Wagner-Verbände: Eggers neuer Präsident

Ich gratuliere zur Wahl. Ihr Vorgänger hat ja ganz schön für Turbulenzen gesorgt.
Horst Eggers: Ja, er war vor einem Jahr erst gewählt worden, zuvor war er aber schon Vizepräsident und Vorsitzender des Richard-Wagner-Verbandes Leipzig gewesen. Wenn ich das Amt angestrebt hätte, hätte ich vor einem Jahr schon kandidiert. Ich habe auch in Dessau gesagt, das ich das Amt nie angestrebt hätte, aber zehn von vierzehn Mitgliedern des Präsidiums kamen zu mir und schilderten mir eine echte Notlage. Weil ich früher schon Mitglied des Präsidiums gewesen war, und weil ich bekannt auch bei den Verbänden im Ausland bin, sahen die mit mir die Chance auf einen Neuanfang. Mit Rücksicht auf Bayreuth und die Festspiele konnte ich mich dem nicht verschließen.

Ihr Vorgänger plante, den Sitz des Richard-Wagner-Verbands International von Bayreuth nach Leipzig zu verlegen?
Eggers: Ja, und es gab auch schon eine Willenserklärung des Leipziger Stadtrats. Aber entscheidend war, dass man ihm vereinsschädigendes Verhalten vorgeworfen hat. Wir sind eingetragene Vereine mit einer Satzung, die unter anderem das Ziel formuliert, für den Erhalt der Festspiele zu sorgen. Zu unseren Aufgaben gehört eben nicht, sich im Internet zu Inszenierungen zu äußern. Das kann sich am Rande einer Vereinsschädigung bewegen. Es gab dann auch noch diesen Zwischenfall in Venedig. Mein Vorgänger fühlte sich dort nicht angemessen begrüßt. Es folgte dann ein offener Brief des Richard-Wagner-Verbands Leipzig. Er behauptete, von diesem offenen Brief nichts zu wissen, und dann stellte sich heraus, dass der Brief auf seinem Laptop getippt worden war. Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig, das ist nun Vergangenheit.

Ist Bayreuth nun wieder der Nabel der Wagnerwelt?
Eggers: Dafür, dass ich gewählt wurde, stand Bayreuth nicht so im Vordergrund, eher schon, dass man mit mir die Chance sah, gegen den bisherigen Kandidaten zu gewinnen. Aber dazu kam es ja gar nicht, er trat ja von sich aus nicht mehr an, wegen eines Misstrauensvotums. Mein Motiv war sicher Bayreuth. Der Sitz ist und bleibt in Bayreuth. Deswegen war es auch an der Zeit, dass auch mal der Präsident aus Bayreuth kommt. Das war ja noch nie der Fall gewesen. Entscheidend für das Amt ist ein gutes Verhältnis zur Festspielleitung.

Zu welchem Teil der Festspielleitung genau?
Eggers: Zu allen drei: Katharina Wagner, Eva Wagner-Pasquier, Heinz-Dieter Sense.

Mussten Sie Partei ergreifen im jüngsten Streit?
Eggers: Seit dem Text in der „Süddeutschen“ habe ich davon nichts bemerkt. Gestern war ich im Festspielhaus, ich hatte ein Gespräch mit Herrn Sense, und danach war ich auch bei Frau Eva Wagner-Pasquier. Sie wird ja nach den Festspielen 2015 einen Beratervertrag für drei Jahre erhalten. Und da wird sie zuständig sein auch für den Richard-Wagner-Verband. Damit ist sie mein erster Ansprechpartner.

