Über 100: Da kommt noch was

Wollen Sie selber unbedingt 100 Jahre alt werden?

Dagmar Wagner (lacht): Die meisten würden auf diese Frage antworten: Ich würde schon gerne alt werden, aber nur, wenn es mir gut geht. Das ist ein bisschen vermessen. Man kann sich das nicht aussuchen. Mein Sohn ist 25, und ich würde mich irgendwann freuen, wenn ich Enkelkinder begleiten dürfte. Das ist ein guter Grund, alt zu werden.

 

Wie alt sind Ihre Eltern?

Wagner: Sie sind beide 79 Jahre alt und gehören zu den zehn bis 20 Prozent der Menschen, die optimal altern. Das heißt, sie sind extrem leistungsfähig und engagiert. 50 bis 60 Prozent der Menschen altern normal, das heißt, es geht mit leichten Einschränkungen so weiter wie bisher.

 

Das sind ja genetisch gute Aussichten für Sie. Was tun Sie denn selbst dafür, gesund alt zu werden?

Wagner: Ich mache immer noch viel Sport und ernähre mich sehr vernünftig. Und ich stelle mich immer wieder neuen Aufgaben, weil mir das Spaß macht. Ich lerne neue Leute kennen und setze mich neuen Situationen aus, auch wenn ich manchmal ein bisschen aufgeregt bin.

 

Ist ein so langes Leben wirklich erstrebenswert?

Wagner: Die meisten Menschen glauben, dass über Hundertjährige einfach nur dumpf ihre Zeit absitzen und auf den Tod warten. Aber das ist überhaupt nicht so. Diese Menschen in meinem Film haben eine ganz starke innere Lebendigkeit und eine reiche Gefühlswelt. Sie fühlen sich auch nicht nutzlos, weil sie in ihren Familien eine besondere Funktion haben, wie ein Fels in der Brandung. Sie verfolgen das Heranwachsen ihrer Enkel und Urenkel, und die spüren das auch. Das wirkt auf Familien sehr stabilisierend.

 

Haben Sie den Film gemacht, weil sie das zeigen wollten?

Wagner: Ich bin an diesen Film unvoreingenommen herangegangen. Jedem der acht Hundertjährigen habe ich dieselben Fragen gestellt. Ich hatte diese Filmidee, weil die Zahl der Hochbetagten extrem zunehmen wird. Ich dachte: Dann sind die jetzt lebenden über 100-Jährigen die letzten ihrer Art. Das wollte ich im Film festhalten. Ich hatte keine Ahnung, ob das geht und ob man diesen hochaltrigen Menschen überhaupt zuhören mag.

 

Was haben Sie von den alten Menschen gelernt?

Wagner: Zu viel, um alles hier aufzählen zu können. Hochaltrige Menschen sagen zum Beispiel: Ganz gleich wie alt – ich bleibe immer ich selbst. Man fühlt sich mit 100 nicht wie 100, das ist nur eine Zahl. Es gibt in uns allen einen Wesenskern – oder wie man das auch nennen mag –, der in der Tiefe gleich zu bleiben scheint. Jeder kennt das: Wenn man Musik aus seiner Jugend hört, fühlt man sich plötzlich wieder wie 20, als man auf diese Musik getanzt hat. Der Schriftsteller Martin Walser hat einmal gesagt: Das Leben will gelebt werden und nicht gezählt. Für mich ganz neu war, wie offen die Hundertjährigen über Tod und Sterben geredet haben, das ist sonst ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Bei meinen Ü-100-Darstellern war das ganz anders. Ich glaube, dass die verbreitete Angst vor dem Älterwerden auch mit der Angst vor dem Tod zu tun hat.

 

Wie gehen Sie mit diesen Ängsten um?

