„Tatort“-Kommissar Hinrichs im Interview

Herr Hinrichs, zu Beginn des Franken-„Tatorts“ wurden Sie als „der Kommissar von nebenan“ wahrgenommen: Der, der mit dem Rad zum Set fährt, offen für Begegnungen in Nürnberg ist und einfach die Region genießt. Hat sich nach den dritten „Dadord“ da etwas geändert? Ist diese Arbeit tatsächlich entspannender als andere Schauspiel-Jobs?

Fabian Hinrichs: Nein, an so einem Bild möchte ich hier nicht unbedingt mitmeißeln. Wir haben ja nun doch ziemlich prall gefüllte Arbeitstage und dieser Umstand ist der Grund dafür, warum ich versuche, ein bisschen Rad zu fahren und mich an einem der wenigen freien Tage ein wenig umzuschauen. Film und Militär haben ja erstaunliche Gemeinsamkeiten: straffe Hierarchie, viel Warten und dann auf einmal überfallartige und präzise Aktion. Und deswegen ist es mir wichtig, während der Arbeit in einer Wohnung zu wohnen und nicht in einem Hotel, damit ich mir selbst etwas kochen kann, also zumindest morgens und abends in dieser Hinsicht selbstständig zu sein. Und deswegen fahre ich auch selbstständig zur Arbeit, wie fast jeder andere Arbeitnehmer ja auch. Mit dem Rad kann ich entscheiden, schneller oder langsamer zu fahren oder auch mal diese statt jene Strecke zu nehmen.

Werden Sie eigentlich noch auf Ihren Kurz-Auftritt beim anderen bayerischen „Tatort“ als Gisbert Engelhardt angesprochen?

Hinrichs: Ja, gerade zum Beispiel von Ihnen.

Und wie sehen Sie selbst die Rolle so im Rückblick?

Hinrichs: Ein selten gut geschriebener Mensch in einem selten gut geschriebenen und inszenierten Film.

Was genau gefällt Ihnen so gut an Franken?

Hinrichs: Bisher war ich immer nur im Sommer da, es war so charmant, draußen abends in einer Gasse oder auf einer Brücke einen Wein zu trinken und auf einen Fluss zu schauen zum Beispiel. Die sich in der Architektur widerspiegelnde Geschichte, das vernarbte und wiederaufgebaute Nürnberg, das fast unangetastete Bamberg beispielsweise – alles inspirierend. 

Die Bayreuther freuen sich: Endlich wurde auch mal in Oberfranken gedreht, wenn auch leider in der Konkurrenz-Stadt Bamberg zuerst. Aber die Vorzüge der Stadt wissen auch die Bayreuther zu schätzen. Wie ist das mit Ihnen, ich habe gehört, dass Eli Wasserscheid sich sehr bemüht hat, ihre Heimatstadt den Kollegen näher zu bringen?

Hinrichs: Ja, sie hat mir liebenswerterweise einige Empfehlungen gegeben, ich habe fast alle Orte davon besucht. Es war herrlich in Bamberg.

Und wie hat Ihnen das Rauchbier gefallen?

Hinrichs: Ich trinke ja eher Wein, aber ich mochte es – was könnte ich jetzt auch anderes sagen, ohne auf völliges fränkisches Unverständnis zu stoßen? Ich mochte es aber wirklich!

Zurück zum Fall: „Am Ende geht man nackt“ ist ja ziemlich heftige Kost: Flüchtlingsproblematik, Ausländerfeindlichkeit, Gewaltbereitschaft, Neo-Nazismus – der ja auch gerade in der Realität letztes Jahr leider neue Blüten in Bamberg und Oberfranken getrieben hat. Wie geht man damit um, was hat dieses Drehbuch mit Ihnen gemacht? Immerhin hat Ihr Felix Voss durch seine Undercover-Tätigkeit auch den direktesten Kontakt mit den Asyl-Suchenden, er gerät auch in eine Schlägerei mit Neonazis. Am Ende will er sogar sein Leben verändern (wie genau soll natürlich vor Ausstrahlung noch nicht verraten werden).