Lassen Sie mich raten: Mit Heinz-Dieter Sense haben Sie über Kartenkontingente gesprochen, die Ihr Verband vor einigen Jahren verloren hat. Wie viele möchten Sie pro Verband haben? Zehn bis zwanzig?
Eggers: Wenn nicht sogar mehr. Es gibt insgesamt 60 000 Karten. Zehn Prozent davon wären gut, das macht 6000 Karten – bei 130 Verbänden. Aber da bin ich nicht stur. Wichtig ist, dass diejenigen, die sich ehrenamtlich einsetzen, ein Kontingent bekommen müssen, das sie natürlich voll bezahlen. Wir haben für dieses Jahr die übrigen Karten erhalten. Wir konnten online bestellen, alle Vorsitzenden haben Zugriff. Und die können bis zu sechs Karten ordern, die sie an ihre Mitglieder weitergeben müssen. Nach zwei Tagen war bereits die Hälfte verkauft. Was mich besonders gefreut hat: Die Mehrzahl der Bestellungen kam aus dem Ausland. Sogar Australien und Neuseeland haben gebucht. Für nächstes Jahr sind formale Entscheidungen des Verwaltungsrats notwendig. Da soll eine für uns befriedigende Lösung gefunden werden.

Nur die Vorsitzenden der Verbände hatten Zugriff? Das kann man mit den Worten des Bundesrechnungshofes intransparent nennen.
Eggers: Das ist bei der Gesellschaft der Freunde genauso. Aber da muss man unterscheiden. Ich hätte der Kritik des Rechnungshofs von vorn herein widersprochen. Wenn Sie die Oper in München oder Berlin ansehen, da gehen die Karten auch bevorzugt an die Abonnenten. Und das sind immer die gleichen. Der Vorwurf war, dass mit Steuergeldern ein Kartenkontingent dem freien Verkauf entzogen wird. Und das sei nicht zulässig. Aber das ist Unsinn. Es werden keine Karten verschenkt. 60 Prozent, wenn man die gleichfalls bezahlten Karten der Freunde dazuzählt, sogar 70 Prozent ihres Etats erwirtschaften die Festspiele selber. 70 Prozent – das ist einmalig.

Wenn man sich umhört, gewinnt man den Eindruck, dass es mit den Festspielen stetig bergab geht. Was hören Sie denn von Ihren Verbänden auf aller Welt so?
Eggers: So extrem würde ich’s nicht formulieren. Kritische Äußerungen gibt es schon, das ist richtig, aber die gab es früher auch schon. Früher war natürlich auch die Medienlandschaft anders.

Der Warnschuss galt der alten Führung

Haben die Festspiele mit verstärkter Konkurrenz zu kämpfen?
Eggers: Es gibt viel mehr Festivals als früher. Überhaupt viel mehr Musik. In Dessau war ein ganzer „Ring“ zu sehen, das gab’s doch früher nicht in einem kleiner Stadttheater. Es gibt immer mehr Wagner überall, das ist ja auch zu begrüßen. Aber das gab’s halt früher nicht. Wenn früher Wagner gespielt wurde, dann in einer Metropole, und dann sind auch wirklich alle hin. Aber was sie mit der Kritik an den Festspielen angesprochen haben: Es wird oft angeführt, dass in Bayreuth nicht mehr die besten Sänger singen. Ich informiere mich seit Jahrzehnten über Fachzeitschriften. Und auch Sänger, die in Bayreuth vielleicht nicht so gut ankamen, werden woanders zuverlässig bejubelt.

Wollen Sie damit sagen, dass Kritiker und Publikum woanders anspruchslos sind?
Eggers: Nein, es ist eher so, dass hier die Ansprüche sehr hoch sind.

Sehen Sie keinen Abstieg in der Qualität der Solisten?
Eggers: Nein, auf keinen Fall. Und wir fördern diese Qualität hier in Bayreuth auch noch. Ein Schwerpunkt unserer Tätigkeit besteht darin, den Nachwuchs zu unterstützen. 40 Prozent der Solisten heuer sind ehemalige Stipendiaten. Anja Kampe, Christian Thielemann, Jonas Kaufmann waren hier Stipendiaten – das ist weltweit einmalig. Und diese Förderung hat Richard Wagner noch selbst ins Leben gerufen. Jedes Jahr haben wir rund 250 Leute als Stipendiaten in Bayreuth, und ich weiß, wie wohl sich die hier fühlen. Es ist nicht meine Aufgabe als Präsident, Inszenierungen zu kritisieren. Aber nehmen wir mal als Beispiel Katharina Wagners „Meistersinger“. Die Inszenierung war sehr umstritten. Aber in einer Umfrage haben die jungen Stipendiaten diese Inszenierung mit Abstand auf Platz eins gesetzt. Kunst ist nun einmal nicht so, dass es ein klares Dafür oder Dagegen gibt.

