Tumult und Teufelsspuk

Es würde kein Werk werden, das allzu bekannt werden würde. Aber das wusste der junge Komponist noch nicht. Und so hängte er sich rein, mit aller Kraft - und Demut: an die Vertonung eines Gedichts von Goethe. „Ich weiß nicht, ob mir‘s gelingen wird“, schrieb Felix Mendelssohn im März 1831 an Goethe. „Aber ich fühle, wie groß die Aufgabe ist, und mit welcher Sammlung und Ehrfurcht ich sie angreifen muss.“

Bei anderer Gelegenheit ist der Ton ein weniger getragener. Es „kann sich ganz lustig machen; denn im Anfang gibt es Frühlingslieder und dergleichen vollauf; – dann, wenn die Wächter mit ihren Gabeln, und Zacken, und Eulen Lärm machen, kommt der Hexenspuk dazu“. Das teilte  Mendelssohn seiner Schwester mit. Bei allem Respekt vor Goethe – Mendelssohn hatte auch seinen Spaß beim Komponieren einer Kantate zu einem Goethegedicht. Eine Freude, die man der „Ersten Walpurgisnacht“ op. 60  unbedingt anhört.

Mit List gegen Intoleranz

Die Geschichte klingt erstmal exotischer, als sie ist: Die Anhänger der alten Religion werden vom jungen Christentum zur Seite geschoben. Sie scharen sich um ihre Druiden und schaffen sich einen Freiraum, in dem sie die christlichen Verfolger mit vorgegaukeltem Teufelsspuk schrecken – sozusagen mit ihren eigenen Waffen schlagen. Die musikalische Mär über die Entstehung des Hexentreibens am Brocken gehört wirklich nicht zu Mendelssohns bekanntesten Werken.

Bildhafte Musik

Um so höher ist es dem  Philharmonischen Chor anzurechnen, die „Walpurgisnacht“ auf ihren Konzertspielplan gesetzt zu haben. Unterstützt von den Hofer Symphonikern unter der Leitung von Torsten Petzold und mit Sayaka Shigeshima (Mezzosopran), Artjom Korotkov (Tenor), Uwe Schenker-Primus (Bariton) arbeiteten die Bayreuther an diesem Tongemälde heraus, was in der Dr. Stammberger-Halle herauszuarbeiten war: die dramatischen Effekte, Wintersturm und Frühling, Zorn und Milde, edle Einfalt und Arroganz der Emporkömmlinge, dazu ein ganzer vorgetäuschter Hexensabbat. Das Geschehen stand – und das nicht nur an den Stellen, an denen das gesungene Wort zweifelsfrei und verständlich über die Rampe kam – einem bildhaft vor Augen.

Nicht weiter verwunderlich, dass sich auch Hector Berlioz, dessen Symphonie fantastique kurz zuvor entstanden war, seinerzeit begeistert zeigte: „Die Erste Walpurgisnacht“ ist so etwas wie der deutsche Bruder seiner Symphonie, und zwar ohne teutonische Schwere. Manchmal, an Stellen, an denen der Frühling waltet, hört man eine Vorahnung von Mendelssohns Italienischen Symphonie.

Der Philharmonische Chor ging mit großer Ausdruckskraft ans Werk und schaffte es sogar, dass man sich die Sänger kurz mit einem Augenzwinkern vorstellen konnte:  Schließlich geht die Mär davon, wie man sich mit List und Witz gegen die Intoleranz von Glaubenskämpfern wehrt.

Der Chor verschwindet hinter dem Orchester

Die Klangfarben hätte man dagegen gern mit stärkerer Nuancierung erlebt. Das aber ist schwierig, in diesem Raum, in dem sich das Orchester fast wie ein Wall vor dem Chor erhob. Die Zuhörer in der vorderen Hälfte des Parketts bekamen lediglich die Scheitel der Chorsänger zu sehen, und da auch der Ton den kürzesten Weg sucht, verschwamm der Klang mitunter beim Flug durch die Reihen des Orchesters. Der Schwammigkeit der Akustik scheint auch der gelegentliche Mangel an Präzision des Orchesters vor allem nach Generalpausen geschuldet gewesen zu sein.

Eine tragbare Beeinträchtigung, insgesamt, das Publikum spendete begeistert Beifall. Zum Gelingen hatten vor allem Sayaka Shigeshima mit wunderbarer Fülle und guter Verständlichkeit sowie Uwe Schenker-Primus mit einem dunkel strahlenden Bariton beigetragen.

Der Wagnerianer Brahms

Ein abendfüllendes Programm bekommt man mit einer Walpurgisnacht freilich nicht hin, mit der Manfred-Ouvertüre von Robert Schumann sowie der Alt-Rhapsodie und Hyperions Schicksalslied hatte der Chor die erste Hälfte des Abends gestaltet.

Die dramatische Ouvertüre kann man als Vorgeschmack aufs Mendelssohn-Stück versehen, allerdings blieben die Hofer in puncto Dynamik noch etwas schuldig. Die dramatischen Vorgänge zu modellieren, ihnen Kontur und Tiefe zu verleihen - das gelang ihnen bei Mendelssohn weit besser.

Altbekannt und doch irgendwie überraschend die beiden Brahms-Stücke. Zauberhaft, wie einfach erst einmal bei aller Komplexität das Schicksalslied klingt. Erstaunlich, wie sehr es in der Rhapsodie wagnert: Ausgerechnet Brahms spürt da „Tristan und Isolde“ nach. Hat er sich bei der Gelegenheit nicht selbst spöttisch als Wagnerianer bezeichnet? Und das einige Jahre, bevor er mit seinem Freund Hermann Levi bricht, wegen dessen Bekenntnis zu Wagner?

Man mag’s nicht glauben. Anhören kann man es natürlich. Durchaus mit großem Genuss.  

 

Nicht bewertet

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