Tauziehen um ein Stück Geschichte

Wie berichtet, gibt es die Maschine, eine Boeing 737, noch. Sie steht sich seit nun neun Jahren in der Ecke eines brasilianischen Flughafens mit platten Reifen das Fahrwerk in den Flugzeugbauch. Nach rund einem Dutzend Eigentümerwechseln war sie zuletzt als Frachter im Einsatz. Auf Google Earth kann man die Maschine erkennen.

Faktischer Eigentümer dürfte der Flughafen sein, der schon seit Jahren auf den Parkgebühren sitzen geblieben ist, oder andere mögliche Schuldner des letzten Eigentümers, der 2010 seine Fluglizenz verlor. Der Dornröschenschlaf dürfte so oder so bald beendet sein: Der Flughafen soll privatisiert werden, eine Versteigerung oder die Verschrottung des geschichtsträchtigen Fliegers in naher Zukunft stehen im Raum.

Interessiert an Teilen

„Wir waren interessiert an Teilen der Maschine“, sagt ein Mitarbeiter der GSG 9-Stabsstelle in St. Augustin bei Bonn. Und zwar am Seitenruder, das vor der Kaserne aufgestellt werden sollte. Da dieser Ort für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, sollte ein weiteres Teil, etwa eine der Türen, ins „Haus der Geschichte“ in Bonn kommen, wo derzeit schon die Waffe und das Barett vom Gründungskommandeur der GSG 9, General a. D. Wegener, der den Einsatz geleitet hatte, ausgestellt sind.

Man war davon ausgegangen, dass die flugunfähige Maschine ohnehin verschrottet wird, weil sich in der Vergangenheit kein Museum gefunden hatte, das den Platz und vor allem das Geld für Transport und Restauration der ganzen Maschine gehabt hätte. „Das hat sich seit zwei Wochen gründlich geändert“, stellt der Stabsmitarbeiter der GSG 9 nüchtern fest.

Denn inzwischen haben Bemühungen Fahrt aufgenommen, die Maschine als Ganzes zurück nach Deutschland zu holen, offenbar befeuert von einem Journalisten und Buchautor. Auch das Auswärtige Amt (AA) ist inzwischen mit der Sache befasst. AA-Sprecher Martin Schäfer sagte jüngst in der Bundespressekonferenz, dass das Außenministerium die Überlegungen und Initiativen zur Rückholung der Maschine aktiv unterstütze. Was er nicht sagte: Dass die Bundesregierung selbst ins Auge fasst, die Maschine zu kaufen. Zuletzt hatte sich die Stadt Flensburg als Standort in Position gebracht, angeregt von einem örtlichen Kaufmann, der finanzielle Beteiligung zugesagt hat. Allerdings spekuliert man in Flensburg auf einen Kauf der Maschine durch die Bundesregierung.

Wohin mit dem Flieger?

Viele mögliche Standorte für den großen Flieger gibt es nicht. Das Museum in Sinsheim und das Deutsche Museum haben schon abgewunken. Sie sammeln Fluggerät wegen technischer, nicht wegen historischer Bedeutung.

Bei der GSG 9 ist die Teilesuche nun erst mal auf Eis gelegt, und man hat sich fürs Erste damit abgefunden, die Gedenkfeier in rund acht Monaten ohne ein Stück der denkwürdigen Maschine zu begehen: „Wenn es um eine Rückholung und Restaurierung geht, dann reden wir von Jahren und nicht von Monaten.“

Der Bischofsgrüner Zahnarzt Dr. Markus Achenbach gehört zu den Gründungsmitgliedern der GSG 9. Er hatte die Truppe schon zwei Jahre vor der Befreiungsaktion in Mogadischu wieder verlassen, um Zahnmedizin zu studieren. Aber er steht noch heute in Kontakt zu vielen Teilnehmern. Er findet es eine gute Idee, das Flugzeug zurückzuholen: „Das war ein großer Moment im Antiterrorkampf. Das Flugzeug ist das einzig Greifbare dieser Aktion. Und es ist positiv besetzt, im Gegensatz zum Beispiel zu Alfred Herrhausens zerfetzter Limousine. Aber Voraussetzung wäre, dass das Flugzeug auch innen begehbar wäre und man dort die Aktion nachvollziehen kann. Prinzipiell würden Teile des Flugzeugs als Symbol aber auch reichen. Jedenfalls sollte sich Deutschland nicht erpressen lassen, wenn nun der Kaufpreis in die Höhe getrieben wird.“

