Wagner in Minden: Wenig Mittel, viel Elan

Götter und Menschen scheitern, sie tun das auf verwickeltste Art und Weise, mit der "Walküre" also setzt der "Ring" nach dem Vorabend des "Rheingolds" so richtig ein, mit aller Bösartigkeit und aller tragischen Wucht. Ein Großdrama. Und die Mindener stemmen das mit ganz kleinen Mitteln. Ein Wahnsinn. Aber was für ein beglückender Wahnsinn.

Auch dank einer Wagner-Verbandschefin Jutta Hering-Winckler, die Zeit und Liebe in das verwegene Unterfangen steckt. Und die richtigen Leute zusammenbringt. Zum Beispiel Frank Beermann, den Generalmusikdirektor von Chemnitz, der auch die Sänger aussucht. Oder Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert, die in Bayreuth Katharina Wagners "Tristan" ausgestattet und technisch umgesetzt haben.

Die Räumlichkeiten in dem kleinen historischen Stadttheater in Minden sind begrenzt. Deswegen sitzt das  Orchester hinter einem Gaze-Vorhang auf der Bühne, der eigentliche Orchestergraben ist überdeckt - damit die Spielfläche größer wird. Viel Dekoration gibt's nicht, links schraubt sich eine Wendeltreppe empor, hinauf zum Rang, der zusätzlich genutzt werden.

Ein überdimensionaler Ring überspannt das Bühnenportal, der rotglühend zur Waberlohe werden wird. Die Kostüme erinnern an den abstrakten historischen Realismus der Wieland-Wagner-Inszenierungen. Und kleiden die Rollen wirklich gut (Bühne und Kostüme: Frank Philipp Schlößmann).

Nicht zum ersten Mal steht Frank Beermann am Dirigentenpult in Minden. In gewohnt souveräner Manier leitet er die Nordwestdeutsche Philharmonie Ostwestfalen-Lippe. Beermann beleuchtet das innerste Wesen der Personen. So wird der Walkürenritt eher zu einer epischen Erzählung über die Walküren, weniger zu einer blechlastigen Filmmusik. Der Vorteil, wenn die Sänger direkt vor dem Publikum postiert sind: Man versteht den Text, auch leiseste Töne sind vernehmlich.

Und nun: Die Sänger

Thomas Mohr ist ein Wagner-Tenor mit hoher baritonal gefärbter Durchschlagskraft und strahlender Höhe. Für den Siegmund muß er  noch an der Verständlichkeit und an der Phrasierung arbeiten. Renatus Meszar ist ein strahlender Baß-Bariton mit großer Spielfreude und sicherer Technik. Viele Opernfreunde erinnern sich  positiv an seinen Auftritt im "Ring" in Weimar. Allerdings fehlt ihm mittlerweile das Durchhaltevermögen und die Leuchtkraft. So spricht er Wotans Abschied eher mit verhaltener Stimme. Bewegend ist das dennoch.

Tijl Faveyts ist ein Baß mit einer sehr sicheren leuchtenden Tiefe und kann so die Härte Hundings verständlich machen. Sein Hunding bleibt aber stets menschlich. Eine Entdeckung ist Dara Hobbs als Brünnhilde. Ein dramatischer Sopran mit eleganter beweglicher Stimmführung: Dass sie ihre Meinung aus Mitleid für das Wälsungen-Paar wechselt, wird für jeden hör- und fühlbar.

Verzweiflung hingegen ist das Kennzeichen die Rolle der Sieglinde im zweiten Akt. Magdalena Anna Hofmann überzeugt mit den leiseren Tönen und mit viel Einfühlungsvermögen. Den strahlenden Momenten des ersten Aktes fehlt ein wenig die Leuchtkraft. Etwas mehr Durchschlagskraft möchte man auch Kathrin Göring wünschen. Ihre Fricka ist durch Häme und Spott gegenüber ihrem sich windenden Gatten mehr als deutlich gekennzeichnet. "Deiner ew'gen Gattin heilige Ehre" wird zum Menetekel des Untergangs Siegmunds und Wotans.

Zurück zur Urform

Man tut sich schwer diese Produktion als halbszenisch zu bezeichnen, die Personenführung gleicht den Mangel an Bühnentechnik eindeutig aus. Gerd Heinz, dessen Inszenierung von Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" dieses Jahr bei den Salzburger Festspielen als Überraschungserfolg gefeiert wurde, gilt nicht erst seit seinem "Parsifal" in Meiningen als Hoffnungsträger der Anhänger werkgetreuer Inszenierungen. Man kann auch sagen, er zeige, wie man Musiktheater gegen den vorherrschenden Strom des Regietheaters auch ohne kontraproduktive Regieeinfälle auf die Bühne bringt. Er genießt das Arbeiten mit kargen Mitteln. Sich beschränken zu müssen, sei der Reiz, sagte er dem "Mindener Tagblatt": „Wir gehen zurück zur Urform des Theaters.“

Zu Recht spendeten die Zuschauer - nur wenige mehr als 500 passen in das Haus - euphorisch  Applaus. Ist schon ein Ding, wie die Mindener regelmäßig Wagner stemmen, in einem Stadttheater mit etwas mehr als 550 Plätzen, das über kein Orchester verfügt. Bis vor wenigen Jahren gab's den "Ring" eigentlich nur an den großen, nahmhaften Häusern. Und so kann man sich nur wundern, wie in Minden, einem kleinen Haus ohne den riesigen Mitarbeiterstab und den Etat eines Opernhauses, mit den geringen Mitteln einer Privatinitiative ein "Ring" geschmiedet wird: Da kann man durchaus vom Wunder von Minden sprechen.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06