Hinrichs: Diese Idee, die Felix da kommt, von der wir ja hier nicht reden dürfen, ist Ausdruck seiner Hilflosigkeit, auch seiner Überforderung. Er mag den Jungen namens Basem, er hat ihn als Menschen etwas kennengelernt, Basems Leben geht ihn nun etwas an, ist ihm nicht gleichgültig. Über die Migrationsbewegungen, über ihre Ursachen und über den Umgang Deutschlands und Europas bzw. der sogenannten westlichen Welt mit ihnen lässt sich Einiges sagen, ich fürchte, an dieser Stelle fehlt der nötige Raum.

Ich für meinen Teil empfehle aber die Essays und Anmerkungen Slavoj Zizeks hierzu, insbesondere „Die explodierte Utopie“ sowie die sozialpsychologischen „Studien zum autoritären Charakter“ von Theodor W. Adorno. „Die explodierte Utopie“ befasst sich mit dem  verlogenen Umgang mit der Migrationsentwicklung, den sowohl das linksliberale als auch das rechtsnationale Milieu pflegen. Adornos Studie untersucht unter anderem die Spannung, die zwischen dem, was man sagen darf, und dem, was man sagen will, entsteht und er beschreibt das Gefühl der Auflösung dieser Spannung durch das entzivilisierte Verhalten des populistischen Agitators.

Der neue Fall hat auch noch eine andere Dimension. Er wirft die Frage auf, wie weit man der Polizei vertrauen kann bzw. stellt dezent die Frage nach Überlastung von Beamten und ob diese eine Haltung haben oder haben müssen. Während Felix Voss mit Streifenbeamten in Konflikt gerät, weil er als Flüchtling gesehen wird, macht Kollegin Ringelhahn per Jutebeutel Werbung für die Deutsche Polizei-Gewerkschaft, dessen Bundesvorsitzenden nicht wenige einen Rechtspopulisten nennen. War das Absicht, oder interpretiere ich als Polizisten-Tochter da zu viel in diese Szenen herein?

Hinrichs: Ja und auch nein. Der Jutebeutel sollte, glaube ich, lediglich ein stoffliches Zeichen für ein über ihre eigenen Belange hinaus gehendes Engagement Paulas sein. Und der Konflikt zwischen Voss  und der Polizeimeisterin bildet Haltungen bezüglich des Umgangs mit geflohenen Menschen ab, die in unserer Gesellschaft und somit eben auch bei der Polizei vorhanden sind. Aber zu sehr sollte man die Szenen auch nicht symbolistisch ausdeuten, es ist immer noch ein Film mit seiner eigenen filmischen Realität, seiner eigenen Welt.

Voss und Ringelhahn haben auf jeden Fall eine Haltung und machen ihren Job auch aus einer gewissen Ideologie heraus, wenn auch unterschiedlich begründet. Was ist aber mit den ganzen Polizisten – und auch Schauspielern - , die einfach nur ihren Job machen wollen? Dem „Tatort“ wird ja ganz gern der Vorwurf gemacht, er zeichne nur ein Bild von „Superbullen“, die dafür kein Privatleben haben. Was sagen Sie dazu?

Hinrichs: Ich würde nicht das Wort „Ideologie“ benutzen, eher das Wort „Wertvorstellungen“. Und jeder Mensch handelt, bewusst und unbewusst, gemäß bewusster und unbewusster Wertvorstellungen, also auch die, die behaupten, sie würden „nur ihren Job machen“. Die Wächter eines Staates müssen von Berufs wegen mutig sein, doch für den Umgang mit der eigenen Bevölkerung benötigen sie zusätzlich eine andere, entgegengesetzte Eigenschaft, die Sanftmut. Die gleichzeitige Entwicklung dieser beiden Qualitäten braucht eine sorgfältige, auf Charakterbildung abzielende Erziehung und Schulung.

In einem optimal eingerichteten Staat ist diese Schulung und Erziehung der Wächter also eine wichtige Aufgabe. Und zum Privaten: Langsam scheint ja mehr Privates von Ringelhahn und Voss auf. Voss ist unter anderem aufgrund einer unglücklich verlaufenden Liebe in Nürnberg gelandet, seine Beziehung zu seiner Herkunftsfamilie wird vielleicht in einem der nächsten Fälle eine Rolle spielen, auch seine Einsamkeit im Leben, seine Versuche, privat irgendwo anzukommen, die aber vielleicht einfach nicht erfolgreich verlaufen. Ich finde, man erfährt in „Am Ende geht man nackt“ schon mehr von ihm als bisher und diesen erzählerischen Weg für Voss würde ich gern weiterverfolgen.

