Unesco würdigt Orgelmusik

Eine Ehre, die zugleich auch der Pizza zuteil wurde. Neben den Pizzabäckern wiegen sich nun auch viele Organisten im Hochgefühl und freuen sich über die Wertschätzung, die der Orgel als einem der ältesten Kulturgüter Europas entgegengebracht wird.

Deren Geschichte reicht zurück bis in die Zeit vor Christus, wo im hellenistischen Raum erste orgelartige Instrumente gebaut wurden. Seit dem Mittelalter wurde das Instrument vor allem in Deutschland weiterentwickelt, wo man heute wohl die höchste Orgeldichte der Welt vorfindet. Rund 50.000 dieser klangmächtigen Königinnen findet man in Deutschland. Nicht nur in Kirchen, sondern auch in Konzertsälen, wie etwa im Joseph-Keilberth-Saal in der Konzerthalle Bamberg. Die größte Kirchenorgel der Welt steht im Dom zu Passau. Sie zählt 17 974 Pfeifen.

Auch im Bayreuther Kulturleben ist die Orgelmusik fest verankert. Die Matineen zur Festspielzeit oder die 30-minütigen Orgelmusiken zum Christkindlmarkt von Regionalkantor Christoph Krückl locken jeweils mehrere hundert Zuhörer in die katholische Schlosskirche. Dass die Orgelmusik in Bayreuth keineswegs ein Nischendasein führt, zeigte sich auch in der Silvesternacht 2017 in der evangelischen Stadtkirche, wo Dekanatskantor Michael Dorn in voll besetztem Haus das Jahr furios, in einem Es-Dur-Akkord gipfelnd, an einer der größten Orgeln Bayerns ausklingen ließ.

Über 100 Schüler

Natürlich kümmern sich die Hauptamtlichen Organisten auch um Nachwuchs. Laut Krückl, der in Bayreuth in jahrzehntelanger Arbeit im kirchenmusikalischen Bereich vieles aufgebaut hat, bereiten derzeit von 30 hauptamtlichen Kirchenmusikern in der Erzdiözese Bamberg 19 Kirchenmusiker über 100 Interessierte auf den nebenamtlichen kirchenmusikalischen Dienst vor. „Wir bieten vielfältige Kurse und Programme an, vom „grundlegenden“ bis zum „weiterführenden“ Orgelunterricht, und in den Ausbildungsprogrammen D und C, die auch entsprechende Theoriekurse beinhalten.“ Das Altersspektrum ist dabei breit gefächert. „Vom 15-Jährigen bis zum 55-jährigen ist alles dabei“, sagt Krückl. Um die Versorgung mit Organisten in der Stadt müsse man sich keine Sorgen machen. Anders sieht es auf dem Land aus. Durch das Zusammenlegen von Pfarreien ist dort die Situation komplizierter geworden. Und die Fahrtstrecken für die wenigen Organisten sind länger geworden.

Musik stärkt die Liturgie

Auch wenn Konzerte in Krückls Terminkalender eine große Rolle spielen, so sieht er die Orgel vor allem als liturgisches Instrument. Wichtig ist dabei das Zusammenwirken von Pfarrer und Organist. „Die Musik stärkt die Liturgie gewaltig“, sagt Krückl. Und: „Die Leute kommen in den Gottesdienst auch wegen der Orgelmusik.“

Nach Ostern wird sich Krückl freilich für längere Zeit von seiner Orgel in der Schlosskirche verabschieden müssen. In der Zeit der Renovierung des Gebäudes wird auch die 35 Jahre alte Orgel einer Sanierung und Reinigung unterzogen werden.

350 Studierende

Weiter geht der Betrieb unterdessen in der Hochschule für evangelische Kirchenmusik, wo hauptamtliche Kirchenmusiker ausgebildet werden. 350 Studierende der Kirchenmusik gibt es auf evangelischer Seite bundesweit. In Bayreuth sind es derzeit elf, was in der Statistik eine kleine Delle darstellt. Für die Studierenden hat die niedrige Zahl freilich einen Vorteil: „Die, die mit dem Studium fertig werden, haben gute Chancen, schnell eine Anstellung zu finden“, sagt Rektor Thomas Albus, der selbst liturgisches Orgelspiel unterrichtet. Was ihn daran besonders fasziniert? „Das Instrument ist phänomenal, weil man ein ganzes Orchester in Personalunion bedienen kann.“

Und es ist imstande, im Zusammenklang mit einem Orchester für außergewöhnliche Klangeindrücke zu sorgen. Das wusste schon Richard Wagner. In seinem Gesamtwerk lässt der Komponist an drei Stellen – jeweils in kirchlichen Szene – die Orgel erklingen: Im ersten Akt „Rienzi“, wo die Orgel zum Abschluss des Gesangs „Gegrüßt sei, hoher Tag!“ feierlich aus der nahen Kirche erklingt, im zweiten Akt „Lohengrin“, wo man die Orgel aus dem Münster wie aus der Ferne hört und zu Beginn der „Meistersinger“, wo das Instrument den Choral „Da zu dir der Heiland kam“ begleitet.

Kleine Orgel im Festspielhaus

Apropos – selbst im Bayreuther Festspielhaus gab es zu Richard Wagners Zeiten eine kleine Orgel. Im Archiv für Musikwissenschaft (54. Jahrgang, Heft 2, 1997), findet sich ein Aufsatz über das Orgelwerk im Festspielhaus. Darin heißt es: „Anfang Juni 1876 lieferte der Bayreuther Orgelbauer Johann Wolf (1837 bis 1911) gemäß Auftrag von Richard Wagner eine Windlade mit insgesamt 12 Subbaßpfeifen 16 Fuß, „ganz weite Mensur“ für das Festspielhaus Bayreuth. Diese Pfeifen waren für die Aufführungen des „Ring“ bestimmt und wurden damals zumindest im „Rheingold“ auch tatsächlich eingesetzt, wie sich dem eigenhändigen Eintrag des Komponisten in der Partitur entnehmen lässt.“

Wagner schätzte die Basstöne

Angeblich soll Wagner die Basstöne besonders geschätzt haben. Man darf annehmen, dass dieses Orgelwerk zur klanglichen Unterstützung der Schlusswirkung einzelner Passagen im Festspielhaus zum Einsatz kam. Wer weiß – vielleicht modert ja irgendwo in einem finsteren Bayreuther Keller noch eine der Wolfschen Subbaßpfeifen einsam vor sich hin. Und hat sich längst vor der Würdigung durch die Unesco dem immateriellen Zustand angenähert.

Nicht bewertet

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