Vogelzählung: Die Kohlmeise ist abgestürzt

Die hatten den Schnabel vorn:

Spitzenreiter der diesjährigen Stunde der Wintervögel ist – bayernweit genau wie im Landkreis Bayreuth – der Feldsperling. In der Stadt Bayreuth liegt er auf Rang zwei. In Stadt und Landkreis Kulmbach, die gemeinsam ausgezählt wurden, landete er auf Rang vier. Hier ist jeweils die Amsel auf dem Spitzenplatz gelandet, den in den vergangenen Jahren immer die Kohlmeise innehatte. „Die ist heuer aber richtiggehend abgeschmiert“, sagt Philipp Wagner, Diplombiologe und Leiter des Umweltinformationszentrums Lindenhof. Grund dafür sei vermutlich extrem feucht-nasse Witterung während der Brutzeit der Meisen im April und Mai.Dass ausgerechnet die Amsel so stark zulegt, kommt für die Vogelschützer ein bisschen überraschend. Denn das tropische Usutu-Virus hat zuletzt in Deutschland ein Amsel-Sterben ausgelöst. Glücklicherweise scheint Bayern bisher verschont geblieben zu sein, stellt der Naturschutzbund fest.

Das sind die Sorgenkinder:

Sorgen bereitet Wagner neben den Maisen auch der Haussperling, dem in Zeiten perfekt gedämmter Häuser die Brutstätten abhandenkommen. „Zumal sie gerne in kleinen Kolonien leben“, erklärt Wagner. Außerdem sei es für die Körnerfresser zunehmend schwierig Nahrung zu finden, seit es immer weniger bewirtschaftete Gärten gibt. Die allergrößte Sorge verdiene aber der Grünfink, betont Markus Erlwein, Pressesprecher beim LBV. Die Stadt Bayreuth, wo der Grünfink von Rang sieben auf Rang elf abgerutscht ist, gebe hier ein gutes Abbild einer Entwicklung, die seit Jahren zu beobachten sei. „Wir kennen nur einen Grund dafür“, sagt Erlwein: „Ein Parasit, der den Vogel gerne an verunreinigten Futterstellen oder Wassertränken befällt.“ Weshalb der LBV seit Jahren zu Futterstellen rate, in denen die Vögel ihr eigenes Futter nicht verschmutzen können. Vogeltränken sollten täglich gereinigt werden.

Gäste aus dem Norden blieben heuer aus:

Im Landkreis Bayreuth ist der Grünfink zwar von Position sieben auf Position sechs hochgerutscht und im Landkreis Kulmbach auf Position sieben verweilt. Tatsächlich sei er damit aber in Bayreuth auf gleichem Niveau geblieben, erklärt Erlwein: Da im vergangenen Jahr mit dem Erlenzeisig sogenannte Invasionsvögel den sechsten Platz einnahmen. Auch in Kulmbach müsse der Erlenzeisig, der hier 2016 auf Rang sechs landete, rausgerechnet werden. Hier konnte der Grünfink diesen Platz nicht einmal gutmachen, da er vom Buchfink überholt wurde. „Erlenzeisige sind Vögel, die in manchen Jahren in riesigen Scharen bei uns einfliegen“, erklärt Erlwein. Neben dem Erlenzeisig sei dies auch immer wieder beim Seidenschwanz der Fall. Solche Wintergäste habe es dieses Jahr aber gar nicht gegeben. „Vermutlich gab es in Skandinavien vorher noch keine geschlossene Schneedecke“, sagt Wagner: „Die Vögel kommen ja nicht wegen der Kälte zu uns, das ist ein verbreiteter Irrglaube. Sie kommen, wenn sie auf Nahrungssuche sind.“ Auf den fehlenden Einflug aus dem Norden, sei auch die geringere Gesamtzahl der gezählten Vögel zurückzuführen.

Wintervögel in Zahlen:

Im Landkreis Bayreuth zählten dieses Jahr 254 Menschen in 177 Gärten insgesamt 6573 Vögel, im Schnitt waren das 37 Vögel pro Garten. Im Vorjahr waren es 7188 Vögel in 146 Gärten und damit 49 Vögel pro Garten. Damit liegt der Landkreis Bayreuth dieses Jahr knapp über, die Stadt Bayreuth aber unter dem bayerischen Schnitt von 33 Vögeln pro Garten. Für das Bayreuther Stadtgebiet erhielt der LBV Meldungen aus 101 Gärten (2016: 80). Die Zahl der gezählten Vögel beträgt 3121 (2016: 2740), bei einem Schnitt von 31 Vögeln pro Garten (34). Am besten in der Region schneiden Stadt und Landkreis Kulmbach ab. Hier zählten 269 Teilnehmer (2016: 166) in 188 Gärten (2016: 113) genau 7095 Vögel (2016: 4530), das entspricht 38 Vögeln (2016: 40) pro Garten. In Bayreuth wurden am häufigsten Amseln gesehen, gefolgt vom Feldsperling, der Kohlmeise, dem Haussperling, der Blaumeise und der Rabenkrähe. Im Landkreis Bayreuth führt der Feldsperling die Liste an, gefolgt von Amsel, Kohlmeise, Blaumeise, Haussperling, Grünfink und Buchfink. Im Kreis Kulmbach wurde die Amsel am häufigsten gezählt, gefolgt von Kohlmeise, Feldsperling, Blaumeise, Haussperling, Grünfink und Buchfink.

Dafür nutzt die Vogelzählung:

Die regelmäßige Vogelzählung gebe es im großen Rahmen seit dem Jahr 2009, vorher wurde im Raum München damit experimentiert, erklärt Erlwein: „Insgesamt machen wir das zum zwölften Mal.“ Direkte wissenschaftliche Erkenntnisse ließen sich daraus noch nicht ziehen, sagt Wagner: „Dafür brauchen wir die Daten über einen noch längeren Zeitraum von 15 bis 20 Jahren.“ „Aber Tendenzen lassen sich ablesen“, sagt Erlwein – die Invasionsvögel seien ein Beispiel dafür. Dieses Jahr habe er zum Beispiel seit November regelmäßig Anrufe von besorgten Menschen erhalten, die ihre Gartenvögel vermissen. „Dank der Umfrage haben wir Antworten“, sagt Erlwein. Tatsächlich bestätigt die aktuelle Zählung, dass sich in bayerischen Gärten wegen des fehlenden Zuflugs aus Skandinavien rund 20 Prozent weniger Singvögel aufhalten als im Vorjahr.

Tipps vom Experten:

Allen, die gerne Vögel im Garten beobachten und die Singvögel unterstützen wollen, rät Erlwein zu einem Futterspender an Stelle des klassischen Vogelhäuschens. "Im Vogelhaus verunreinigen die Tiere ihr Futter selbst." Außerdem empfiehlt er heimische Pflanzen mit Früchten, die den Vögeln als Futter dienen. Kein Gift gegen Unkraut - und der Garten sollte nicht allzu aufgeräumt sein: „Da darf man ruhig mal ein bisschen faul sein.“

Info: Die detaillierten Ergebnisse gibt es auf www.stunde-der-wintervoegel.de

 

Nicht bewertet

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Kommentare

"Abgestürzt" - Doppelte Wortbedeutung!
LOBEN wir doch mal unseren „Kiepfer“, dass er die doppelte Wortbedeutung erkannt und uns dies zur Kenntnis gebracht hat (,-)…
ohne "Kiepfer" wäre die Welt etwas ärmer