Theater: Volkstümlicher Politzirkus

Die Preise überteuert, kein Geld für Strom und Miete: In der Farce des italienischen Nobelpreisträgers Dario Fo beherrscht die Krise das Leben der zwei befreundeten Arbeiterpaare, Antonia (Petra Wintersteller) und Giovanni (Stephan Menzel-Gehrke), sowie Luigi (Wolfgang Krebs) und Margherita (Stephanie Mendoni). Weil sie sich nicht mehr zu helfen wissen, werden sie eher unfreiwillig zu Gesetzesbrechern.

Das ist nicht zu bezahlen

Antonia weigert sich, die hohen Preise im Supermarkt zu bezahlen. Mit anderen Frauen und Arbeitern rebelliert sie gegen den Filialleiter, packt alles ein, was ihr in die Finger kommt und rennt davon. Auf der Grundlage dieser Vorgeschichte entspinnt sich eine rasante Boulevardkomödie, in der teils so dick aufgetragen wird, das die Handlung mitunter zum Klamauk zu verkommen droht. Keine feinsinnige Satire entwickelt sich hier, sondern ein volkstümlicher Politzirkus, was aber vom Autor durchaus so gewollt ist.

Nichts Essbares außer Schweineohren

Denn die Arbeiter wissen sich nur noch mit zivilem Ungehorsam und Witz gegen die reichen Eliten durchzusetzen. So sind bald Margherita und Antonia mit Pasta und Tomaten, Oliven und Salatsoße "schwanger", weil die Polizei nach ihnen sucht. Als die Gesetzeshüter das Spiel durchschauen, erleiden sie prompt eine "Fehlgeburt". Erfindungsreich und skurril sind ihre Ausreden auch gegenüber den eigenen Ehemännern, die Vogelhirse, Hundefutter und Schweineohren serviert bekommen.

Wer sind denn da die "Lumpen"?

Im Betrieb von Giovanni und Luigi streikt die Kantine, die Arbeitsplätze sollen nach Rumänien verlegt werden, in der Bahn hagelt es Proteste gegen die Fahrpreise. Als ein Lastwagen seine Ware verliert, schnappen sich beide die Säcke - und jagen, von einem Polizisten (Martin Geiger) verfolgt, durch den Saal. Auf ein Mal sind sie eins mit dem "Lumpenproletariat", vor dem sie sich als politisch denkende Kommunisten abgrenzen wollten. Unter der Regie von Wolfgang Krebs spielt Martin Geiger drei Rollen, keine sechs wie Dario Fo es für ein und denselben Schauspieler vorgesehen hat: Neben dem subversiven Wachtmeister und strengen Carabiniere müssten noch ein Bestatter und ein alter Mann, ein Möbelpacker und ein Bankdirektor vorkommen. 

Atemlose Dialoge

Das 1974 in Mailand uraufgeführte Stück ist immer noch aktuell. Regisseur Krebs verknüpft die Handlung vor der gleichbleibend spärlich ausgestatteten Bühne unter anderem mit dem G 20-Gipfel, Fake News und der Bankenpleite. Besonders gefielen Petra Wintersteller und Stephan Menzel-Gehrke als überschäumendes, temperamentvolles, rasendes Paar, dem kaum eine Pause gegönnt war, in dieser an atemlosen Dialogen reichen Inszenierung. Das Publikum bedachte die Schauspieler am Ende mit lang anhaltendem Applaus und dürfte sich gut unterhalten gefühlt haben.

Rätselhafter Schluss

Im Gegensatz zu den ersten beiden, sehr turbulenten Akten wirkt das Ende nicht ganz schlüssig. Zu abrupt nimmt Regisseur Krebs die Dynamik heraus, statt nur seltsam grotesk ist alles urplötzlich todernst, die Szene friert ein -- und schwupp ist das Ende da. Die Arbeiter erstarren zum Denkmal, dirigiert mittels Fernbedienung, die ein Schweizer Bankier in Händen hält. Und so fehlt das starke Schlussstatement auf die Freiheit, das eigentlich im Chor aufgesagt werden sollte: "Und wenn du eines Tages sterben musst, stirbt nicht ein alter, ausgepumpter Maulesel, nein, ein Mensch stirbt, ein Mensch, der frei und zufrieden gelebt hat, mit anderen freien Menschen.“

Termine: 4./5. August, 20 Uhr; 6. August, 19 Uhr; 11./12. August, 20 Uhr, 13. August, 19 Uhr. Karten unter Telefon 09203/9738680 oder per Mail info@schlosstheater-thurnau.de

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