Gehen wir noch mal zum jüngsten Streit auf den Hügel, zum Hügelbann für Eva Wagner-Pasquier. Sie hat sich vor Ihrer Wahl in Dessau geäußert.
Eggers: Ja, sie sagte, dass der Richard-Wagner-Verband International ein wichtiger Ansprechpartner sei, und dass das frühere hervorragende Verhältnis nicht mehr bestehe. Es sei aber wünschenswert, wenn es wieder so werden würde. Da wusste sie, dass möglicherweise ein Wechsel bevorsteht.

Hat sie sanften Druck in Ihre Richtung ausgeübt?
Eggers: Nicht in meine persönliche Richtung, der Warnschuss galt der bisherigen Führung, zu der es eben kein Verhältnis mehr gab.

Was haben Sie sich vorgenommen?
Eggers: Das Kartenkontingent sollte wieder eingeführt werden, in welcher Größenordnung auch immer. Punkt zwei: den Nachwuchs fördern. Zum Beispiel durch unsere regelmäßigen Gesangswettbewerbe. Auch da kommen immer wieder Talente zum Vorschein, die dann Karriere machen. Immer wieder sind diese Wettbewerbe in Karlsruhe, und die organisiert der dortige Vorsitzende Hans Michael Schneider hervorragend. Das gilt auch für den „Ring Award“ in Graz, dort geht’s alle zwei, drei Jahre um Regisseure und Bühnenbildner. Und natürlich über unsere Stipendiaten. Die kommen 2015 aus 40 Ländern. Die Verbände schlagen die Stipendiaten vor und müssen sie auch bezahlen. Übrigens auch die Karten der Stipendiaten. Einen Osteuropa-Pool gibt es auch noch, in den freiwillig die wohlhabenderen Verbände einzahlen, etwa für die Ukraine, oder für Bulgarien. Punkt drei: Ruhe und Ordnung in die Verbände hineinzubekommen, Strukturen zu schaffen, die allen zum Vorteil gereichen, zum Beispiel über eine aktualisierte Homepage, über Auftritte auch in sozialen Netzwerken.

Facebook? Nicht die typische Plattform für das typische Mitglied eines Richard-Wagner-Verbands...
Eggers: Der Nachwuchs für die Verbände ist ein genauso dringendes Problem. Ich bin 71, viele sind genau so alt oder älter, daran sieht man, wie schwierig es ist, junge Leute fürs Vereinsleben zu motivieren. Auch das ist eine Aufgabe für mich, die Vorsitzenden zu sensibilisieren: dass sie auch auf Nachwuchs achten müssen, dass sie etwas dafür tun müssen. Etwa, in dem man eine bessere Verbindungen zu den Universitäten anstrebt. Da müsste man noch mehr Gruppen aus Professoren und Studenten bilden, und die sollte man nicht als Konkurrenz auffassen, im Gegenteil: Das sind Nachwuchskräfte für den Richard-Wagner-Verband. In Bonn ist demnächst ein Symposium, wo den ganzen Tag über Studenten über ihre Forschungen zu Richard Wagner berichten. Auch an der Zusammenarbeit mit den Musikforschern hier in Thurnau kann man etwas verbessern. Mit diesem Institut sollte der hiesige Richard-Wagner-Verband in engeren Kontakt treten. Aber ich sehe auch andere Möglichkeiten. Etwa hier in Bayreuth. Da kann ich mir in der Betriebswirtschaft durchaus Kulturmanagement als Schwerpunkt vorstellen. Wo dann Studenten auch mal ein Praktikum bei den Festspielen machen. Aber da bin ich selbst gefordert, als Vorsitzender des Universitätsvereins Bayreuth.

