eine große Treppe. Der erste Abschnitt ist dem Thema „Ankommen in Bayreuth“ gewidmet – „der Besucher findet hier ein großes Modell des Festspielhauses, drum herum Bilder von der Festspielauffahrt“, sagt Betz. Der eigentliche Ausstellungsraum beherbergt fünf Vitrinen mit Kostümen und Requisiten, jede Vitrine ist einer Ära gewidmet: den Festspielen unter Cosima, Siegfried, Winifred, Wieland und Wolfgang Wagner. An der Wand werden die – auch schon im alten Museum beliebten – Bühnenbildmodelle ausgestellt sein. „Hier haben wir keinen auratischen Ort, sondern müssen unsere Ausstellungswelt, unsere Bühne selbst inszenieren“, sagt Museumsgestalter Betz. Das wichtigste Exponat des neuen Bayreuther Richard-Wagner-Museums sei ohnehin: Haus Wahnfried selbst.

 

 

 

 

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Kommentare

Dr. Friedrich ist ein Phänomen. Wir erinnern uns noch an seine Rede mit der "Salami-Taktik"? Damit ist es nun anscheinend gelungen einen teure Sanierung hinzubekommen. Die nächste Salamischeibe, die die Stadt bezahlen muss ist also der jährliche Betrieb. Ist jemanden bekannt in welcher Welt dieser Mensch lebt?
Um die Kosten in den Griff zu bekommen wurde von Anfang an auf ein Marketingkonzept (BTMG) und auf umfangreiche Museumsveranstaltungen (Kongresse etc.) gesetzt. Wenn Herr Dr. Friedrich jetzt eine Katastrophe befürchtet, dann sollten er und die BTMG mal ihre Arbeit tun und ein Zwischenergebnis bekanntgeben.
Montag, 13. November 2017 - 11:06