Sie haben mal gesagt: "Ich weiß gar nicht, ob ich wirklich Hoffnung habe, aber ich ringe darum, weil ich leben möchte." Haben Sie Hoffnung, dass „Am Ende geht man nackt“ irgendwas verändern kann? Dagmar Manzel und Markus Imboden haben während der Dreharbeiten in Bamberg gesagt, es ist ihnen wichtig, mit diesem „Tatort“ Haltung zu zeigen. Ist das überhaupt möglich? Was wird bleiben? Und wird der Fall Felix Voss verändern?

Hinrichs: So viele Fragen auf einmal! Ich habe weder im Film selbst noch bei mir ein messianisches Anliegen ausmachen können. Und was genau ein Film bewirken kann, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass Filme und vor allem auch Theater viel weniger in die Gesellschaft hineinwirken können als noch in der Polis oder vor 300 oder 80 oder sogar noch vor 40 Jahren. Einen Großteil der Filme durchzieht ja ein Kältestrom, der in ein Meer aus Zerstreuungsbedürfnis fließt. Aber: We must try.

Weitere Infos

Interview Eli Wasserscheid

Vierter Franken-"Tatort" am Start

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Panne beim zweiten Franken-"Tatort"

Franken-"Tatort" verliert Zuschauer

Fakten-Check: So realistisch war der Franken-"Tatort"

Live-Ticker zum "Tatort" zum Nachlesen

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Nicht bewertet

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Kommentare

Zitat: "„Die explodierte Utopie“ befasst sich mit dem verlogenen Umgang mit der Migrationsentwicklung, den sowohl das linksliberale als auch das rechtsnationale Milieu pflegen."

Welcher Teil des politischen Milieus bleibt denn dann noch übrig, welcher "ehrlich" mit der Migrationsentwicklung umgeht? Ganz klar: No Borders - No Nations!
Dieser Spruch gilt wohl auch für Frau Fritzsche, die doch tatsächlich den Kurier-Leser*in*enden weiterhin mit ihrem völlig ideologiefreien Qualitätsjournalismus beglückt - selbst aus dem fernen Stuttgart! Oh, welch (Ode an die) Freude!
>>> Hinrichs: Ich würde NICHT das Wort „Ideologie“ benutzen, eher das Wort „Wertvorstellungen“. Und jeder Mensch handelt, bewusst UND unbewusst, gemäß bewusster und unbewusster WERTVORSTELLUNGEN also auch die, die behaupten, sie würden „nur ihren Job machen“. <<<

Der Interviewpartner lässt sich, trotz geschickter Fragestellung, (Denn …, wer fragt der führt!) nicht so einfach auf die gewünschte Spur bringen.

Im Gegenteil, er drückt, bewusst oder unbewusst, etwas aus, was auch auf Merkels Gäste zutrifft.
Sie handeln nach ihren Wertvorstellungen und da diese zum großen Teil aus ihrer Ideologie stammen, sind sie so gut wie nicht veränderbar ...


Rainer Wendt ein "Rechtspopulist", und dies sehen "nicht wenige"? Ein schönes Beispiel für die Abgedroschenheit dieser Bezeichnung. Was die deutsche Sprache so alles hergibt...

Nein, Herr Wendt ist gewerkschaftlicher Vertreter derjenigen, die die Suppe per Befehl und Gesetz tagtäglich auslöffeln müssen, die Ihnen, selbstverständlich gutmeinende, "Linksliberale" mit Haltung und Ideologie eingebrockt haben. Auf der Straße, in den "Brennpunkten der Gesellschaft" weht nämlich ein ganz anderer Wind als in einer Filterblase namens Redaktionsstube. Da geht Journalist gar nicht so gerne hin.
Es ist nämlich ein himmelweiter Unterschied zwischen multikulturellen Trommelfesten und "feste auf Menschen eintrommeln".
Von Rainer Wendt wird man in Zukunft zum Glück nicht mehr viel hören. Und die Suppe hat er sich ganz alleine eingebrockt.

Wendt ist/war Vorsitzender einer Polizeigewerkschaft – nicht mal der größten, es gibt da mehrere.
Er spricht daher auch sicher nicht für "die Polizei", wie er gerne selbst meint. Unterhalten Sie sich mal privat mit Polizisten, wenn Sie welche im Freundeskreis haben... da hören Sie nicht nur Gutes.

