"Tristan": Räume für Träume

Der Bayreuther ist bei "Tristan und Isolde" die rechte Hand des Meisters, sein verlängerter Arm in die Werkstätten hinein, der Rechercheur, Zeichner und Modellbauer. Und tut damit einen weiteren Schritt auf dem Weg zu seinem Wunschberuf. Dass er das in Katharina Wagners Neuinszenierung tun darf, ist für ihn „die Erfüllung eines Traums“. Ein Traum, der tatsächlich in Bayreuth begann.

Kinder mögen Miniaturwelten. Julius Theodor Semmelmann war da offenbar keine Ausnahme, im Gegenteil, er ließ sich offenbar sogar noch ein bisschen tiefer beeindrucken als seine Altersgenossen. „In Haus Wahnfried war eine Ausstellung über Bühnenbilder, mit lauter Modellen“, erzählt er, „und ich stand da in diesem dunklen Kellerraum und blickte fasziniert auf diese kleinen bunten Welten in diesen Kästen.“ Vielleicht auch schon, weil’s Bühnenbilder zu Wagner-Opern waren. Die Familie wohnte an der Eubener Straße, Luftlinie ein paar hundert Meter zum Festspielhaus. „Mit zehn oder elf war ich das das erste Mal im ,Rheingold‘, in der Inszenierung von Jürgen Flimm.“

Der Bub hatte sich vorher sogar Videokassetten angeschaut, beeindruckt sei er gewesen, sagt Semmelmann. Man könnte derlei als den halb erfundenen Gründungsmythos einer Wagner-Besessenheit abtun, würden seine Augen nicht heute noch so glänzen. „Für mich war das ein Fenster in eine andere Dimension. Ich habe die zweieinhalb Stunden problemlos durchgehalten, ich fand das so hammertoll.“ Semmelmann, so geht aus seinen Erzählungen hervor, muss wagnersüchtig geworden sein. „Wir haben sogar vor dem Kartenbüro gecampt“, sagt er.

Frühe Liebe fürs Theater

Hört sich an, als seien da frühzeitig Weichen gestellt worden, in ein Leben mit dem Theater. Mit einer Station, die in Bayreuth fast jeder anläuft, der einmal was mit Theater zu tun haben wird: Semmelmann machte auch bei der Studiobühne mit. Nach dem Abi arbeitete er für ein Kinder- und Jugendtheater in Nürnberg. Schließlich landete er an der Uni Graz, wo er Heike Scheele kennenlernte, die Stefan Herheims „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen ausgestattet hatte. Semmelmann assistierte ihr an der Semperoper, in Salzburg und Frankfurt, baute Kontakte auf. Traf schließlich auf Frank Schlößmann, dann auch auf Katharina Wagner. So kam er an seinen Vertrag, „und auf einmal wurde aus dem Spielplatz der Arbeitsplatz“, sagt Semmelmann mit einer Art von staunenerfüllter Buben-Freude, die ihn für einen Moment gleich wieder fünfzehn Jahre jünger wirken lässt.

Was ihm in Bayreuth gefällt, ist das Team, die hohe Motivation der Theaterleute am Grünen Hügel, die auch mal auf die Schnelle Sachen möglich macht, denen an einem Stadttheater ein bürokratischer Kraftakt vorausgehen würde. Und Semmelmann schätzt die Dimensionen in Richard Wagners Festspielhaus. „Es sind ungeheure Möglichkeiten, die man damit bekommt“, sagt er. „Beim ,Tristan‘ sind es geträumte Räume, die umgesetzt werden. Es sind richtige Traumwelten, und man muss als Bühnenbildner nur ganz wenige Kompromisse machen.“

Sicherheitstechnisch der Wahnsinn

Bei der Produktion des „Tristan“ ist Semmelmann eingestiegen, als der Entwurf schon stand. In den Proben, überhaupt während der ganzen Vorbereitungszeit, hatte er aber noch genügend Gelegenheit zum Staunen. Nicht zuletzt wegen des Harry-Potter-artigen Bühnenbildes mit den Treppen, die sich dauernd verschieben. „Diese Konstruktion ist der Wahnsinn“, sagt Semmelmann, „die zieht auch sicherheitstechnisch einen Rattenschwanz hinter sich her.“

Klar: zu wissen, was demnächst sich bewegt oder was weiter stehen bleibt, ist für die Sänger eine Angelegenheit von höchster Wichtigkeit. Die Treppenstufen sind durchnummeriert, „von 1 bis 93“. Damit auch Regisseurin Katharina Wagner nachvollziehen kann, auf welcher Höhe des Bühnengebäudes sich Isolde gerade befinden soll. Wie eindrucksvoll die Szene vom Sänger aus wirkt, konnte er auch ausprobieren – als Double: „Ich lag dann halt tot herum und habe den Tristan gespielt.“ Was ihm an Schlößmanns Theatermaschinerie imponiert: „Dass sich dieser ,Tristan‘ so stark aus dem Werk entwickelt, dass da nichts übergestülpt, sondern das erzählt wird, was in dem Werk auch drinsteckt.“

Assistent bei "Parsifal"?

Semmelmann freut sich schon auf die nächste Station: Mit seinen Entwürfen zu Franz Schrekers Oper „Die Gezeichneten“ hat er ein Stipendium für die Musiktheater-Akademie bekommen. Dort kann er weiter lernen, sich austauschen, neue Kontakte knüpfen, an neuen Projekten arbeiten,

Nächstes Jahr wird er sich wieder in Bayreuth einfinden, wird bei den Festspielen unter anderem bei Uwe Eric Laufenbergs Neuproduktion des „Parsifal“ assistieren. Sein Diplom als staatlich geprüfter Bühnenbildner könnte er dann bereits in der Tasche haben. Doch bis zum ersten selbstständigen Job an einem großen Haus kann es auch noch dauern, das weiß er: „Es kommt selten vor, dass ein Regisseur als weißer Ritter erscheint.“

Wer Traumwelten baut, muss ja nicht gleich ein kompletter Träumer sein.

 

 

 

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Montag, 13. November 2017 - 11:06