Studiobühne: So ist "Zweifel"

 Die Dame am Einlass ist aufmerksam und freundlich. „Viel Spa...“ sagt sie und hält inne. „Viel Spaß möchte man gar nicht wünschen“, sagt sie dann. Geht ja auch um wirklich ernsten Stoff an diesem Abend. Um Missbrauch, zumindest ist der Verdacht da. Ein Verdacht, ein Zweifel – mehr nicht. Das aber reicht zu Feldzug einer Unbedingten, einer Unbeirrbaren gegen einen Lehrer.

Prämiertes Stück

„Zweifel“, das 2005 mit dem Pulitzerpreis prämierte Stück von John Patrick Shanley, verhandelt nicht wirklich einen Fall. Vielmehr geht es um den Zusammenprall von zwei Weltanschauungen. Und darum, was Glaube ohne Zweifel schafft: das Böse, wie uns Umberto Eco so pointiert wie richtig im „Name der Rose“ beschied.

Da ist Vater Flynn, der gleichermaßen fröhliche und beliebte Sport- und Religionslehrer. Und da ist Schwester Aloysius, die Direktorin der Schule: Eine verbiesterte Nonne, festgefahren in ihre Denken, das ganz in Zeit vor dem zweiten vatikanischen Konzil wurzelt: Vergnügen ist Zeitvergeudung und allein deswegen schon Sünde. Sie mag ihn nicht, den allzeit gut aufgelegten Vater Flynn, der so locker wirkt und doch nur das Beste für seine Zöglinge will. Oder etwa nicht? Als einer seiner Schüler beim Messweintrinken ertappt wird, keimt in Schwester Aloysius ein schlimmer Verdacht auf. Sollte Vater Flynn versucht haben, sich den Jungen gefügig zu machen? Der Verdacht verwandelt sich in ihren Augen – und ohne weitere Indizien - alsbald zur Gewissheit. Sie setzt Vater Flynn unter Druck. Und der bricht zusammen. Weil er schuldig ist? Oder weil er weiß, dass immer etwas hängen bleibt, egal, wie schwach begründet die Vorwürfe sind?

Schuldfrage bleibt offen

Auch in der Inszenierung von Anja Dechant-Sundby an der Studiobühne Bayreuth bleibt am Ende offen, ob Vater Flynn tatsächlich Schuld auf sich geladen hat. Klar ist, wer sich auf jeden Fall schuldig macht: Die Schulleiterin, die ihren Vernichtungsfeldzug ohne Rücksicht auf Verluste startet, ohne Rücksicht auch auf den Grundsatz, dass für den Angeklagten im Zweifel die Unschuldsvermutung zu gelten habe. Birgit Franz spielt diese Tyrannin als Autorität auf tönernen Füßen, wechselnd zwischen harschem Ton und Wärme, eine Haltung, die so unentschlossen wirkt – als sei sie im Innersten unsicher und als habe diese Chefin eben nur den Buchstaben ihres Gesetztes als Stütze. In dieser Gebrochenheit entfaltet Birgit Franz' Bissgurkigkeit Glaubwürdigkeit.

Zwischen den Stühlen

Der Mann, der die Welt mit offenen Armen begrüßt, ist Vater Flynn: Martin Kelz stellt ihn als durchaus sympathischen, vielleicht fast schon zu naiven Mann mit kindlicher Ausstrahlung dar. Zwischen den Stühlen sitzt in diesem Machtkampf Schwester James: Mirjam Theil verkörpert die Unschuldige tatsächlich, der Konflikt spiegelt sich in der Ratlosigkeit ihres Gesichtsausdrucks. Eine fast schon ätherische Figur, die im Niemandsland verharrt und am Ende den Zusammenbruch ihrer Gewissheiten erlebt – Gutsein schützt eben vor Zweifel nicht.

Grauzone ersetzt Wahrheit

Heike Hartmann ist die sangessichere Mutter des Messwein nippenden Jungen (der nicht vorkommt). Ihre Rolle, irgendwo zwischen Empörung und Pragmatismus, legt nahe, wie Eltern dem Missbrauch Vorschub leisten: dem am Ruf eines Menschen oder dem am Kinde. In diesem Stück geht’s nicht um Wahrheit, wie gesagt. Sondern um Grauzonen. Und wie man sie interpretiert. Welche Verantwortung darin für jeden liegt – du sollst kein falsches Zeugnis geben! -, das beschäftigt die Zuschauer. Wer sendet was aus, und wie empfängt man die Signale? Während des Stückes, und sicher noch lange danach. Im Hintergrund schimmern die Buchstaben eines anderen Gebotes durch: Du sollst dir kein Bildnis machen, und schon gar nicht auf der Grundlage von Gerede.

Alle Darsteller sprachen mitunter ein wenig bemüht, eine kleine Schwäche, die sich auswachsen wird – die Anspannung bei der Premiere verhindert manchmal die schauspielerische Beiläufigkeit, die den Zuschauer vergessen lässt, dass er auf eine Bühne blickt.

Sprungturm oder Kanzel?

Vor Rätsel stellt einen das seltsam unentschlossene Bühnenbild von Ruth Pulgram. Zur rechten sehen wir das Büro der Schulleiterin, erhöht auf einem Podest, mit einem geradezu lächerlich winzigen Pult – so stellt man sich eher das verglaste Büro eines Buchhalters in der Mitte einer Fabrik vor. In der Mitte ist die Kanzel zu sehen, von der Vater Flynn so lebensnah predigt. Eine weiß eingerahmte Kanzel, als wollte Pulgram da nochmals an die jockeymützenähnlichen Kopfbedeckungen der Schwestern erinnern. Kann man schon machen. Das Metallgerüst darunter verleiht dem Ganzen dann aber doch die Anmutung eines Tennis-Hochsitzes oder Sprungturms.

Nachbilden im kleinen will Pulgram den Garten. Ein Bänklein ist da, sogar ein Stück gekiesten Weges, eingerahmt von einem Metallzaun. Man hätte das alles weglassen können, hätte auf die bei aller Holzschnittartigkeit doch gut angelegte Choreographie des Stückes vertrauen können. Ja, eine weitgehend leere Bühne hätte einen noch stärker angehalten, sich auf die Dialoge zu konzentrieren.

So aber grübelt man: Das da soll eine Kanzel sein. Aber wer hätte schon mal einen Prediger von so einer Kanzel sprechen gesehen? Dieses Bühnenbild ist weniger Spielfeld denn Hindernisparcours.

Viel Spaß hatte die Dame am Einlass wünschen wollen. Den hatte man natürlich nicht. Also nicht Spaß im Sinne von Gaudi. Was man hatte: einen insgesamt konzentrierten, klug changierenden Abend, der einen an die Grenze seiner Fragen und Gewissheiten führte. Einen Abend, der sich weit kürzer anfühlte, als er in Wirklichkeit war. Die Entscheidung Anja Dechant-Sundbys, keine Pause einzubauen, war eine gute. Das Stück wird gut laufen, kein Zweifel.

Nächste Termine: 8., 10., 17., 20., 30., 31. Dezember.

3 (2 Stimmen)

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