V-Mann-Prozess: Vom LKA "verarscht"

Der 62-jährige Peter W. ist ein Mann, dem man nicht so leicht was vormachen kann – er war seit Ende der 70er Jahre Drogenfahnder der Würzburger Kripo. Und im Jahr 2011, im Zenit seines Könnens, an einer jungen Frau aus dem Raum Kitzingen dran, die Crystal aus Tschechien verteilte. Lieferant war ein Mann, der in der Telefonüberwachung als „Papa“ tituliert wurde. Anfangs dachten die Würzburger Kriminaler, dies sei ein Tarnname – tatsächlich war die Verdächtige die Tochter von Mario F., „Bandido“-V-Mann des LKA. Der 48-Jährige ist die Schlüsselfigur der LKA-Affäre, in der mittlerweile gegen sechs zum Teil hochstehende LKA-Leute im Zusammenhang mit dem aus dem Ruder gelaufenen Einsatz von Mario F. ermittelt wird. Für die Drogendeals mit seiner Tochter und wegen eines Schmuggels von zehn Gramm Crystal über die Grenze bei Waldsassen am 23. November 2011 war Mario F. im Sommer 2013 zu über sieben Jahren Haft verurteilt worden.

Ex-V-Mann glaubt bessere Karten zu haben als im ersten Prozess

Zu unrecht, wie er meint: Sämtliche Straftaten, die er während seiner Zeit als V-Mann beging, will er mit Billigung und mit Wissen seines V-Mann-Führers begangen haben. Diese Behauptung, rechtlich möglicherweise ein rechtsstaatswidriges Verfahrenshindernis, ließ sich bislang nicht beweisen. Weil aber mittlerweile gegen den ehemaligen Führungsoffizier von Mario F. und weitere LKA-Beamte intensiv ermittelt wird, meint der Ex-V-Mann bessere Karten zu haben, als in der Erstauflage des Prozesses. Zur Zweitauflage kam es nur deshalb, weil der Bundesgerichtshof einen Teil der Verurteilung vom Sommer 2013 nach Würzburg zurückverwies. Praktisch geht es nun „nur“ um die Zehn-Gramm-Einfuhr bei Waldsassen, die laut Mario F. für eine Rockerparty bestimmt gewesen seien. Theoretisch geht es für den Ex-V-Mann um mehr: Um seine Glaubwürdigkeit.

"Er ist als Lügenbeutel hingestellt worden"

Mit Mario F.’s Glaubwürdigkeit befasst sich auch Kriminaler Peter W: „Er ist von jedem als Lügenbeutel hingestellt worden. Ich habe immer gesagt: Wenn 30 Prozent gelogen sind, ist immer noch viel wahr.“

Ein Anruf setzt eine Kette an Ereignissen in Gang

Peter W. berichtete, wie Mario F. während der Ermittlungen als Verdächtiger ins Visier geriet. Wie die Würzburger Kripo im Polizeicomputer einen Vermerk fand, Mario F. sei vom LKA zur „beobachtenden Fahndung“ ausgeschrieben, mit dem Zusatzvermerk, eine bestimmte Handynummer anzurufen – die des V-Mann-Führers. Peter W. rief den Kollegen an – und setzte nichtsahnend eine Kette an Ereignissen in Gang, die ihn heute noch ärgert: Mario W. warnte kurze Zeit später seine Tochter: „Pass auf, die hören ab, die wissen alles.“ Am 10 November sollte Mario F. bei einer Lieferung an seine Tochter festgenommen werden, kurz zuvor hatte Peter W. dem LKA-Kollegen noch vom geplanten „Zugriff“ berichtet. Der Zugriff ging ins Leere – die Verdächtigen hatten kein Crystal bei sich. Später berichtete Mario F. dem Würzburger Kripomann, dass sein V-Mann-Führer ihn gewarnt hatte.

LKA-Beamte ignorieren Besuchsverbot

Verhaftet wurde der V-Mann wenig später, auch wegen des Zehn-Gramm-Schmuggels bei Waldsassen. Zeuge Peter W. berichtete, dass Mario F. dazu zuletzt ausgesagt hatte, über den Drogenkauf in Cheb seinem V-Mann-Führer vorab berichtet zu haben.

Der Kriminalbeamte zog ein verwundertes Fazit: „Normalerweise wird ein V-Mann, der straffällig wird, aus dem V-Mann-Programm rausgezogen.“ Im Fall von Mario F. kamen weitere Auffälligkeiten hinzu: Trotz Haftbefehls fuhr Mario F. mit einem LKA-Auto vor, trotz eines durch einen Staatsanwalt verhängten Besuchsverbots für LKA-Angehörige besuchten der V-Mann-Führer und ein Kollege Mario F. in der U-Haft.

Es wird spannend: Warum drei LKA-Beamte an einem Tag aussagen sollen

Einer hat sich mit Urlaub entschuldigt. Der andere, V-Mann-Führer Norbert K., wollte ohne seinen terminlich verhinderten Verteidiger nicht aussagen. Mario F.’s Verteidiger Alexander Schmidtgall, Hans-Jochen Schrepfer und Norman Jacob bestanden darauf, drei für den Prozess geladene Zeugen des LKA an einem Tag zu hören. Die Strafkammer unter Vorsitz von Konrad Döpfner folgte dem Antrag: Ex-V-Mann-Führer Norbert K., ein Hauptkommissar aus Unterfranken, Kriminaldirektor Mario H. und Hauptkommissar Dieter W., der zweite V-Mann-Führer von Mario F., sollen nunmehr am 10. März vernommen werden. Die drei Kriminalbeamten sind Beschuldigte bei den Ermittlungen der Kripo Nürnberg im Zusammenhang mit der V-Mann-Affäre. Unter anderem wird ihnen Strafvereitelung im Amt vorgeworfen. Warum die Zeugen an einem Tag vernommen werden sollen? Die Verteidiger begründen das mit der Gefahr einer Aussage-Absprache. In Beweisanträgen, in denen aus den Ermittlungsakten gegen die LKA-Beamten zitiert wird, erinnerte Verteidiger Schmidtgall an mutmaßliche Absprachen der Zeugen im ersten Prozess gegen Mario F. Damals sei ein Prozessbeobachter des LKA im Sitzungssaal gewesen, der über Monate Protokoll führte und die Inhalte von Aussagen an die – heute beschuldigten Kollegen – weitergegeben habe. Genüsslich zitierte Schmidtgall aus einer E-Mail des V-Mann-Führers Norbert K., der glaubt nach seiner Vernehmung im ersten Prozess gut aus der Angelegenheit herausgekommen zu sein: „Darauf heute ein Prost!“ Oder aus einem Schreiben des LKA-„Prozessbeobachters“: „Für folgende Fragen solltest du heute gerüstet sein.“

Die Verlegung der Zeugenaussagen der LKA-Beamten hat eine unerwartete Folge: Nun wird vor den Aussagen der LKA-Beamten der Ermittler der Nürnberger Kripo aussagen, der gegen die drei ermittelt. Es wird richtig spannend im V-Mann-Prozess.

Der Prozess wird am 23. Februar fortgesetzt.

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