Wagners "Meistersinger" auf der Orgel

Wer sich etwa auf den Weg in Richtung Fichtelgebirge macht und in Weidenberg in die Warmensteinacher Straße einbiegt, trifft im Ortsteil Rosenhammer auf einen ganz erstaunlichen Ort der Wagner-Pflege: die katholische Kirche St. Michael.

Das Gotteshaus ist ein Raum, der einen in mehrfacher Hinsicht in Staunen versetzt. Das betrifft zum einen die Akustik. Entsprechen die Ausmaße von St. Michael denen einer größeren Dorfkirche, so ist die Akustik des Raumes durchaus mit der einer Kathedrale zu vergleichen. Der Selbstversuch in der leeren Kirche zeigt, dass die Nachhallzeit bei fünfeinhalb Sekunden liegt.

Sinfonischer Klang

Das zweite Phänomen, das hier den Besucher in Staunen versetzt, ist die Orgel. Man vernimmt einen vollen, warmen, runden, sinfonischen Vorbildern nachempfundenen Klang, der in Verbindung mit der großen Akustik ein Instrument von gewaltigem Ausmaß vermuten lässt. Doch weit gefehlt. Wer die Empore emporsteigt, steht völlig überraschend vor einer kleinen Dorforgel mit gerademal elf Registern. Man muss sich das ungefähr so vorstellen: Man genießt die Fahreigenschaften eines Porsche, sitzt aber in einem VW Polo.

 

(Die letzten Takte der Meistersinger von Wagner, gespielt auf der Orgel der Rosenhammer-Kirche)

Möglich macht dies ein Instrument des nicht allzu bekannten Orgelbauers Friedrich Meier aus Plattling, das dieser im Jahr 1960 gebaut hat. Untypisch für die damalige Zeit, in der sich viele Orgelbauer und Musiker mit Händen und Füßen gegen das romantisch-sinfonische Klangideal des späten 19. Jahrhunderts wehrten und eine klarere, obertonreichere und vor allem auch schärfere Intonation bevorzugten. Die Orgel muss also bei ihrer Weihe wie völlig aus der Zeit gefallen gewirkt haben. Aber genau das macht sie so attraktiv für die Musik Richard Wagners. Die Intonation der Pfeifen vermeidet weitgehend Klangschärfen, die Mensuren sind weit und das Mischen der Register sorgt für einen fülliges Anwachsen des Gesamtklangs. Obwohl das Instrument mit seiner Oboe nur über ein einziges Zungenregister verfügt, entsteht durch den geschickten Einsatz von Koppeln der Eindruck eines reich bestückten Schwellwerks. Der Orgelbauer hat hier mit vielen Tricks gearbeitet, um aus den rund 750 Pfeifen soviel wie möglich herauszuholen. So ist es bei entsprechender Registrierung möglich, dass beim Drücken einer Taste bis zu 21 Pfeifen erklingen. Wenn Organist Thomas Zapf den Anfangsakkord von Richard Wagners „Meistersinger“-Vorspiel anschlägt, kommen insgesamt 120 Pfeifen zum Einsatz.

Stufenloses Anwachsen des Klanges

Überhaupt ist Zapf die dritte Besonderheit dieser außergewöhnlichen Stätte in Rosenhammer. Denn im Hauptberuf ist er Metzgermeister in vierter Generation im Betrieb seiner Familie, in Bayreuths ältester Metzgerei. Das Orgelspielen hat er bei Regionalkantor Christoph Krückl an der Schlosskirche in Bayreuth gelernt. Und das so gut, dass Zapf die Orgelbearbeitungen von Wagners Musik spielen kann. So fügt sich hier eins zum anderen und mit Blick auf sein Konzert an diesem Sonntag sagt Zapf: „Man kann hier das ’Tristan“-Vorspiel mit beinahe stufenlosem Anwachsen des Klanges und der Lautstärke spielen.“ Davon können sich die Besucher dann selbst überzeugen.

Doch trotz aller Vorzüge, die das Instrument für die Musik des 19. Jahrhunderts bietet. Auf dem Orgelspieltisch steht keine Wagner-Büste. Statt dessen hängt auf der Empore ein Porträt von Johann Sebastian Bach. Oder wie Thomas Zapf sagt: „Bach geht immer. Wagner geht einmal im Jahr.“

Diesen Sonntag ist es soweit.

Info:

 

  • An diesem Sonntag um 17 Uhr spielt Thomas Zapf in St. Michael das Vorspiel zu „Tristan und Isolde“. Iris Meier singt die Wesendonck-Lieder.
  • Am Sonntag, 13. August, um 17 Uhr erklingen Passagen aus „Parsifal“ sowie Werke von Liszt und Bruckner.
  • Am Sonntag, 20. August, um 17 Uhr spielt Thomas Zapf Bearbeitungen aus den „Meistersingern“, „Lohengrin“ und „Tristan“.

 

Nicht bewertet

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Kommentare

Das war auch in der Schlosskirche von Christoph Krückl zu hören.