"Tannhäuser": Gehofft, gekämpft und doch verloren

Man kann nun wirklich nicht sagen, dass die Festspiele um diesen „Tannhäuser“ nicht gekämpft hätten. Nach dem ersten Jahr wurde die Titelpartie umbesetzt, ein neuer Tannhäuser kam, und eine neue Venus. Vor dieser Spielzeit wurden Landgraf und Wolfram neu besetzt (wohl aber nicht aus Qualitätsgründen, sondern weil Günther Groissböck und Michael Nagy ihr Glück woanders suchten). Zweimal wechselten die Dirigenten – erst saß Thomas Hengelbrock im Graben, dann Christian Thielemann, jetzt Axel Kober. Es war das Ringen um die beste Lösung, und wenn die beste nicht geht, dann eben die bestmögliche. So funktionieren die Festspiele nicht nur beim „Tannhäuser“.

Nach dem ersten Jahr bekam Tannhäuser, der bis dahin im ersten Aufzug nur Unterhosen trug, eine Hose. Es heißt, es sei Eva Wagner-Pasquier gewesen, die Tannhäuser das Betreten der Bühne in Unterhosen verboten habe.

Vom Kreislauf des Lebens ist wenig zu sehen

Wer blieb, war der Regisseur, und er blieb auch bei seinem Konzept, „Tannhäuser“ nicht in einem Bühnenbild, sondern in einer Kunstinstallation aufzuführen. Und zwar, das kommt dazu, durch die größtmögliche Verkomplizierung der Gedanken, die im „Tannhäuser“ stecken.

Schon der Schauplatz ist ein Problem: Venusberg und Wartburg sind keine getrennten Welten, sondern identisch, zu sehen ist aber beides nicht, sondern ein mehrgeschossiges Bauwerk, in dem den Sängern Kessel im Weg stehen.

Dieses Bauwerk, so erfährt man auch in diesem Jahr aus dem Programmheft, illustriert den Kreislauf des Lebens: Energie wird zu Nahrung wird zu Kot wird zu Energie. Man sieht davon aber nichts. Man erfährt außerdem, dass eine Schwangerschaft mit der Geburt endet, und dass der Schwangerschaft Sex vorausgeht (das erfährt man aber eigentlich auch nicht, es ist eher so, dass man es sich aus den Videoprojektionen herleiten muss). Es gibt dann noch fünfhundert andere Ideen, die meisten ähnlich niederschwellig, und ebenso kurz aufflackernd.

Herumstochern in alten Ideen

Dass dies auf der Bühne des Bayreuther Festspielhauses nicht so recht funktionert, zeigte sich in der ersten Saison, dass die Inszenierung auch nicht rettbar ist, zeigte sich in der nächsten. In diesem Jahr wurden die Festspiele trotzdem damit eröffnet. In Abwesenheit all jener Ehrengäste, die nicht schon wieder nach Bayreuth fahren wollten, um einen Abend lang den drei Jahre alten Ideen anderer Leute beim Scheitern zuzusehen

Natürlich: Theater muss scheitern dürfen, nur so geht es. Sich zu versteigen, zu verheben.

Man darf das dann aber auch einsehen, die Scherben zusammenkehren und sich neuen Ideen zuwenden, anstatt in den alten weiter herumzustochern.

In diesem Jahr mochte das Publikum Sebastian Baumgarten aber nicht einmal mehr so richtig ausbuhen, ein paar Anstands-Buhs gab es, kraftlos, der Rest war Gleichgültigkeit.

Neubesetzungen gelungen

Besonders schade ist das, weil die Sänger in diesem Jahr wirklich Freude machen. Torsten Kerl, der sich mit großer Kraft in der Kehle durch die Partie arbeitet (und sich nur manchmal anmerken lässt, dass es sich um Arbeit handelt). Camilla Nylund als exzellente, unangestrengte Elisabeth mit blitzblanker Intonation. Michelle Breedt als energische, schön tönende Venus. Katja Stuber als Idealbesetzung des Hirts, die hoffentlich nicht mit dieser Produktion aus Bayreuth verschwindet.

