Wagners Künstler: Frida Leider und der Hass auf Juden

Frida Leider bekommt heute weniger Aufmerksamkeit als andere Persönlichkeiten der Bayreuther Festspiele. Aus welchem Grunde beschäftigten Sie sich mit ihr?

Eva Rieger: Peter Sommeregger von der Frida-Leider-Gesellschaft hatte mir die Aufzeichnung einer Sendung über sie zukommen lassen. Ich kannte sie natürlich, als weltbekannte Wagner-Sängerin. Aber was mich in diesem Beitrag faszinierte, war die Art und Weise, wie sie sprach, ihre Stimme. Sie war keine Primadonna, sondern eine sehr nüchterne Persönlichkeit, die auch das Jüdischsein ihres Mannes kaum thematisierte. Es ist irgendwie typisch, dass man nach dem Krieg einiges verdrängte. Aber dass auch die Opfer verdrängen, war mir bis dahin nicht so klar gewesen. Und da beschloss ich, ihre Geschichte zu erforschen.

Keine Primadonna, sagen Sie. Aber sie konnte schon manchmal auch ein Biest sein.

Rieger: Ja, sie hat sich auch mal geweigert, mit Nanny Larsén-Todsen zu singen, und hat abgesagt, worüber Siegfried Wagner sehr erbost war. Sie konnte sich eben aussuchen, wo und wann sie singen wollte. Sie war aber keine Primadonnenerscheinung, in solchen Situationen ging es ihr rein um den Gesang, Sie war eine unerhört fleißige und gewissenhafte Frau.

Siegfried tobte und schimpfte über den „Ärger mit dem J-Weib“, womit ein „Juden-Weib“ gemeint war.

Winifreds Machtwort

Rieger: Ja, da war er richtig wütend. Das J-Weib, das war Frida Leider. Sie nahm das hin. Es gab immer wieder Anfragen von Nazi-Funktionären, ob Frida Leider jüdisch sei. Als sie mal in Bad Kissingen auftreten sollte, gab es Proteste gegen den Auftritt einer jüdischen Künstlerin. Es war dann Wini-fred Wagner, die sich einschaltete. Sie verbreitete, dass der Führer selbst Nachforschungen habe anstellen lassen. Und es festgestellt worden sei, dass Frida Leider arisch sei. Verfolgungen und Anfeindungen hätten zu unterbleiben. Es wurde dennoch immer schwieriger für sie. Heinz Tietjen, der allmächtige Generalintendant der preußischen Staatstheater und zusammen mit Winifred Leiter der Bayreuther Festspiele, hat ihr schon gesagt, dass er sie bis 1937, 1938 singen lassen würde, dann aber nicht mehr.

Was daran gelegen haben dürfte, dass ihr Mann Jude war.

Rieger: Rudolf Deman war sogar Korrepetitor in Bayreuth. Bis März 1938 war er durch seine österreichische Staatsbürgerschaft geschützt. Dann war Schluss, Tietjen ließ Rudolf Deman in vorauseilendem Gehorsam rauswerfen. Danach war auch das Tischtuch zwischen Tietjen und Frida getrennt. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch, ihre Laufbahn neigte sich dann auch dem Ende zu. Bis 1943 sang sie noch, ein, zwei Opern, dann war ihre Laufbahn als Sängerin eigentlich beendet.

Das Jahr, in dem Frida Leiders Ehe mit Rudolf Deman endete...

Rieger: 1943 hat sie sich scheiden lassen. Das hatte vielleicht damit zu tun, dass Eichmann überlegt hatte, bei gemischten Ehen Zwangsscheidungen oder gar Sterilisierungen anordnen zu lassen. Ganz grausam war das. Aus Teilen der Bevölkerung kam wohl auch die Aufforderung, man solle gegen „Rassenschande“ vorgehen, und solche ehrvergessenen Ariern müssten ebenfalls einen Stern tragen. Vielleicht ging die Scheidung auch von ihrem Mann aus. 1945 haben sich die beiden dann wieder getroffen, aber sie haben nie mehr geheiratet. Vielleicht, weil sie sich schämte.

Das Los der Exilanten

Wäre Friedelind Wagner ohne ihre Freundschaft zu Frida Leider überhaupt zum schwarzen Schaf einer ansonsten braunen Familie geworden?

Rieger: Ja, ich denke schon. Frida war ja eher diejenige, die gebremst hat, sie war eher ausgleichend, zögerlich, sie hat die ganzen jüdischen Verletzungen nicht thematisiert. Als Deman nach Basel flüchtete, ist Friedelind nachgereist und hat versucht, ihn aufzumuntern. Man muss sich das mal vorstellen: Er war erster Geiger der Staatsoper, und er hat trotzdem als Exilant keinen Job bekommen. Frida hat ihm immer wieder Geld zugesteckt.

Aber warum ist sie nicht ausgereist, zu ihrem Mann?

Rieger: Nach Zeugenaussagen hat das an ihrer Mutter gelegen. Die wollte nicht, sie fühlte sich zu alt, sagte, das schaffe ich nicht. Frida hatte ihrer Mutter sehr viel zu verdanken. Und man musste fürchten, dass die Mutter in Sippenhaft genommen wird. Außerdem hätte man Frida Leiders Geld eingezogen, auch das Wochenendhäuschen mit Schwimmbecken - das wäre alles weg gewesen. Andererseits: Sie hätte nochmals neu anfangen können. Ein paar Jahre hätte sie noch singen können, sie war ja sehr beliebt, gerade in England.

Frida Leiders Biografie wirft auch ein Schlaglicht auf den großen Unbekannten, den Intendanten Heinz Tietjen. Was wissen Sie über ihn?

Rieger: Bruno Walter fragte mal ironisch: Gab es ihn überhaupt? Er war in seinem Gehorsam vorauseilend, er war klug, eiskalt, auch im Umgang mit den Leuten in seiner Umgebung. Er hat die Leute hingehalten, hat ihnen gesagt, ich sorge für dich. Es gab ja auch dem Krieg Sänger, die sagten, Tietjen sei ganz toll gewesen. Aber wenn es sein musste, hatte er sein eigenes Fortkommen im Sinn und ließ die Leute fallen. Frida Leider war so ein Fall; sie hätte ja wirklich singen können, Hitler war begeistert von ihr, aber Tietjen hatte andere Pläne. Tietjen musste andererseits auch seinerseits immer aufpassen, er war ja Sozialdemokat gewesen. Einfach war die Situation auch für ihn nicht. Ein sehr widersprüchlicher Mensch.

Information zum Vortrag

„Die ,Bayreuther Künstlerin’ Frida Leider und die Politik, eine musikalische Zeitreise: So lautet der Titel des Vortrags, den Eva Rieger auf Einladung des Evangelischen Bildungswerkes am Dienstag, 19. August, an der Richard-Wagner-Straße 24 hält. Beginn ist um 19.30 Uhr. Der Vortrag gehört zum Rahmenprogramm der Ausstellung „Verstummte Stimmen“. Von Eva Rieger erschien zuletzt „Friedelind Wagner: Die rebellische Enkelin Richard Wagners“, 2012, 504 Seiten, 24,99 Euro. Informationen, Aufnahmen und Texte zu Frida Leider bietet die Frida-Leider-Gesellschaft unter www.frida-leider.de.

Nicht bewertet

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Montag, 13. November 2017 - 11:06