Uni-Professor: Keine sauberen Spiele

Er verweist dabei auf die Erfahrungen aus der Vergangenheit: „Bei den Spielen in Peking und London gab es jeweils rund 5000 Tests und während der Wettkämpfe nur fünf beziehungsweise einen positiven Befund – darunter war ein Pferd, wenn ich mich recht erinnere. Bei den Nachtests kamen dann aber über 100 positive Fälle dazu. In Sotschi ist das jetzt ähnlich. Bislang hat man also immer hinterher festgestellt, dass es deutlich mehr Dopingfälle gegeben hat, als man aktuell nachweisen konnte.

Gewisse Frustration will er nicht leugnen: „Am schlimmsten ist diese Empfindung von Ohnmacht. Man will etwas nachweisen, wird aber daran gehindert, weil systematisch jemand dagegen arbeitet und dabei von höheren bis höchsten Stellen gedeckt wird.“

Jahrzehntelange Entwicklung

Das in letzter Zeit aufgedeckte russische Staatsdoping im Zusammenhang mit den Winterspielen 2014 in Sotschi ist für Schmidt kein neues Phänomen: „Schon in der DDR gab es einen Staatsplan, nach dem so gut wie alle Spitzenleute versorgt worden sind.“ In den 70er und 80er Jahren sei vor allem der Einsatz anaboler Hormone beim Schwimmen „flächendeckend“ gewesen: „Wahrscheinlich kann man sagen, dass alle Medaillen, die damals im Schwimmen an die DDR gingen, mit Doping-Unterstützung gewonnen wurden.“ In westlichen Staaten sei es während des kalten Krieges zwar nicht grundsätzlich anders gewesen, „aber bei weitem nicht so gut organisiert.“

Systematisch sei auch bald schon in der Leichtathletik manipuliert worden: „Von den zehn schnellsten Männern der Welt über 100 Meter ist nur einer nie wegen Dopings gesperrt worden, und das ist Usain Bolt“, sagt Schmidt. „Oder nehmen wir das Kugelstoßen der Frauen in den 80ern bis in die 90er Jahre hinein: Da wurde bei Olympischen Spielen zwei Meter weiter gestoßen als heute. Diese ganze Ära ist ziemlich verlogen gewesen.“

In die 90er Jahre datiert der Bayreuther Professor schließlich den Siegeszug des Blutdopings in den Ausdauersportarten: „Man kennt das vom Radsport, und beim Langlauf war es ähnlich. Da gingen in den 90ern die Blutwerte deutlich nach oben. Und wenn Grenzwerte eingeführt wurden, dann blieben die Spitzenleute immer knapp unter diesen Werten. Die haben sich sozusagen herangedopt.“ Damit wurde auch der Wettstreit zwischen Dopingsündern und Dopingfahndern immer anspruchsvoller. „Vor 20 Jahren gab es eine Substanz in zwei Formen, die wurde im Jahr 2000 nachgewiesen, und dann gab es noch die Manipulation durch Bluttransfusion“, sagt Schmidt. „Inzwischen gibt es rund 300 verschiedene Dinge, die man sich zuführen kann, um die Produktion von körpereigenen roten Blutkörperchen zu fördern.“

Immer im Rückstand hinter den Tätern

Dabei muss sich der Erfinder neuer Nachweismethoden damit abfinden, dass er den Erfindern neuer Betrugsmethoden immer hinterherlaufen wird. Auf vier bis fünf Jahre schätzt er am Beispiel seiner aktuellen Arbeit zum leistungsfördernden Effekt von sehr kleinen Dosierungen des Schwermetalls Kobalt den Zeitraum vom Erkennen eines neuen Problems bis zur Verfügbarkeit einer Gegenmaßnahme: „Eine Universität kann sich ja nicht nur mit einem Thema befassen, und sie muss sich das Projekt auch erst einmal genehmigen lassen“, erklärt Schmidt. Da müsse man sich gar nicht fragen, ob es am Ende der Arbeit schon wieder ein neues Problem gibt: „Das ist sogar ganz sicher.“

Schneller könne es aber gehen, wenn die Pharmaindustrie mitwirkt: „Wenn bereits neue Arzneimittel eingesetzt werden, die sich noch in der Erforschung befinden und für den Markt noch gar nicht zugelassen sind, dann kann man auch schon parallel am Anti-Doping arbeiten.“ Eine solche Überraschung für den Dopingsünder sei bei der Überführung des Langläufers Johann Mühlegg gelungen, der seine 2002 in Salt Lake City gewonnenen drei Goldmedaillen wieder abgeben musste.