Zu Recht am meisten bejubelt werden am Ende die beiden Neubesetzungen: Kwanchul Youn als Landgraf mit kantigem Bass. Und Markus Eiche in der Rolle des Wolfram von Eschenbach, für den man an diesem Abend ein neues Wort erfinden muss: Breitbild-Bariton. Eiche singt mit breiter Brust und warmer Kehle, sein Bariton gehört zu den Glanzlichtern des Abends.

Kratzer im Meisterstück

Groß ist der Jubel auch für die Festspielchöre und ihren Direktor Eberhard Friedrich, deren unschätzbar großen Wert für die Produktion man längst nicht mehr betonen müsste, auch und gerade wegen der Widrigkeiten der Inszenierung: Ein Herrenchor, dessen Sänger sich auf der Festspielhaus-Bühne von hinten nach vorn bewegen und dabei auf Knien unter einem beinahe omnibusgroßen Kessel hindurch kriechen müssen – das zu bewerkstelligen ist ein Meisterstück.

Und leider hatte dieses Meisterstück, das sonst glänzt und funkelt, ein paar kleine Kratzer – immer wieder passierte es, dass Orchester, Chor und Solisten nicht immer haargenau zusammen passten. Natürlich, es waren nur Momente, die Chorassistentenmaschinerie lotste das Schiff sicher durch die Untiefen, es brauchte aber dann und wann fast eine ganze Umdrehung des Steuerrads.

Überhaupt: die Musik. Nach seinem bejubelten, souveränen Debüt im vergangenen Jahr drehte Axel Kober bei der Premiere die Lautstärke zurück – und probierte, den „Tannhäuser“ feiner und bunter klingen zu lassen, mit hörbarem Mut für Details und, vor allem, für dramatische Pausen. Und die, vielleicht lag es an den Umständen, unter denen der Abend zu leiden hatte, blieben nicht lange dramatisch; die Spannung verlor sich auf dem Weg in den Zuschauerraum, gerade im zweiten Aufzug, und sobald die Spannung fehlte, wurde der Abend lang und breit.

Und dann waren da noch die äußeren Umstände.

Der Venusberg fiel aus

Technische Pannen können immer passieren, und vor allem: überall. Es sagt also nicht besonders viel aus, dass die Bühnenmaschinerie ausgerechnet in diesem Jahr ausgerechnet bei „Tannhäuser“ ihren Dienst versagte – eine Leitung war kaputt, darum blieb die Versenkung plötzlich stehen, die den Käfig, der bei Sebastian Baumgarten der Venusberg sein soll, auf die Bühne heben sollte. Und zwar im Bacchanal, direkt nach der Ouvertüre.

Der Käfig also hing fest, der Venusberg fiel aus. Es wurde aber nicht nur hydraulisch von unten gehoben, sondern auch von oben gezogen – über zwei Seilzüge, die bühnenwirksam auf dem Dach des Käfigs befestigt sind. Als die Hydraulik stoppte, liefen die Seilzüge weiter, die Bolzen, mit denen die Züge auf dem Käfigdach befestigt waren, rissen ab. Es knallte, Holz splitterte, nichts ging mehr. Das kann passieren.

Dass dieser Zwischenfall, der nach der Pause schon wieder behoben schien, ausgerechnet den Premierenabend trifft, ist natürlich einfach nur Pech. Dass er die ungeliebteste Produktion der Saison trifft, ebenso. Es ist nur nie ein besonders gutes Zeichen für eine Inszenierung, wenn ein Teil der Bühnentechnik ausfällt und die Momente, die improvisiert werden müssen, beinahe die spannendsten und und packendsten des ganzen Abends sind.

4 (2 Stimmen)

Anzeige