"Tristan oder Isolde"

Was hat uns das Schicksal von Tristan noch zu sagen, was die Mär von Isolde? Wie lebendig ihre Geister scheinen, zeigt schon das Rauschen im Blätterwald vor dem Start der Festspiele. Mit „Tristan und Isolde“ werden sie eröffnet, Katharina Wagner führt Regie, die Urenkelin gratuliert sozusagen Werk und Meister zum 150. Jahrestag der Uraufführung. Und da ist die Spannung eben gewaltig. Fragt sich nur, ob es bei den Spekulationen davor noch um Tristan und Isolde geht, um Wagners Drama, in Zeiten, da das Ereignis oft wichtiger ist als der Inhalt.

Eine Woche vor dem Start des Großereignisses hat der Regisseur und Autor Uwe Hoppe mal einen vorgelegt, im erweiterten Festspielprogramm sozusagen, mit seiner eigenen, ganz schön fremden und doch immer wieder sehr vertrauten Neuerzählung der Geschichte von Tristan und Isolde. Im Hoftheater bei Steingraeber feierten er und die Truppe der Studiobühne am Samstag mit „Tristan oder Isolde“ Uraufführungspremiere. Das „oder“ ist Absicht: Kann ja sein, dass Isolde die eigentliche Hauptperson ist.

Die Geister sind lebendig

Die Geschichte beginnt tatsächlich mit Geistern. Ein junges Pärchen sucht nach einem Plätzchen, sie finden einen Ort, so abgelegen, dass – neben anderem – auch das Handy streikt. Dass der Junge kurz zuvor noch „einen Balken“ gehabt hatte – nicht nur der mit mobiler Technik Vertraute wird diesen Ausruf des Bedauerns im Moment der sinnlichen Begegnung nachvollziehen können. Bedenklicher ist, dass die beiden entdecken, dass sie von Toten umgeben sind. Wie lebendig diese Toten sind: Das junge Paar, als „Kevin“ und „Chantall“ so ungefähr im Bildungsprekariat verortet, bemerkt das nicht wirklich.

Der Zuschauer hat mehr Zeit zum Verstehen als das Pärchen. Hoppe erzählt das Drama mit Zitaten von Wagner, er wandelt sie ab, parodiert sie, deutet sie damit neu. Die Marschroute aber gibt eher der Text des Gottfried von Straßburg vor. Der mittelalterliche Sänger schildert die Geschichte von Tristans Eltern, von seinen Heldentaten, davon, wie er die Gunst König Markes erlangte. Kurz: Die Geschichte vor Wagners Drama. Und davon, was er tat, als ihm Marke auf die Schliche kam. Wie er Isolde Weißhand ehelichte. Und doch die andere Isolde nicht vergessen konnte. Eine alternative Geschichte, die Gottfried nicht vollendete. Die also dazu einlädt, sie fortzuspinnen und damit Wagners Fassung des Dramas gegenüberzustellen.

Iseolde Weißhand geht auf die Wiesn

Den Zirkus um „Tristan und Isolde“ deuten Hoppe, Kostümgestalter Thorsten Maisel und Bühnenbildner Michael Bachmann an: mit den an Impressarios erinnernden Kostümen, mit Bestandteilen eines Karussells. Auch Marke (Frank Joseph Maisel) kommt so rüber als ein Inhaber eines Fahrgeschäfts. Die Szene aus Tristans Eheleben spielt gar in einem Bierzelt – und Isolde Weißhand (Anja Kraus) wirkt im Landhaus-Dirndl wie eine Wiesnbesucherin. Überwiegend scheint das Ganze in den 80er Jahren zu spielen. Nicht nur wegen der Limahl-Gedächtnisfrisur von Tristan (Sascha Retzlaff), sondern auch wegen der Musik von Hans Martin Gräbner: Seine Bearbeitung des Tristan-Akkords hört sich an, als habe man Manhattan Transfer mit Loungemusik verquirlt.

Die Reaktionen des Publikums auf den ersten Abend? Durchaus angetan. Zu spüren war aber auch, dass die Jungfernfahrt des neuen „Tristan“-Stücks in schwerer See verlief. Der – durchaus komplizierte – Text saß überwiegend; nun würde man sich noch wünschen, dass der eine oder andere Schauspieler sich freispielt, noch mehr Wasser untern Kiel des Tristan-Nachens bekommt. Herauszuheben ist der Tristan von Sascha Retzlaff; ihm nimmt man jugendliche Bedenkenlosigkeit ebenso ab wie seine Verzweiflung in späteren (nicht reiferen) Jahren.

Tristan ist tot, seht ihr's denn nicht?

Am Ende ist es Isolde (Annette Lauckner), die aus der Rolle fällt. Aus der Rolle Wagners. Sie emanzipiert sich von den ersten Zeilen an mit einem Monolog, der ein Abgesang auf die romantische Liebe ist. Von einer Verklärung hat diesmal Tristan selbst noch fantasiert. Hoppes Isolde aber kann die Tatsache von Tristans Tod nicht verleugnen. Unsere Zuneigung wäre dem Alltag nicht gewachsen gewesen, das sagt sie so ungefähr, aus Isoldes Verklärung wird Isoldes Erklärung.

Die schönste, die anrührendste Szene beendet den Abend. Mit der Liebe gibt es immer Probleme, vor allem, wenn sie auf den Alltag trifft. Das sehen wir da, und auch, dass Schlaf, Tod und Traum vielleicht dasselbe bedeuten können. Um es mit den Worten von Hamlet zu sagen: „Sterben – schlafen. Schlafen! Vielleicht auch träumen! Ja, da liegt’s: Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen, wenn wir die irdische Verstrickung lösten.“

Am Ende sind wir wieder beim Anfang, Kevin und Chantall erneut in die Flucht geschlagen, die Geister lebendig und willens, den Reigen von vorn zu beginnen. Wie die Festspiele auch. Wir sind jedenfalls weiterhin gespannt, ob Katharina Wagner sich mit ihrem „Tristan“ aus der irdischen Verstrickung wird lösen können.

INFO: Die Aufführungen im Juli: 24., 26., 29., 31. Juli, jeweils 20 Uhr; weitere Termine im August.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06