Dieter Tutter aus der Nähe von Rosenheim war von Anfang bis 1982 bei der GSG 9, zuletzt als Einheitsführer und Ausbildungsleiter, er war auch Gründungsvorsitzender der Kameradschaft ehemaliger GSG 9er. Als seine Kameraden im fernen Mogadischu zuschlugen, war Tutter auf der Suche nach dem entführten Schleyer. Er kann sich noch lebhaft erinnern an die Freudentänze der Politiker und Amtsträger, als die Meldung vom Erfolg in Mogadischu hereinkam. Er hält die Idee mit dem Leitwerk für eine „machbare und vernünftige Lösung. Ich glaube nicht, dass es gut ist, ein ganzes Flugzeug zu holen. Die Folgekosten sind hoch, und das geht dann schon sehr in Richtung Erlebnispark.“

Tutter kennt die Patengemeinde Bischofsgrün vom Urlaub – und von der Ausbildung, etwa Abseilen am Rudolfstein: „Abseilen kann man auch an einem Hochhaus üben. Aber wegen dem Überhang am Rudolfstein war das schon eine Mutprobe für die Neuen.“ Wenn die Eliteeinheit zum Üben in den Heilklimatischen Kurort kam, bezog sie Stellung in der Barbarahütte. Und egal wie die Geschichte der einstigen „Landshut“ ausgeht: Das Schicksal der Barbarahütte, die inzwischen ebenso renovierungsbedürftig und ungenutzt ist, ist so gut wie besiegelt. Wenn sie als Baubüro für das BLSV-Sportcamp gedient hat, soll sie verschwinden.

Ehren ja - aber wen?

Joachim H. aus der Nähe von Forchheim war einer der rund 30 Mann, die am frühen Morgen des 18. Oktober die Boeing stürmten, drei der vier Geiselnehmer erschossen und die rund 90 Geiseln fast unversehrt befreiten. Er fragt sich nun: „Was und wen will man würdigen, wenn man die ganze Maschine ausstellt? Wie will man das machen, angemessen für alle Betroffene? Für mich stehen eigentlich die Opfer im Mittelpunkt, das Leid der Überlebenden dauert ja bis heute an.“

Die Berliner Mauer stehe auch nicht mehr im Ganzen. Und die in Brasilien gestrandete Maschine sei nicht mehr im Originalzustand, sagt H. „Gedenken ist schon angebracht, aber nicht nur in eine Richtung“: Der Erfolg von Mogadischu sei ein Erfolg nicht nur der GSG 9, sondern vieler anderer Beteiligter gewesen: der Politik, derjenigen, die Ausbildung und Taktiken entwarfen und vieler anderer.

H. und seine Kameraden sind seither oft als Helden gefeiert worden: „Wir haben unser Leben riskiert, keine Frage. Aber wir waren gut vorbereitete ’Helden’. Es gibt auch Helden im Alltag, die Leben retten und ihr eigenes riskieren. Die nicht vorbereitet sind.“