Wagner: Ich konnte diese Ängste sehr gut abbauen, auch durch meine Arbeit an dem Film. Ich habe diese acht alten Menschen ja nicht nur einmal besucht, sondern immer wieder. Und ich habe erfahren, dass es am Ende eines langen Lebens eine positive Sättigung gibt. Nach dem Motto: Das Leben war schön, aber jetzt reicht’s auch. Ich hatte auch einen Mann, der kaum sehen und hören kann, und der sterben wollte. Aber nicht, weil er depressiv ist, sondern weil er sagt: Nicht sehen und hören nimmt die Lebensfreude. Dabei ist er aber immer noch lustig. Der Humor dieser hochaltrigen Menschen in ihrem Reden über Leben und Tod ist absolut faszinierend.

 

Ihr Film kann also Angst vor dem Alter nehmen?

Wagner: Auf alle Fälle. Das weiß ich aus den Reaktionen des Publikums nach den 70, 80 Filmgesprächen, die es bisher zusammen mit mir gab. Ein Film, der Mut zum Altern schenkt, hatte es in einer Kritik des ZDF-heute-journals zur Filmpremiere am 5. April geheißen. Das hat mich sehr gefreut.

 

Zeichnen Sie das hohe Alter nicht zu positiv?

Wagner: Der Film beschönigt nichts. Er zeigt genauso die beschwerlichen Seiten des Alters. Ich halte absolut nichts von dem übertriebenen Altersoptimismus. Aber es wird Zeit, sich auch die positiven Stärken der älter werdenden Seele und des Gehirns anzuschauen. Diese permanenten Ängste zum Beispiel vor Demenz schon bei der kleinsten Vergesslichkeit – das stresst das Gehirn, und dann geht gar nichts mehr.

 

Die Mehrheit der über 100-Jährigen lebt zuhause, nicht im Heim, schreiben Sie auf Ihrer Homepage. Ist das eines der Rezepte dafür, sehr alt zu werden?

Wagner: Diese Familienverbände funktionieren immer noch sehr gut, obwohl immer vom Niedergang der Familie die Rede ist. 73 Prozent der Pflegefälle werden zuhause gepflegt. Familien leisten unglaublich viel und müssen besser unterstützt werden.

 

Worauf im Alter freuen Sie sich persönlich?

Wagner (überlegt): Viele alte Menschen denken: Alles bleibt jetzt wie es ist. Mein Leben ist jetzt in Stein gemeißelt. Das ist falsch. Wir entwickeln uns weiter bis wir sterben. Deshalb weiß ich, dass im Alter noch was kommt. Und darauf freue ich mich: Auf meine neu gewonnenen Stärken. Wissen Sie, beim Thema Altern konzentriert sich die Aufmerksamkeit in Deutschland komplett auf einen mehr und mehr versagenden Körper. Wer das tut, macht sich zum Opfer einer Ideologie des Zerfalls. Wir sehen immer nur: Ich werde vergesslicher, ich bin nicht mehr so schnell, ich kann den Sport nicht mehr ausüben. So zu denken, macht alt. Dafür entwickeln wir andere Stärken. Wir erkennen viel besser Zusammenhänge des und unseres Lebens, entwickeln eine wunderbare Intuition, unsere Entscheidungen sind überlegter und wir werden psychisch sehr viel belastbarer. Junge Menschen sind schneller, keine Frage, aber mit den Erfahrungswerten der Älteren können sie nicht mithalten. Wie auch. Ich freue mich also auf immer neue Herausforderungen – und dass ich hoffentlich mehr Zeit zum Schwimmen hätte.

 

Dagmar Wagner( 57) ist Biografin und Filmemacherin und lebt in Berg im Landkreis Starnberg. Sie ist Trägerin des Bayerische Filmpreises und des Deutschen Biografiepreises. Einen Trailer zu dem Film sehen Sie hier.