Bayreuth hat ein Alleinstellungsmerkmal

Sie wollten sich auch um die Kontakte der Verbände untereinander kümmern.
Eggers: Ich hätte das Mandat nicht angenommen, wenn ich nicht überzeugt gewesen wäre, dass ich ein äußerst kompetentes Präsidium habe. Mit vielen Mitgliedern auch aus dem Ausland, etwa mit einem Vizepräsidenten Jacques Bouffier. Der ist für die Überseeverbände ein sehr wichtiger Ansprechpartner. Ein erster Schritt ist gemacht worden, mit den Karten und mit der Stimmübertragung. Wir haben die Satzung dahin geändert, dass Verbände etwa aus Australien bis zu drei Stimmen an einen anderen Verband delegieren können. Ich habe gottseidank sehr gute Leute. Der wichtigste ist mein Sekretär und Schriftführer, den ich in Dessau durchgeboxt habe. Günter Cisek vom Richard-Wagner-Verband Würzburg, dem größten der Welt. Ich wusste, dass er mir viel Arbeit abnimmt.

Und? Wird Bayreuth seine Strahlkraft bewahren?
Eggers: Bayreuth hat ein Alleinstellungsmerkmal, egal, wo man ist, wird man immer wieder auf die Festspiele angesprochen. Ich bin sehr optimistisch, was die Zukunft angeht. Ja, es gab noch Karten, aber: In Salzburg beispielsweise bekommen sie auch immer noch Karten. Bei uns wird sich das ändern, wenn wir unsere Kontingente bekommen.

In Oberammergau gab’s jetzt eine Revolution. Bei den einst so erzkatholischen Passionsspielen...
Eggers (lacht): Da ist nun ein Moslem in der Spielleitung.

Ist eine solche Revolution auch in Bayreuth denkbar? Etwa, dass kein Wagner mehr die Festspiele leitet?
Eggers: Ja, vorstellbar ist das sicher, weil das eine Entscheidung des Verwaltungsrates ist. Aber wünschenswert ist es nicht. Auch das gehört zu unserem Alleinstellungsmerkmal. Ich habe damals auch Wolfgang Wagner unterstützt was die Nachfolge betrifft,: dass die in der Familie bleibt. Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner. Wer denn sonst? Eva hat schon die Besetzung des Chereau-“Rings“ verantwortet, fachlich kann sie mit jedem mithalten. In der Satzung heißt es, man solle bei der Suche nach einem Nachfolger auf die Familie zugehen, und erst, wenn kein geeigneter Wagner zu finden sei, solle man sich nach Alternativen umsehen. Katharina Wagner hat ihr Fach studiert, sie ist sogar Honorarprofessorin. Was die berufliche Eignung betrifft, gibt es keinen Anlass zu zweifeln. Talente sind ja auch verschieden. Wieland schrieb als Regisseur Geschichte, Wolfgang Wagners Sache war es, sich ums Haus zu kümmern, Regisseure zu holen. Auch aus der DDR, obwohl damals die Leute aufgeschrieen haben. Ich hoffe, dass Katharina Wagners „Tristan“ ein Erfolg wird. Ich bin mir sogar fast sicher. Es wäre schade, wenn Bayreuth ein übliches Staatstheater wäre, so wie es München und die „Süddeutsche“ immer im Kopf haben. Es gibt Vorteile, klar, wenn man sich das Staatstheater in Nürnberg ansieht, oder die Bamberger Symphoniker. Da gibt der Staat Sicherheit. Aber gerade diese Familie Wagner mit ihrer ganzen Historie, dazu dieses einmalige Haus... Es wäre schade, wenn das Festspielhaus ein Staatstheater werden würde.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06