Tennet: Stromtrasse ganz unter die Erde

Herr Hartman, die Bundesnetzagentur legt gerade die Kriterien fest, nach denen Tennet die Erdkabeltrassen planen muss. Wann können Sie loslegen?

Lex Hartman: Wir erwarten, dass wir im April wissen, wie es weitergehen wird.

Was wird ihr erster Schritt sein, wenn es soweit ist?

Hartman: Dann werden wir erst einmal mit den Kriterien, die wir haben, und mit dem gesetzlichen Rahmen schauen, was von den Anfang- zu den Endpunkten der ideale Weg ist. Eigentlich fordert das Gesetz eine möglichst gerade Linie. Das Gesetz fordert aber auch, die Trasse mit anderer Infrastruktur zu bündeln. Das sind Autobahnen, Bundesstraßen und andere elektrische Infrastrukturen. Wir untersuchen, wo es am besten geht. Und wir werden einen Weg suchen, auf dem wir von Ortschaften weg bleiben. Das geht mit Erdkabeln viel einfacher.

Viele Menschen befürchten, dass hier in der Region die Süd-Ost-Passage einfach auf den sogenannten Ostbayernring, der von Redwitz durch Oberfranken und die Oberpfalz nach Schwandorf führt, mit drauf kommt. Ist das eine Option?

Hartman: Ich gehe davon aus, dass wir die Süd-Ost-Verbindung praktisch komplett erdverkabeln werden. Oberirdisch bauen würden wir nur dort, wo es von den Betroffenen gefordert wird. Und eine Gleichstrom- und eine Wechselstromleitung auf einem Mast zu führen, ist technisch sehr herausfordernd und nicht sinnvoll. Denn wenn es eine Störung gibt, fallen gleich zwei Leitungen aus. Und auch falls die Süd-Ost-Verbindung mit dem Ostbayernring gebündelt werden würde, würden wir für die Gleichstromleitung ein Erdkabel bevorzugen.

Wann rechnen Sie damit, dass Sie der Öffentlichkeit einen Trassenkorridor vorschlagen können?

Hartman: Wichtig ist, einen Weg zu finden, zusammen mit den Bürgern, den Gemeinden und der Lokalpolitik zu einem Vorschlag zu kommen. Das ist zwischen Wolmirstedt und Landshut ein großes Suchgebiet über hunderte von Kilometern. Es ist schon zu erwarten, dass wir zu einem bestimmten Moment mit Ideen kommen. Aber das wird noch bis Herbst dauern. Dann starten wir auch den Dialog mit der Öffentlichkeit.

Ursprünglich sollten die Gleichstromtrassen dann in Betrieb gehen, wenn der Atomausstieg in Deutschland vollzogen ist. Jetzt verzögert sich der Baubeginn durch Entscheidungen der Politik um Jahre. Von 2024 zuletzt die Rede. Wie überbrücken Sie die Zwischenzeit?

Hartman: Wir haben in Deutschland nicht nur bei den Gleichstromverbindungen Verzögerungen, sondern der Netzausbau allgemein geht sehr viel langsamer voran als der Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Konsequenzen sind die, die wir immer prognostiziert haben. Wir werden immer mehr Strom nicht transportieren können. Wir werden immer öfter sehen, dass wir im Norden erneuerbare Energien subventionieren und produzieren, die dann wegen Engpässen nicht transportiert werden können. Oder wir müssen Erzeugung für teures Geld verlagern. Das alles verursacht hohe Kosten, die dann die Verbraucher tragen. Letztes Jahr waren das in ganz Deutschland über eine Milliarde Euro. Dann wird auch das Netz immer schwerer belastet. Was man hoch belastet, das ist anfälliger für Fehler.

Es könnte also Black-Outs geben und der Strom wird teurer, weil keine Transportleitungen da sind?

Hartman: Ich habe noch nie mit einem Black-Out gedroht. Auch jetzt nicht. Wir haben in Deutschland ein sehr gutes Netz. Aber wir haben eben zu wenig Transportkapazität. Die Chance, dass etwas schief geht, wird immer größer. Ich kann aber nicht sagen, es gibt ein Black-Out oder einen Brown-Out.

Was bedeutet Brown-Out?

Hartman: Das bedeutet, dass man in ein bestimmtes Gebiet keinen Strom mehr liefert, um einen Black-Out zu verhindern. Also ein kontrollierter Black-Out. Es gibt Länder, die das machen. Auch moderne Staaten. Frankreich hat das schon in einigen Wintern gemacht. In unserer Gesellschaft ist das undenkbar. Das soll auch so bleiben.

Die Übertragungsnetzbetreiber sagen also nach wie vor: Wenn wir eine Energiewende wollen, dann brauchen wir die Gleichstromleitungen?

Hartman: Nicht nur die Gleichstromverbindungen, sondern auch die anderen Projekte. Wenn wir den erneuerbaren Strom, den wir erzeugen, auch transportieren wollen, dann brauchen wir Verbindungen. So einfach ist das. Wenn wir keine Leitungen bauen, wird die Energiewende nicht gelingen. Am Ende geht es doch darum, dass wir den CO2-Ausstoss vermindern. Wenn man erneuerbaren Strom erzeugt und ihn dann wieder wegwirft, um ihn mit einem konventionellen Kraftwerk noch einmal zu erzeugen, gewinnt man nichts.

Das war die Forderung in Bayern. Die Staatsregierung wollte mehr Gaskraftwerke, um die Versorgungslücken zu schließen.

Hartman: Technisch geht das.

Aber dann gibt es wieder mehr CO2, auch wenn das Kraftwerk noch so modern ist.

Hartman: Klar, kann man hier Kraftwerke bauen. Aber die Frage ist doch: Wer bezahlt die? Die baut doch keiner freiwillig. Die müssten dann subventioniert werden. Und auch wenn es die Erzeugung hier gibt, kann man den Strom deutschlandweit noch immer nicht transportieren. Das ist ziemlich einfach.

Haben Sie im Blick, wie sich die Stromerzeugung in Bayern entwickeln wird?

Hartman: Man muss vielleicht zuerst die Situation sehen in den Ländern, die in die Süd-Ost-Passage einspeisen. Das ist vor allem Mecklenburg-Vorpommern. Natürlich gibt es dort konventionelle Kraftwerke, aber es wird heute schon viel Strom durch Wind erzeugt. Und das steigt in den nächsten zehn Jahren noch einmal massiv an. Und dass es in Bayern durch den Atomausstieg eine Versorgungslücke geben wird, das weiß jeder. Das war auch das Ergebnis des Energiedialogs mit Wirtschaftsministerin Ilse Aigner. Das ist an sich nicht schlimm. Die Politik muss sich nur über eine Lösung einig werden. Technisch geht alles. Aber man bekommt unter bestimmten Rahmenbedingungen die Energiewende nicht hin.

Das Gespräch führte Moritz Kircher

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