Kritik an Sportverbänden

Viel mehr als der zeitliche Rückstand gegenüber den Tätern stört den Bayreuther Wissenschaftler jedoch die mangelnde Unterstützung: „Das Problem ist nicht der fehlende Nachweis, sondern die Struktur und der Wille, damit umzugehen.“ Für die Mentalität mancher Sportverbände führt er ein drastisches Beispiel an: „Im Leichtathletik-Weltverband gab es mal den Präsidenten Lamine Diack aus dem Senegal, der positiv getestete Athleten regelrecht erpresst hat.“ Eine des Dopings überführte türkische Läuferin habe 600 000 Dollar zahlen sollen, damit ihr Name nicht an die Öffentlichkeit kommt. „Als sie bei 300 000 noch immer nicht zahlen wollte, wurde sie gesperrt.“ Und das sei kein Einzelfall gewesen: „Wenn es solche Strukturen gibt, kann man nachweisen, was man will – es macht einfach keinen Sinn.“

Die Rollen des CAS und des IOC

Umso ärgerlicher ist für den Dopingjäger das kürzliche Urteil des internationalen Sportgerichtshofs CAS, der 28 russische Athleten trotz ihrer nachgewiesenen Verbindung zum staatlich organisierten Dopingsystem ihres Landes freigesprochen hat. Natürlich sei es nicht zu beanstanden, dass Richter nach rechtsstaatlichen Grundsätzen wie Unschuldsvermutung und Nachweis der individuellen Schuld urteilen, nur müsse man sich fragen, ob diese Maßstäbe dem aktuellen Problem gerecht werden: „In diesem Fall ist Doping von russischen Organisationen bis hinauf zu Ministerien angeordnet worden. Sogar Geheimdienste waren beteiligt, um die Proben auszutauschen. Da ist es dann klar, dass man dem Einzelnen keine Schuld mehr nachweisen kann. Die Proben verschwinden ja einfach.“

Mehr Konsequenz als vom CAS hatte sich Schmidt daher vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) erwartet: „Der einzige Weg wäre gewesen, den russischen Verband komplett auszuschließen mit allen Sportlern.“ Dass sich das IOC nun bemüht, den freigesprochenen Athleten die formelle Einladung zu den Olympischen Spielen in Südkorea zu verweigern, überzeugt den Wissenschaftler noch nicht so recht: „Es gibt auch Meinungen, das wäre vom IOC so bezweckt worden: Dass man eine harte Haltung gegenüber den Sportlern zeigt, aber dem Verband doch noch ein Hintertürchen offen lässt.“ Unter neutraler Flagge würden jetzt in Pyeongchang fast so viele russische Sportler starten wie in Sotschi: „Man hat also gegen das russische System so gut wie nichts unternommen.“

Seltsame Fläschchen

Keinen bösen Willen vermutet Schmidt dagegen hinter dem anderen großen Doping-Aufreger der vergangenen Wochen: Verschlüsse von Fläschchen von Urinproben hatten sich als nicht so sicher erwiesen, dass man Manipulationen des Inhalts ausschließen könnte. „Das kann ich mir nicht vorstellen“, antwortet er auf die Frage, ob eine derart banale Sabotage seiner komplexen wissenschaftlichen Arbeit nur mit vorsätzlichem Handel zu erklären sei. „Dafür müsste ja die Wada (Welt-Anti-Doping-Agentur; Anm. d. Red.) dahinterstecken, aber so schlecht sind die Leute dort nicht.“ Bezeichnend sei der Vorgang und seine Veröffentlichung dagegen in anderer Weise: „Was die Wissenschaft und auch die Antidoping-Agenturen nicht geschafft haben, hat der investigative Journalismus geschafft.“ Das gelte auch für die Russland-Affäre: „Das wäre niemals hochgekocht, wenn nicht Hajo Seppelt so ausdauernd drangeblieben wäre. Ich hatte früher schon mit ihm zu tun und hatte nie gedacht, das so etwas dabei herauskommen würde. Da sind Betrugsmechanismen und -strukturen an die Öffentlichkeit gekommen, die wir nie erwartet hätten.“

