Vogelfrei: Viele Wildtierstationen sind in Not

So wie Sabine Witt, die in dem kleinen Vogtendorf bei Stadtsteinach eine private Wildtierstation auf dem Grundstück ihrer Mutter betreibt, gibt es in Stadt und Land einige Menschen, die es nicht mit ansehen können, dass Wildtiere keine Lobby haben. Private Rettungsstationen haben sie errichtet, Vereine gegründet, die sich meist mehr schlecht als recht über Wasser halten. Es gibt zwar keine staatlichen Zuschüsse, aber sehr wohl Kontrollen. Sabine Witt, die ganztags arbeitet und in ihrer Freizeit die Tiere pflegt, weiß ein Lied davon zu singen. „Das Veterinäramt kontrolliert regelmäßig, dass bei uns auch alles in Ordnung ist,“ sagt sie. Ihr komplettes Einkommen, Kredite, und Spendengelder werden für den Ausbau der Volieren, für Futter, Medikamente und mehr verwendet. Gitterelemente für den Bau einer neuen Voliere lehnen bereits am Gartenzaun. Wanderfalken, Grünspechte und auch einen Fischadler hat sie bereits aufgepäppelt. Doch jetzt soll Schluss sein. Einige Auswilderungen laufen derzeit, und 72 Dauerpfleglinge wird sie weiter versorgen. Aber keine Neuaufnahmen mehr. „Ich bin telefonisch nicht mehr zu erreichen,“ sagt Sabine Witt.

Wilhelmine Denk, die Vorsitzende der Bund Naturschutz-Ortsgruppe in Himmelkron, die eine gut gefüllte Spendenbüchse mit knapp 600 Euro vorbeibringt, kann es kaum glauben, dass es keinerlei staatliche Unterstützung gibt für das private Hilfsprojekt. „Für alles gibt es doch Geld,“ sagt sie kopfschüttelnd. Sie kam auf die Hilfsstation Stadtsteinach, als eines Tages ein Grünspecht gegen eine Fensterscheibe geflogen war, und sie händeringend nach Helfern suchte, die sich um das verletzte Tier kümmerten. Sabine Witt hat ihn aufgepäppelt. Wie so viele andere auch. Doch so viel Engagement kostet Kraft, die Sabine Witt nicht mehr hat. „Es kommen keine Lösungsvorschläge, wie es weitergehen soll,“ sagt sie. „Und dabei ist der Bedarf so groß. Selbst aus dem Nürnberger Land kommen die Leute.“

„Jungvögel haben Wachstumsstörungen und neurologische Ausfälle“

Was ihr außerdem zu schaffen macht: Seit etwa zwei Jahren ist die Verlustquote vor allem bei Jungvögeln sehr groß. „Ich führe das auf den Einsatz von Glyphosat zurück,“ sagt Sabine Witt. Die Jungvögel haben Wachstumsstörungen, zeigen neurologische Ausfälle, es kommt zu Lähmungen. Für Sabine Witt unerträglich: „Ich kämpfe Tag und Nacht um die Tiere und sie sterben trotzdem. Das ist mehr als frustrierend.“

Finanzielle Reserven aus den Vorjahren sind aufgebraucht

Ganz ähnlich ist die Situation bei Harald Hahnefeld, Vorsitzender der Tierhilfe Weidenberg. Er bekommt 3000 Euro vom Tierschutzbund, muss dafür aber Rechnungen nachweisen. Außerdem finanziert er seinen Verein über Mitgliedsbeiträge: zwei Euro monatlich bei aktuell 106 Mitgliedern. Den Rest kriegt er über Spenden oder Patenschaften für nicht vermittelte Tiere zusammen. Sein Schwerpunkt liegt aber auf Katzenkastration. Im Notfall nimmt er sich verletzter Wildtiere an. Die in den Vorjahren erwirtschafteten finanziellen Reserven seien nun vollkommen aufgebraucht. „Wir haben jetzt noch 3000 Euro auf dem Konto, mit den laufenden Kosten sind wir bis September pleite,“ sagt Hahnefeld.

