Tarnen, tricksen, täuschen

Was bleibt? Mehr Zeit um sich intensiver dem zu widmen, was Ihnen wichtig ist? Und was ist Ihnen wichtig, Herr Gerstberger?

Pedro Gerstberger: Gute Frage, was ist wichtig! In letzter Zeit habe ich an der Uni immer weniger Zeit für wissenschaftliche Forschungsarbeiten zur Verfügung gehabt, weil durch die Verschulung der Lehre an der Uni (Stichwort: Bachelorisierung) enorm viel Zeit für überreglementierte Verwaltungsaufgaben verloren geht. Also habe ich mir für den Unruhestand noch einige Projekte vorgenommen, die abzuschließen sind. So ist zur Flora der Kanarischen Inseln noch einiges zu veröffentlichen, aber auch hier in Bayreuth wartet noch eine von mir erzeugte Obstbaumkreuzung zwischen Birne und Elsbeere auf ihre wissenschaftliche Beschreibung. Sie soll Bayreuther Bielsbeere heißen. Vor allem aber wollen wir im Verein Flora Nordostbayern unser großes Florenwerk herausgeben. Da ist noch viel redaktionelle Arbeit erforderlich.

Wenn Sie gehen, gibt es immer noch Maiswüsten in der Region. Glauben Sie, dass sich die Becherpflanze eines Tages durchsetzen wird? Und was wäre der größte Vorteil, wenn das geschähe?

Gerstberger: Mit der Becherpflanze oder Silphie sind wir sehr gut vorangekommen. Sie ist in Nordbayern mittlerweile auch gut in der Bevölkerung „angekommen“. Mit großer finanzieller Unterstützung durch das Bayerische Umweltministerium und das Landwirtschaftsministerium wurde heuer in Oberfranken ein größerer Anbau begonnen mit gut 50 Hektar. Nächstes Jahr kommt noch mal so eine Fläche hinzu. Wenn alles klappt sind die Chancen gut – so wurde uns signalisiert – dass der Silphie-Anbau in Zukunft durch das Kulturlandschaftsprogramm bayernweit gefördert wird. Wir hoffen auch auf die spätere Aufnahme ins Greening. Die vielen ökologischen Vorteile der Becherpflanze – im Vergleich zum Mais – sind einfach unschlagbar. Natürlich wird die Becherpflanze den Mais niemals verdrängen. Aber ihre Vorteile liegen unbestritten im Grund- und Trinkwasserschutz und in der Schonung natürlicher Ressourcen.

Von den Feldern der Region in den Garten. Dem naturnahen Garten kommt immer mehr Bedeutung zu um Artenvielfalt zu sichern. Wie wünschen Sie sich die Gärten der Zukunft?

Gerstberger: Der Garten der Zukunft sollte weniger energiereich gepflegt werden. Eine dreimalige Mahd des Rasens sollte ausreichen und in jedem Garten sollten Bereiche mit Wildstauden existieren, die man nur ein bis zweimal im Jahr mäht – nach der Blüte – um den zahlreichen Blütenbesuchern nicht die Nektar- und Pollennahrung zu entziehen. Es müssen aber nicht – wie in meinem Garten – an die 450 verschiedene Pflanzenarten sein. Viel wichtiger ist dies meines Erachtens aber an den Straßenrändern. Hier wird mit viel Zeit und Diesel-Aufwand vier- bis fünfmal im Jahr gemäht oder gemulcht. Natürlich ist die Verkehrssicherheit wichtig, dafür sind die Straßenpflegebehörden ja zuständig. Aber dann noch den Graben auszuputzen und bis zum Nutzungsrand des nächsten Grundstücks – oft viele Meter – alles immer wieder niederzuschlegeln, schadet der Artenvielfalt von Pflanzen und Insekten im landesweiten Maßstab, spielt aber für die Verkehrssicherheit überhaupt keine Rolle. Ich sage nur: falsch verstandene Ordnungsliebe. Pflanzen kommen nicht mehr zur Blüte oder schaffen es nicht, ihre Samen ausreifen zu lassen. Diese Straßenpflegedienste sind somit auch an der Verarmung unserer Insektenwelt mitverantwortlich. Hier sollte man an geeigneten Stellen Altgrasstreifen stehen lassen und die Pflegeintensität deutlich reduzieren.

Wie trickreich Pflanzen arbeiten und welche Täuschungsmanöver sie beherrschen, das beleuchten sie eindrucksvoll in Ihrem Vortrag „Sex in your garden.“ Ihr persönlicher Lieblingspflanzentrick?

Gerstberger: Die raffiniertesten Tricks bei der Bestäubung der Blüten haben sich die Orchideen „ausgedacht“. Ausgedacht ist natürlich das falsche Wort. Diese komplexen Mechanismen sind entstanden in Millionenjahre langer Evolution. Besonders trickreich ist die tropische Gattung Catasetum: sie schießt den Blütenbesuchern, die es nur auf ihre Duftöle abgesehen haben, um damit ihren eigenen Hochzeitsflug zu parfümieren, ihre Pollenpakete gezielt auf den Kopf, wenn sie einen kleinen Auslöser nur berühren. Eine derart beschossene Biene ist davon so irritiert, dass sie nie wieder eine solche Blüte besuchen wird. Da drängt sich natürlich die Frage auf, wie kommt dann der Pollen auf die weibliche Narbe der Blüte? Die Lösung: die rein weiblichen Blüten sehen völlig anders aus, die Biene schöpft keinen Verdacht und kann den Pollen unbehelligt auf die Narbe übertragen. Aber auch unsere einheimischen Orchideen sind sehr einfallsreich, besonders der Frauenschuh, der seine Blütenbesucher einsperrt und sie nicht einmal mit Nektar verköstigt. Die können nur durch einen vorgegebenen, engen Kanal die Blüte wieder verlassen – bedeckt mit Pollen – den sie bei einem nächsten Reinfall an der Narbe abstreifen.

Das Gespräch führte Gabi Schnetter.

Info: Am Freitag, 20. Oktober, 19 Uhr, hält Pedro Gerstberger seinen Vortrag „Sex in your garden“ im Bräuwerck in Neudrossenfeld. Der Eintritt ist kostenlos. Spenden gehen an ein Brunnenprojekt im südlichen Afrika für die dortige Tierwelt ( Wolfgang Hennig leitet das Projekt zusammen mit dem WWF).

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Montag, 13. November 2017 - 11:06