Im Belagerungszustand

Warum ist die ehemalige Lufthansa-Maschine „Landshut“ ein Stück deutscher Geschichte? Im Herbst 1977 war Deutschland praktisch im Belagerungszustand. Die Linksterroristen der RAF entführten und ermordeten reihenweise Repräsentanten von Staat und Wirtschaft, die Regierung schien machtlos. Am 13. Oktober entführten vier Palästinenser eine Lufthansa-Maschine voller Spanienurlauber, um in Haft sitzende RAF-Terroristen freizupressen, erschossen den Piloten. Ein fünftägiger Nervenkrieg begann. Beim Irrflug der „Landshut“ um die halbe Welt bis ins somalische Mogadischu folgte ihr unauffällig ein zweites Flugzeug. An Bord: Angehörige der „Grenzschutzgruppe 9“, die fünf Jahre zuvor als Antiterrorspezialeinheit gegründet worden war. Sie warteten auf eine geeignete Gelegenheit und das grüne Licht der Politik, die Geiselnahme zu beenden. Um 2 Uhr am 18. Oktober drangen sechs Trupps zu je fünf Mann gleichzeitig über drei Türen in die Maschine ein, erschossen drei der vier Geiselgangster und befreiten die rund 90 Geiseln. Die gelungene Aktion - Codename „Feuerzauber“ - war wie ein Befreiuungschlag im sogenannten „Deutschen Herbst“. Der linke Terror in Deutschland ging danach zwar weiter, aber der Bann war gebrochen, der Staat hatte sich erfolgreich gewehrt. Und die belagerte Republik hatte neue Helden: die Männer der bis dahin weitgehend unbekannten GSG 9.

Jubelnde Menschen

Einer von ihnen war Joachim H., der heute in der Nähe von Forchheim lebt. Er war zwei Jahre zuvor zur GSG 9 gestoßen, nach einem „furchtbar harten“ einwöchigen Ausleseprozess. In den Monaten vor Mogadischu war die GSG 9 dauernd im Einsatz, H. gehörte zu denen, die nach dem enführten Hanns Martin Schleyer suchten. Am 18. Oktober war er in Mogadischu bei einem der sechs Teams in vorderster Reihe dabei. „Ich war äußerst überrascht über die Stimmung danach im Land. Für uns war es ein Einsatz wie viele andere. Wir haben unseren Job gemacht, präzise gearbeitet. Wir waren baff und überrascht, was für einen Empfang wir danach bekamen. Auf dem Weg vom Flughafen zu unserer Unterkunft waren die Straßen von jubelnden Menschen gesäumt.“

Gründungskommandeur Ulrich K. Wegener, damals immerhin schon 48 Jahre alt, leitete den Einsatz persönlich. Hat er „von vorne“ geführt? „Natürlich!“, antwortete Wegener vor anderthalb Jahren am Rande der Feier 40 Jahre Patenschaft mit Bischofsgrün. An einem Erfolg habe er nie gezweifelt, so Wegener damals, wenngleich man eigene Verluste einkalkuliert habe. Tatsächlich gab es am Ende nur zwei Leichtverletzte.

Der Test nach dem Test

Und Joachim H. erinnert sich an ein Detail des Ausleseprozesses, das tief blicken lässt. Er und zwei weitere Bewerber, die von anderen Bundesgrenzschutz-Einheiten kamen, steckten dort mitten in Lehrgängen. Alle drei wurden zur GSG 9 zugelassen. H. entschloss sich trotz der verlorenen Zeit, seinen Lehrgang bei seiner alten Einheit erfolgreich abzuschließen. Die anderen beiden ließen im Vertrauen auf die Zusage der GSG 9 die Zügel schleifen und fielen durch. Sie bekamen mitgeteilt: Bleibt bei Eurer alten Einheit, ihr braucht gar nicht mehr zu kommen. Sie hatten den ultimativen Test, den Test nach dem Test nicht bestanden: Die Bereitschaft, 150 Prozent zu geben; weiterzugehen, wenn das Ziel scheinbar schon erreicht ist.

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Kommentare

Was soll das rumgeeiere.
Macht ein paar schöne Bilder vom Flieger und dann ab in die
Schrottpresse.
Von den Toten redet keiner ( Schumann etc. )
Schämt euch Kurier.
Leider haben Sie die Geschichte offenbar gar nicht gelesen. In der geht es nämlich sehr wohl auch um die Opfer.
Menschen, die gerne von "Helden" sprechen und glauben, welche zu brauchen, sollten die wörtlichen Zitate von H. mit ganz besonderer Aufmerksamkeit lesen. Bewaffnete Kräfte brauchen keine Helden, sondern verantwortungsbewusste, gut ausgebildete Menschen, die überlegt ihre Arbeit tun. Dafür braucht man sie in der Demokratie.