Probleme gibt es auch im Lindenhof des Landesbundes für Vogelschutz (LBV). Dort hat man sich zu einer Kooperation mit Gerhard Schoberth, dem Leiter der Tierrettung Bayreuth entschlossen. Aus verschiedenen Gründen. Helmut Beran, der frühere Leiter des Lindenhofs, und nach dem Weggang von Philipp Wagner kommissarischer Leiter der Umweltstation, erklärt: „Auch wir haben nur begrenzte Kapazitäten.“ In den letzten Jahren waren drei Bufdis, Bundesfreiwilligendienstleistende, im Einsatz. In der Biotoppflege ebenso wie in der Tierhilfe. Keine leichte Arbeit, was manche Jugendliche sicherlich abschreckt. In Kürze ist nur noch eine der drei Stellen besetzt. Helmut Beran sucht händeringend nach jungen Leuten. Und auch nach einem Nachfolger für Philipp Wagner. Beran ist allen Problemen zum Trotz zuversichtlich: „Wir werden Anfang nächsten Jahres wieder einen Leiter am Lindenhof haben.“ Bis dahin nutzt Gerhard Schoberth die Volieren am Lindenhof, in denen er vor allem Großvögel unterbringen kann. Vor dem Lindenhof sitzen vier Tiere in Transportboxen, darunter eine Taube und ein Kaninchen. „Die sind gerade angekommen“, sagt Schoberth. Sie müssen an andere Pflegestellen vermittelt werden, denn zur Zeit sind drei Turmfalken, ein Mäusebussard, zwei Waldkäuze und ein Grünspecht in den Volieren zu Hause. „Und ich kann ja die Tiere nicht als lebendiges Futter neben ihren natürlichen Fressfeinden unterbringen.“

Schoberth ist nicht alleine. Zwei Tierärzte, wobei einer auch Falkner ist, kümmern sich mit um die Vögel. Die Kosten dafür deckt Schoberth mit seinem privaten Einkommen. „Ich habe in die Tierrettung schon rund 35 000 Euro investiert.“

Stadt und Landkreis wälzen die Kosten auf das Tierheim ab

Und dennoch: Gemeinsam mit Stadt und Landkreis soll über Unterstützung gesprochen werden. Stadt und Landkreis seien in der Pflicht, für die Tiere zu zahlen, wälzen die Kosten aber auf das Tierheim ab. Der Landkreis Bayreuth hat eine Vereinbarung mit dem Tierschutzverein. Das Tierheim bekommt pro Einwohner 15 Cent für die Unterbringung von Fundtieren. In Kulmbach gebe es die Regelung nicht. „Entweder muss ich das auf meine Kosten machen, oder das Tier liegen lassen,“ sagt Schoberth.

Schoberth beklagt aber auch die Unvernunft und Unkenntnis vieler Menschen. „In der Hauptsaison rufen schon mal bis zu 50 Leute an. Manchmal mitten in der Nacht, wir mögen doch einen Igel im Garten abholen. Nur weil der Anrufer noch nie zuvor einen Igel in seinem Garten gesehen hat.“

Schoberth rät beim Fund eines verletzten Tieres sofort anzurufen, um den Zustand des Tieres zu klären. So kann die Tierrettung die nötigen Maßnahmen vorbereiten.

Warum sich niemand wirklich zuständig fühlt, erklärt Adolf Reinel, Vorsitzender des Bayreuther Jägervereins. „Wildtiere sind eigentlich herrenlos.“ Jäger dürfen nur Tiere in ihrem Revier hegen und bejagen, die unter das Jagdrecht fallen. Dazu zählen Rehe und Schwarzwild, aber keine Eulen oder Eichhörnchen. „Sie unterliegen dem Naturschutz.“ Reinel, der sich zwar gegen eine übermäßige Bambi-Mentalität wehrt, hat dennoch großen Respekt vor den Rettern. „Ich ziehe den Hut vor Leuten, die das machen.“

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