Bayreuther Ästhetik des Tristan

Tristan“ war nur zweite Wahl. Für die Festspiele 1886, die dritten überhaupt, hätte Cosima lieber die „Meistersinger“ angesetzt. Aber die waren zu teuer. Also wurde „Tristan“ das nächste Werk, das in den Bayreuther Kanon aufgenommen wurde – zehn Jahre nach der „Ring“-Uraufführung, vier nach „Parsifal“, drei nach Richard Wagners Tod. Cosima inszenierte streng nach den Vorgaben Wagners, Felix Mottl dirigierte, Max Brückner schuf das Bühnenbild; die Produktion blieb 20 Jahre im Repertoire.

Bis heute war „Tristan und Isolde“ in neun verschiedenen Deutungen im Festspielhaus zu sehen, Katharina Wagners Inszenierung ist die zehnte. So gut wie bei kaum einem anderen Werk lässt sich an der Bayreuther „Tristan“-Geschichte die künstlerische und ästhetische Entwicklung der Festspiele ablesen.

Auf die Ur-Inszenierung Cosimas folgte erst 1927 eine szenische Neufassung: von Siegfried Wagner. Elf Jahre danach folgte eine Neuinszenierung von Heinz Tietjen für die Kriegsfestspiele.

Wieland und Wolfgang Wagner inszenierten in der Nachkriegs-Ära das Musikdrama abwechselnd, jeweils mit „entrümpelter“ Szene: erst Wieland 1952, damals dirigierte Herbert von Karajan. Dann Wolfgang 1957, erstmals mit Birgit Nilsson und Wolfgang Windgassen in den Titelrollen. Und wieder Wieland 1962 – die Deutung blieb bis über seinen Tod hinaus auf dem Spielplan. 1974 legte August Everding mit dem tschechischen Bühnenbildner Josef Svoboda eine farbenfrohe Deutung vor, bevor Jean-Pierre Ponnelle die bis heute wohl beliebteste Inszenierung schuf: mit „echter“ Blätterlaube im zweiten Aufzug René Kollo als Tristan und Christian Thielemann als Assistent von Dirigent Daniel Barenboim.

1993 entgrenzte Heiner Müller das Werk in einem geometrischen Raum von Erich Wonder; 2006 versetzte Christoph Marthaler das Liebesdrama in die ihm eigene Trostlosigkeitsästhetik. In welche Richtung Katharina Wagner die Tradition fortschreibt – es ist nur noch eine Frage von Stunden, bis diese Frage geklärt ist.

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