"Tristan" für vier Hände

Zwischen 1914 und 1917 erschienen mehrere Hefte mit „Fünfzig symphonischen Sätze aus Richard Wagners Musikdramen: in vollständiger Übertragung des Orchesters und der Bühnenmusik mit wesentlicher Einbeziehung der Gesangstimmen“. Hermann Behn, geboren 1857, gestorben 1927, ein Mann aus dem Umkreis Gustav Mahlers, bearbeitete die Musikdramen Wagners in großzügiger Weise: „für zwei Klaviere zu vier Händen“. Behn erkannte, dass ein einzelnes Klavier nicht genügt, um die Komplexität zumal der „Ring“-Partitur durch ein Klavier abbilden zu lassen.

Cord Garben hat im Wagner-Jahr 2013 bereits einen Teil der Behnschen Bearbeitungen vorgelegt: den „Ring“. Damals nöhlte der Rezensent ein wenig herum: der spezifische „Ring“-Klang sei auch mit zwei Klavieren nicht befriedigend zu realisieren.

Ein in Silber getauchter Klang

Nun ist Garben in Steingraebers Kammermusiksaal zurückgekommen: zusammen mit einer Musikerin, die Hermann Behn ihren Ururgroßonkel nennen kann. Christiane Behn spielt zunächst ein Solostück ihres Ahnen: Thema und Variationen, mit gelinden Einschlägen Wagnerschen Stils. Die Musik ist gut gemacht, sie klingt ein wenig wie die Begleitmusik zu einem Stummfilm, und man erinnert sich daran, dass die 50 Sätze zur ersten Blütezeit des Mediums erschienen sind. Wie aber klingt auf den beiden Steingraebers der „Tristan“? Also ein Werk, das seinerseits einen spezifischen, in Silber getauchten Klang besitzt?

Nicht hundertprozentig, aber weitgehend geglückt

Er klingt erstaunlich gut. Schnell mag der Hörer, der den suggestiven Orchestersound und die Gesangsstimmen im inneren Ohr hat, fast vergessen, dass Behn seine Bearbeitung einem unvergleichlichen Stimmengefüge verdankt, dem die Holzbläser, das Englischhorn zumal, die akustische Krone aufsetzen. Hat Uwe Hoppe in seinem Dramolett „Der Walkürenritt“ behauptet, dass Wagner auf dem Klavier überhaupt nicht geht, so zeigen Behn und die beiden Interpreten, dass es zwar nicht vollkommen glücken kann, aber erstaunlich farbig klingt. Man projiziert nicht nur Gemälde der victorianischen und nachvictorianischen Ära (Marc Fishmans Liebespaar führt den Gestaltenreigen an), die die beiden Liebenden verklärend zeigen. Man zitiert auch Verdis Meinung über den 2. Akt: „Wunderbar, wunderbar“.

Es verschwimmen die Konturen

So klingt es, abzüglich einiger schräger Töne, denn auch. Im 2. Akt verschwimmen gar die Konturen: so wie die Wellen und die nächtlichen Lichtreflexe im Wasser des Canale Grande, den Wagner während der Instrumentation des einzigartigen Wunder-Akts im Blick hatte. Das Publikum wird vom organisierten Klangrausch gebannt, der die Verklärung der Isolde bis zum schönstinstrumentierten Schlussakkord der Operngeschichte hinaufführt. Instrumentiert? Cord Garben und Christiane Behn konnten zeigen, dass man dem „Tristan“ mit seiner symphonischen Struktur weit besser auf zwei Klavieren beikommt als dem „Ring“.

Und mit den schönen wie unbewegten Gemälden an der Leinwand wirkte die Musik manchmal sogar wie beste Musik zu einem Standfilm.

Nicht bewertet

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