Kein Gedanke ans Aufgeben

Trotz aller Rückschläge und Hindernisse denkt Professor Walter Schmidt im Gegensatz zum einen oder anderen Kollegen aber nicht ans Aufgeben: „Zum Glück ist das Doping-Thema für uns nicht alles. Wir arbeiten auch mit Kliniken zusammen in mehreren Ländern, wir befassen uns mit anderen Themen im Leistungssport. Beispielsweise verfolgen wir Höhentraining und seine Auswirkungen. Es ist einfach auch interessante wissenschaftliche Arbeit.“

Verdächtige Länder

Sehr unterschiedlich sind die Doping-Probleme über den Erdball verteilt. „Es gibt ein paar Länder, in denen es beispielsweise in der Leichtathletik so gut wie keine Verdachtsmomente gibt“, sagt Professor Walter Schmidt. „Und es gibt andere, in denen bis zu 70 Prozent der Athleten gedopt sind.“ Verdächtig seien neben Russland („Da gibt es mit Abstand die meisten nachgewiesenen Dopingfälle“) auch Länder wie Kenia oder Jamaika, in denen es kaum ein wirkungsvolles Kontrollsystem gebe.

Die positiven Beispiele verortet der Wissenschaftler hauptsächlich in Mittel- und Westeuropa: „Wir wissen, dass die Quote in den Niederlanden bei etwa vier bis fünf Prozent liegt. Ich gehe davon aus, dass es beispielsweise in Frankreich, der Schweiz und auch in Deutschland ähnlich sein wird.“

Verdächtige Sportarten

Bestimmte Sportarten gehören einfach ausgeschlossen“, legt sich Walter Schmidt fest. Vor allem beim Gewichtheben sieht er kaum Chancen, das Doping unter Kontrolle zu bekommen: „Da werden bei Olympia schon mal die Plätze eins bis vier disqualifiziert, und an fünf bis sieben vergibt man die Medaillen gar nicht mehr, weil man von denen keine Dopingproben genommen hat. Die waren also wahrscheinlich genauso gedopt. Das ganze Gewichtheben kann man einfach abhaken.“

Andere Schwerpunkte seien Ausdauersportarten, wie im Winter der Skilanglauf, Biathlon oder Eisschnelllauf. „Auch der Bobsport hat Probleme“, nennt Schmidt ein Beispiel, das dem Laien nicht gleich in den Sinn kommt. „Da braucht man in den ersten Sekunden unglaubliche Kraft und Schnellkraft."

Das aktuelle Projekt

Derzeit arbeitet Walter Schmidt mit den Anti-Dopinglaboren in Köln und Dresden an einer Methode, um eine neuartige Substanz zur Produktion von körpereigenen roten Blutkörperchen nachweisen zu können. Im Blickpunkt steht das Schwermetall Kobalt, das in den 50er Jahren in der Medizin eingesetzt wurde, aber schwere Nebenwirkungen zeigte. „Seit etwa zehn Jahren kommt es jetzt wieder auf, dass Kobalt im Sport eingesetzt werden könnte“, erklärt Schmidt. „Einige Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln mischen Kobalt ihren Substanzen bei.“ Nun werde untersucht, welchen Effekt das Schwermetall in sehr kleinen Dosierungen hat. „Es ist jetzt auf die Dopingliste gesetzt worden, und wir gehen davon aus, dass aufgrund unserer Daten in ein bis zwei Jahren entsprechende Grenzwerte festgelegt werden.

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