Vom Kutschwagen zum E-Mobil

Zeit sollte man schon mitbringen, wenn man das Automuseum besucht. In zwei Hallen und einem Freigelände stehen dicht an dicht rund 300 Exponate, vor allem Autos, aber auch Zweiräder und sogar Fluggeräte. Wer alles ausgiebig studiert, kann locker einen ganzen Tag hier zubringen.

Wie alles begann: Der Fiat Abarth 124 war eines der ersten Autos von Seniorchef Perry Eckert (58). Ein besonderer Fiat: Ein Homologationsmodell für den Rennsport, nur 1013 Stück wurden gefertigt. Fiat-Tuner Carlo Abarth – Markenzeichen: ein Skorpion – hatte ganze Arbeit geleistet: Das Auto gewann die Rallye Monte Carlo.

Das ursprünglich als Sommerspaßauto gedachte Cabrio weckte bei dem jungen Perry Eckert die Leidenschaft für besondere Autos. Mit seinem Bruder Timo fing er das Sammeln an. Und als die Fabrik des Vaters, in der unter anderem Knöpfe und Gürtelschnallen entstanden, an einen neuen größeren Standort an der Bayreuther Straße in Fichtelberg zog, kam schnell die Idee auf, die bisherigen Produktionsräume in ein Museum zu verwandeln und die eigene Sammlung der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Um ein möglichst breites Spektrum der Automobilität zeigen zu können, ergänzen zahlreiche Leihgaben befreundeter Oldtimerenthusiasten das Angebot im Museum. Regelmäßig werden Exponate ausgetauscht, um auch Wiederholungsbesuchern stets Neues zu bieten.

Der Älteste: Das älteste Auto in Fichtelberg kommt aus Frankreich. Ein Panhard & Levassor von 1897. Sein Zweizylinder mit zwei Litern Hubraum war vor 120 Jahren gerade mal gut für acht PS und ein Spitzentempo von 30. Schneller würde aber auch niemand mit dem Gefährt fahren wollen. Denn optisch erinnert der Wagen sehr an eine Pferdekutsche. Und zeigt einmal mehr, dass neuer Technologie das Design erst mal hinterherhinkt.

Der Liebling: Von unzeitgemäßem Design kann beim Lieblingsauto von Konstantin Eckert keine Rede sein: „Eine Stilikone, Synonym für den englischen Autobau“, schwärmt Eckert vom Jaguar XK 140 aus den 1950ern. Mindestens ebenso interessant wie die zeitlosen geschwungenen Formen der Karosse ist der Motor. Gegenüber dem Serienmodell hat er einen Rennsportzylinderkopf, der 210 PS aus 3,5 Litern holte. Auch 60 Jahre später noch ein beachtliches Hubraum-/Leistungsverhältnis: „Die haben ordentlich was rausgeholt“, sagt Eckert anerkennend. Doch automobile Ikonen wie der XK konnten die englische Autoindustrie auf Dauer nicht retten. „Alle Marken zusammengefasst in einem Konzern, dann verstaatlicht – das war der Niedergang“, bedauert Eckert. Die Marke Jaguar gibt es noch. Sie gehört heute zu einem Konzern in Indien, einst größte englische Kolonie. So ändern sich die Zeiten.

Der Kleinste: Heißt passenderweise „Spatz“. Er wurde in den 50er Jahren vom Nürnberger Zweiradhersteller Victoria produziert. Victoria wie auch andere deutsche Zweiradproduzenten stiegen damals in die Autoproduktion ein, um ihre Kunden, die sich den Umstieg vom Zweirad auf ein richtiges Auto leisten konnten, weiter an sich zu binden. Die geringe Motorleistung von nur zwölf PS machte der „Spatz“ mit einer superleichten Kunststoffkarosserie wett. Die einen markanten Schönheitsfehler hatte: Wenn der Vergaser des Zweitaktmotors leckte, konnte sich die Karosse mit Kraftstoff vollsaugen und sich bei einem Funken in eine gewaltige Fackel verwandeln.

