Textilindustrie im Aufwind

Während die Textilindustrie im vergangenen Jahr ein Umsatzplus in Höhe von 3,9 Prozent auf knapp 2,50 Milliarden Euro verzeichnete, gingen die Umsätze in der Bekleidungsindustrie um 4,1 Prozent auf rund 1,99 Milliarden Euro zurück. „Unsere Branche hat sich zweigeteilt entwickelt“, sagte Sandler. „Keinesfalls zufriedenstellend“ könne Sandler die Entwicklung der Bekleidungsindustrie einordnen.

Alle wollen investieren

Dennoch gibt es Grund zur Hoffnung: „Alle Bekleider wollen investieren, das ist ein tolles Zeichen“, sagte der VTB-Präsident und stützte sich dabei auf eine Umfrage des Verbands bei seinen Mitgliedsunternehmen. Mit diesen Investitionen kämpfe die Bekleidungsbranche massiv gegen die rückläufigen Zahlen an, bekräftigte Sandler. Im Vorjahr wollten gerade einmal 69,9 Prozent der Betriebe Geld in ihre Betriebe einbringen. Ob es sich bei den Investitionen um Maschinen, Gebäude oder Ähnliches handelt, geht laut Sandler aus der VTB-Umfrage nicht hervor.

Im Gegenzug ist bei den Geldern, die der Freistaat in die Textilbranche investiert, klar, was mit ihnen geschieht. Für rund fünf Millionen Euro entsteht derzeit in Münchberg im Landkreis Hof ein Textilforschungsinstitut. „Weitere zwei Millionen Euro werden in den kommenden beiden Jahren zusätzlich für Verbundforschungsprojekte zur Verfügung stehen“, stellte Sandler heraus.  

Anwendungen der Zukunft

Die Textilindustrie von heute sei nicht mehr mit der früherer Tage vergleichbar, erklärte Sandler nach der Versammlung im Gespräch. Carbontechnologien, textilarmierter Beton und Organobleche sind nur einige Beispiele für textile Anwendungen der Zukunft. Auch Vliesstoffe werden immer wichtiger und sind in vielen Anwendungen gar nicht mehr wegzudenken. Neue Technologien ermöglichen es nun sogar, Vliesstoffe aus Granulaten herzustellen, wie der Textil-Fachmann Sandler erläutert.

Bei aller Euphorie im Textilbereich haben die Hersteller aktuell alle ein gemeinsames Problem: die gestiegenen Strompreise. Besonders in einer energieintensiven Branche wie der Textilindustrie fallen die stark ins Gewicht. Vor allem die Erneuerbare-Energien-Umlage (EEG-Umlage) mache den Unternehmen zu schaffen, sagte Sandler. Zum Jahreswechsel sei die erneut gestiegen – um 8,3 Prozent auf 6,88 Cent pro Kilowattstunde. 2007 lag die Umlage laut Sandler bei gerade einmal 1,01 Cent pro Kilowattstunde und sollte nach Prognosen der Politik bis 2020 auf gerade einmal 1,2 Cent pro Kilowattstunde steigen.

„Das Geld, mit dem die Unternehmen die immer höheren Stromrechnungen begleichen müssen, fehlt an anderer Stelle für Investitionen, oder treibt diese ins Ausland“, kritisierte der Verbandschef. Er sieht aktuell sogar eine „schleichende De-Industrialisierung“ Deutschlands. Wir donnern langfristig mit unserer Energiepolitik an die Wand.“ Gleichzeitig warf er auch einen Blick über den Atlantik: „Amerikanische Politiker und Stromerzeuger schütteln den Kopf über die deutsche Energiepolitik.“

Produktion wieder in Deutschland?

Dass sich diese langfristig negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen auswirkt, schließt der VTB-Präsident nicht aus. „Man kann die Nachteile durch die Energiepreise nicht unbegrenzt durch Vorteile in Innovation und Schnelligkeit kompensieren“, sagte Sandler unserer Zeitung. Der Wettbewerb zwischen Asiaten, Europäern und Amerikanern werde immer intensiver, sagte Sandler bereits während der Versammlung zu den VTB-Mitgliedern. Gerade neue Technologien wie eben Verbundwerkstoffe oder Materialien für den Leichtbau seien jedoch Entwicklungen, die in Europa Zukunft hätten, relativierte er.

Das gilt auch für die Bekleidungsindustrie. Siemens und Adidas machen es mit ihrer „Speedfactory“ im Schuhbereich gerade vor: sie produzieren Artikel hochgradig individualisiert. Etwas Ähnliches könnte sich der VTB-Präsident auch für seine Mitgliedsunternehmen vorstellen. Die Modezyklen würden immer schneller. Dadurch lohne es sich nicht mehr, Kleidungsstücke in Fernost produzieren zu lassen. „Es ist einfacher, diese in der Nähe produzieren zu lassen“, sagte Sandler. Gut möglich, dass künftig wieder mehr Bekleidungsstücke im benachbarten Ausland oder sogar wieder direkt „made in Germany“ produziert werden.

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