Thema Bayreuther Festspiele: Jetzt ist alles ganz einfach

Das Festspielhaus steht da, wo es immer steht, Katharina Wagner ist (die nach außen sichtbare) Festspielleiterin, Träger der Festspiele ist der Staat, und das Fernsehen kommt sowieso erst im Juli, wenn vor dem Königsportal wieder der rote Teppich liegt. Das wäre auch ohne Unterschrift unter dem Mietvertrag so, ohne die Entmachtung von Eva Wagner-Pasquier, ohne den quasi unterschriftsreifen Vertrag bis 2020 für ihre Schwester Katharina. Viel hat sich also gar nicht geändert in den vergangenen Tagen und Wochen, könnte man meinen.

Stimmt aber nicht.

Nur betreffen die Änderungen eben nicht die Festspielzeit 2014 oder 2015, es geht um sehr viel mehr: Es geht um die Hoffnungen und Möglichkeiten und Chancen, die im Zusammenhang mit den Bayreuther Festspielen bestehen, es geht – auch im übertragenen Sinn – um die Entwicklung des Kurses.

Hoffnungen, Chancen und Möglichkeiten sind bei anderen Unternehmen erst dann Argumente, wenn es an die Börse geht. Das ist bei den Festspielen anders. Hier geht es um nichts anderes als genau darum – so funktioniert Oper, so funktioniert vor allem Wagner: Die Leute gehen hin, weil sie sich ein paar schöne Stunden versprechen, die einen erhoffen sich Gedankenanstöße und interessante Ideen, andere wollen überrascht werden und, natürlich, in der Seele angefasst. Darum geht es, das ist alles. Die Festspiele sind eine Fabrik, die schöne Momente herstellt, wer eine Karte kauft, kauft – neben der Garantie auf einen Sitzplatz – das Versprechen, genau das zu bekommen. Ein schönes, sicheres Geschäft. Das Risiko, das Versprechen nicht zu halten, gehört dazu. Der einzige große Fehler wäre aufzuhören, vielversprechend zu sein.

Im Geschäftsbericht der Bayreuther Festspiele GmbH des Jahres 2011/12 steht, „bereits für die Spielzeit 2012 seien erheblich mehr Anstrengungen als in den Vorjahren nötig gewesen, um vor allem Karten aus den höherpreisigen Segmenten vollständig abzusetzen.“ Vielversprechend klingt das nicht. Und auch wenn man in der Stadt mit kaum einem anderen Satz einhelligere Zustimmung erntet als damit, dass die Festspiele schon irgendwie wichtig sind, Bayreuth aber nicht nur Wagner ist: Die Stadt wäre sehr schlecht beraten, es darauf ankommen zu lassen. Und deshalb war die laut gestellte Frage der Oberbürgermeisterin goldrichtig, ob das, was der Freistaat Bayern und der Bund mit den Festspielen vorhaben, tragbar und vertretbar ist.

Natürlich ist es gut, wenn das Festspielhaus nun saniert werden kann, auch wenn es, wie es auf dem Grünen Hügel heißt, noch nicht einmal einen belastbaren Kostenvoranschlag gibt. „Bayreuth ist das schwierigste, was ich in meinem Leben gemacht habe“, sagte Verwaltungsratschef Toni Schmid einmal am Rande einer Sitzung. „Und die Sanierung vorzubereiten ist das schwerste, was ich in Bayreuth gemacht habe.“ Jetzt ist alles ganz einfach.

Die Frage aber, wie interessant und überzeugend der künstlerische Kurs der Festspiele ist, spielt – und das besiegelt der Mietvertrag bis mindestens 2040 – keine entscheidende Rolle mehr. Ginge es nach der Stiftungssatzung, wäre eine offen geführte Debatte nötig zu der Frage, was diese Festspiele denn sein sollen und sein könnten – geführt erst von den 24 Mitgliedern des Stiftungsrats, in Zweifelsfällen in einem Gremium aus Intendanten anderer Opernhäuser. Einfach wäre das nicht und auch nicht schnell, aber wozu Schnelligkeit? Wir reden hier über ein jährliches Opernfestival von sechs Wochen Dauer, mit einer echten Premiere im Jahr. Und wenn dieses Gremium zu dem Schluss kommt, dass Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier die vielversprechendsten Bewerber sind, dann werden sie berufen.

Nun erfuhr Eva, dass sie ihr Büro im September 2015 räumen wird, Katharina wartet, dass der Fünf-Jahres-Vertrag bis 2020 unterschriftsreif ist. Ohne Debatte, ohne Begründung, ohne Sachverständige, die braucht es nicht.

„Wir machen das unter uns“, sagte Stiftungsvorstandschef Wilhelm Wenning, bevor er vor der Unterzeichnung des Mietvertrags die Tür von innen schloss, und fügte hinzu: „Bitte nicht falsch verstehen.“ Was gäbe es da falsch zu verstehen?

Jahrelang weigerte sich Wolfgang Wagner zurückzutreten, wenn nicht seine Tochter Katharina ihm als Festspielleiterin nachfolgt. Der Staat drohte, die Zuschüsse einzufrieren.

So gesehen, hat sich wirklich nicht viel geändert.


florian.zinnecker@kurier.tmt.de

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Montag, 13. November 2017 - 11:06