Das Pace Car: Führt normalerweise das Starterfeld bei einem Autorennen an. Die Ehre, ein Pace Car zu stellen, ist bei Autoherstellern hart umkämpft, mehr Renommee und kostenlose Werbung geht nicht, außer ein eigenes Fabrikat gewinnt das Rennen. Von Pace Cars gibt es auch limitierte Kundenautos mit dem Seitenaufdruck „Official Pace Car“. Doch die 1978er Corvette im AMF ist ein echtes Pace Car. Sie führte die „Indy 500“, das wohl berühmteste Autorennen der Welt an. Und hat seither nicht mehr viel Verkehr gesehen: 650 Meilen, also knapp 1050 Kilometer stehen auf der Uhr – die Corvette ist faktisch ein fast 40 Jahre alter Neuwagen. Weniger Kilometer hat nur ein weiteres Auto im Museum, das unterschiedlicher nicht sein könnte: die Kübelvariante des Trabant. Das Exemplar im Museum ist das allerletzte überhaupt, danach standen im Frühjahr 1991 die Bänder still.

Das Motorrad mit dem Herz eines Autos: Münch Mammut. Ein Name wie Donnerhall unter Motorradfans. Vor 50 Jahren beschloss Tüftler Friedel Münch, das ultimative Superbike zu bauen. Auf der Suche nach einem würdigen Motor wurde er bei NSU fündig. Und dengelte einen Vierzylinder-Automotor in einen gewaltigen Motorradrahmen. Die 80 PS waren für 200 Stundenkilometer gut. Großer Motor, riesiger Tank drüber: „Die Maschine ist sehr kopflastig“, sagt Konstantin Eckert. Mehr noch: „Schalten, kuppeln – alles funktioniert umgekehrt wie bei anderen Motorrädern. Man muss immer nachdenken, was man macht.“ Knapp 500 der Superbikes entstanden, dasjenige der Eckerts ist die Nummer 150.

Der Flugplatz von Fichtelberg: Ein Sammler schlägt immer zu, wenn sich eine Gelegenheit bietet. So haben es die Eckerts gemacht, als sich vor fast 30 Jahren der Ostblock auflöste und jede Menge Militärgerät obsolet wurde. So kamen ein paar russische Düsenjäger aus der ehemaligen DDR nach Fichtelberg. Einer von ihnen hatte erst vor zwei Jahren seinen letzten Flug. Allerdings nicht aus eigener Kraft. Die polnische Luftwaffe suchte nach Austauschturbinen für ihre alternde Flotte an Jets. Einer der Eckert-Jets hatte direkt vor der Stilllegung noch eine überholte Turbine bekommen. Um das Triebwerk ausbauen zu können, musste der Düsenjäger mit einem Autokran aus dem Ausstellungsgelände rausgehoben und für ein paar Wochen auf dem benachbarten Busbahnhof geparkt werden. Der so vorübergehend zum Flugplatz wurde. „Das Rein- und Rausheben war Millimeterarbeit“, erinnert sich Konstantin Eckert mit Grausen.

Die E-Mobile: Vor ein paar Jahren besuchte ein VW-Mitarbeiter das Museum. Und machte den Eckerts ein Angebot: einen relativ neuen Golf Blue-E-Motion, der nach seiner Tätigkeit als Testfahrzeug verschrottet werden sollte. Sie bekamen den weißen Golf, allerdings beraubt um seinen elektronischen Antrieb.

   Ein würdiger Platz für den Golf wäre in der Halle 2 neben dem „Pöhlmann EL“, einem Elektromobil eines Kulmbacher Tüftlers von 1984, der Jahre zuvor schon eine Isetta mit einem E-Herz ausgestattet hatte, wie vor Kurzem im Kurier berichtet. Derzeit steht der Elektro-Golf noch etwas verloren und abseits im Freigelände, mit Staub und Spinnweben überzogen. So ist er auch ein Sinnbild für die verpassten Gelegenheiten der deutschen Autoindustrie.

Zukunftspläne: Im kommenden Jahr soll das Automuseum eine Erweiterung an der Bayreuther Straße erfahren. Auf 4000 Quadratmetern sollen dann Zweiräder der 50er bis 70er Jahre präsentiert werden. „Ich bin mir sicher, das ist dann die größte Sammlung Europas“, ist Konstantin Eckert überzeugt.

Das Automobilmuseum Fichtelberg ist am Nagler Weg 9-10, es ist täglich 10 bis 17 Uhr geöffnet.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06