Rechtspopulismus wird so erklärt: "Bestimmend ist eine Identitätspolitik, in der eine bedrohte Gemeinschaft konstruiert wird."

Die Bezeichnung passt daher für Wendt durchaus. Aber vor allem ist er eins: Ein Heuchler und Lügner, finanziert durch den Steuerzahler. Gottseidank mittlerweile durch die bösen linksverseuchten Medien in Wort und Bild dokumentiert...

"Glück, Heuchler, Suppe, Lügner...", da scheint sich ja Einiges aufgestaut zu haben. Feindbild? Treffer?
Wendt ist unzweifelhaft eine Stimme für die, die Multikulti und ungesteuerten Einwanderungspolitik beruflich ausbaden müssen. Ob er immer richtig liegt? Sicher nicht, wer kann das schon von sich behaupten. Aber er spricht Probleme in dem Ton an, der angemessen ist. Der andere Talkshow-Polizeigewerkschafter André Schul (bdk) tut das nicht so gern so laut, ist aber ein weiterer vehementer Kritiker der Rot-Rot-Grünen Kanzlerinneneinwanderungspolitik. Und in Hamburg ebenso von der Besoldungsaffäre betroffen.

Ihre Definition ist bemerkenswert -"Rechtspopulismus wird so erklärt: "Bestimmend ist eine Identitätspolitik, in der eine bedrohte Gemeinschaft konstruiert wird.""
Das trifft auf nahezu alle Protagonisten in der Asyl- und Sozialindustrie zu, sowie auf jeden Social Justice Warrior, angefangen bei der SED/PDS/DieLinke und dem Hl. Sankt Martin Schulz (Nur das der seinen steuerfinanzierten Mantel nicht teilen will, sondern ständig verlängert, aufpolstert und neue Taschen annäht.)

Und weil Sie ja mit Polizisten sprechen: Haben Sie die mal gefragt, was sie von dem ganzen Tatort-Schmarrn-Polizistenzerrbild halten? Lächerliche Drehbücher, fachliche Kardinalfehler hart an der Grenze zum Grotesken, sowie immer mindestens ein Mitglied des jeweiligen Ermittlerteams, das privat einen kompletten Dachschaden hat. Wie sich die Redakteure der Öffis so spiegelneurotisch die reale Welt da draußen vorstellen.

Fast anderthalb Millionen Euro pro Tatort-Folge braucht kein Mensch. Das Zwangsgebührengeld wäre in die, wieder journalistische, Ausbildung des Redakteurnachwuchses besser investiert. Da ist nämlich seit Längerem gähnende Leere. Die Medienkrise ist auch eine unübersehbare Krise des journalistischen Niveaus.
Grundsätzlich halte ich es halt für angenehmer und für eine Steigerung des Niveaus, wenn Wendt künftig nicht mehr in jeder Talkshow sitzt. Allein das Jammern über die unterbesetzte und überlastete Polizei – während er selbst eine Stelle blockiert, dafür Geld kassiert und seine Kollegen für ihn mitarbeiten lässt… wie anders als „heuchlerisch“ kann man das bezeichnen?

Dass Sie das alles anders sehen, wundert mich nicht wirklich.

Auch nicht, dass Sie den Ton „angemessen“ finden. Aus Reihen von – der direkt betroffenen – Justiz und Polizei klingt das regelmäßig aber anders.
„Rainer Wendt tut so, als würde er für die Polizei sprechen. Er wird seiner Verantwortung nicht gerecht. Wendt schürt mit seinen Aussagen die Ängste der Menschen“, so die größere Gewerkschaft GdP. Auch Richter sind regelmäßig „begeistert“ von Wendts Kritik an Urteilen, die noch nicht einmal gesprochen wurden...

...
Zustimmung zur „Qualität" des Tatorts oder des deutschen TVs im allgemeinen. Dafür kann Wendt aber nicht wirklich was ;)

Ich finde den Film interessant und nachdenkenswert.
Zitat DerekButter: "Ob er immer richtig liegt? Sicher nicht, wer kann das schon von sich behaupten."
Eine Aussage, die ich nie und nimmer von unserem Hüter des einzig Wahren erwartet hätte. Beginnt eine neue Zeit? Schön wärs.