 

Das Programm der Aktionswochen Gesund sein in Bayreuth

8. November, 19.30 Uhr: Kinofilm Ü-100 mit anschließendem Filmgespräch mit Geriatrie-Chefarzt Dr. Holger Lange im Cineplex

13. November, 13.30 - 15 Uhr: Schüler helfen Senioren bei Smartphone und Tablet-PC in der Albert-Schweitzer-Mittelschule, (Referent Stefan Frühhaber) Anmeldung erforderlich unter Telefon 0921/62883

14. November bis 14. Dezember: Vier Ausstellungen im RW 21: Altersbilder, Karikaturen zum Alter, Wanderausstellung „Blitzlicht ins Land des Vergessens“, und Fotos über 100-Jähriger von Dr. Lange.

15. November, 16.30 - 19.15 Uhr: Symposium: 31. Aktuelle Geriatrie Bayreuth. „Demenz – neue Perspektiven“ Fachveranstaltung für Therapeuten, Ärzte, Krankenpflege und Altenpflegeschüler sowie Pflegepersonal in MediClin Reha-Zentrum Roter Hügel. Anmeldung notwendig unter Tel: 0921/30 92 34

18. November, 10 - 15 Uhr: Gesundheitskongress und Ausstellung „Gesund alt sein in Bayreuth“ in RW 21 und VHS

10 Uhr: Eröffnung durch Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe und Landrat Hermann Hübner

10.45 Uhr: Vortrag von Dr. Lange über die Memory Clinik am Klinikum Bayreuth – Vorstellung des Konzeptes zur Untersuchung bei Demenz

11 Uhr: Vorlesestunde für Kinder zum Thema Alter

11 Uhr: Sturzprophylaxe nicht nur für Ältere

11 Uhr: Schachworkshop für alle Altersgruppen

12 Uhr: Yoga für alle Altersgruppen 12.30 Uhr: Vortrag zu Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht

14 Uhr: Vortrag Ruhestandsplanung – worauf kommt es wirklich an?

21. November, 19 Uhr: Vortrag Keine Angst vorm alt werden – Älter werden mit guter Lebensqualität im Evangelischen Bildungswerk (Heilpraktikerin Susanne Höllbacher); Seminarraum im Hof

23. November, 17 Uhr: Themenführung Alter – Zielgruppenmedien in der Stadtbibliothek Bayreuth im RW 21 (Sigrid Seebach-Blum)

24. November, 15 Uhr: Kuddelmuddel in Omas Kopf – Bilderbuchkino für Kinder ab vier Jahren, im RW 21

28. November, 19.30 Uhr: Vortrag Wer zahlt mein Altsein? Finanzielle Herausforderungen im dritten Lebensabschnitt im Evangelischen Bildungswerk (Caroline Güldner, Diakonie Bayreuth,und Christian Hartmann, VdK)

30. November, 19 Uhr: Vortrag Endlich leben Ein liebevoller Blick auf die letzten Jahre (Waldemar Pisarski, Pfarrer i.R., Gestalttherapeut) in der Stadtkirche Bayreuth

4. Dezember: 14 - 16 Uhr: Café-Treff für Angehörige von Menschen mit Demenz und Betroffene, Erfahrungsaustausch und fachliche Informationen (Paula Schauer, Fachstelle für pflegende Angehörige) im Löhehaus

5. Dezember, 15 Uhr: Wie schütze ich mich vor Kriminalität? – Sicher gegen Einbruch und Diebstahl zuhause und unterwegs (Rainer Peterson, Kriminalhauptkommissar, Kriminalpolizeilicher Fachberater) im RW 21 Lernstudio; Anmeldung notwendig per E-Mail: stadtbibliothek@stadt.bayreuth.de, oder Telefon unter , 0921/50 70 38 30

7. Dezember, 19 Uhr: Vortrag Wenn ich alt bin, werde ich...? Neue Altersbilder: Grenzenloser Aktivismus versus Ruhe im Alter (Dagmar Wagner, Dokumentarfilmerin, Autorin, Moderatorin) im Evangelischen Bildungswerk, Seminarraum im Hof ⋌red

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