Start ins Lehrjahr: Azubis haben die Wahl

Viele Auszubildende suchen sich früh eine Stelle und haben schon Anfang des Kalenderjahres ihren Lehrvertrag in der Tasche. "Dahin geht der Trend", sagt Rainer Beck, Geschäftsführer der Handwerkskammer für Oberfranken. Franziska Scharf ist eine, die in diesem Trend liegt. Die 18-jährige Vorbacherin hat dieses Jahr Abitur am Gymnasium in Eschenbach gemacht und sich schon lange vorher überlegt, was nach der Schule kommt.

"Erst wusste ich nicht, was ich machen soll"

"Erst wusste ich nicht, was ich machen soll", sagt sie. Freunde und Familie haben ihr zu Praktika geraten. Mal bei einer Brauerei reinzuschnuppern, war eher als Spaß gedacht. Aber sie hat es getan und war begeistert. "Der Beruf ist so vielfältig", beschreibt sie ihre Erfahrung bei der Brauerei Maisel. Und dort hat man ihr gleich die Bewerbung für eine Lehre als Brauerin und Mälzerin schmackhaft gemacht.

So wie Franziska Scharf wissen viele junge Leute während der Schulzeit noch nicht so genau, welchen Weg sie nach dem Abschluss einschlagen sollen. Und wer sich einfach irgendwo bewirbt, läuft Gefahr, dass das schief geht. Rund 15 Prozent der Ausbildungsverhältnisse werden laut Angaben der Industrie- und Handelskammer für Oberfranken (IHK) vorzeitig abgebrochen. "Da zeigt sich jedes Jahr wieder, dass es besser wäre, vorher mal ein Praktikum zu machen", sagt IHK-Präsident Heribert Trunk. Außerdem: "Wer ein Praktikum macht, hat einen Fuß in der Tür."

Aktionstage bringen wenig Bewegung in Geschlechter-Klischees

Berufsberaterin Scherm stellt immer wieder fest, dass es Lehrberufe gibt, die überlaufen sind. Und sie macht die Erfahrung, dass es bei den Favoriten immer noch starke Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt. Bewerberinnen drängen sich in den Bereichen Verkauf und Dienstleistung. "Da machen sie sich gegenseitig Konkurrenz", sagt sie. "Jungen sind da etwas breiter aufgestellt."

Aber auch hier gibt es Klassiker - den Kfz-Mechatroniker und allgemein eher technisch orientierte Berufe. Trotz Aktionstagen, die darauf abzielten, die Geschlechter-Klischees zu durchbrechen, "hat sich daran wenig verändert", sagt Mathias Eckardt, Regionsgeschäftsführer beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

Gasto- und Lebensmittelhandwerk stehen nicht hoch im Kurs

Auch die Branchen, in denen Betriebe Schwierigkeiten haben, Lehrlinge zu finden, sind seit Jahren die gleichen: das Lebensmittelhandwerk und die Gastronomie. In aller Frühe in der Backstube anfangen oder bis spät abends in der Küche arbeiten, das steht bei jungen Menschen nicht hoch im Kurs. "Dort, wo die Arbeitszeiten am unangenehmsten sind, gibt es Schwierigkeiten", sagt IHK-Präsident Trunk.

Doch das ist nur ein Teil der Erklärung dafür, dass kurz vor Ausbildungsstart so viele Lehrstellen offen und trotzdem noch Berufseinsteiger ohne Lehrstelle sind. Immer wieder gebe es junge Leute mit einem Berufswunsch, für den die Qualifikation nicht ausreicht, sagt Beate Scherm. "Wenn ich ein handwerklich begabter Mensch bin, muss ich eben einen anderen Weg gehen als jemand, der gerne und leicht lernt", sagt sie. Um das Talent jedes Einzelnen in die richtige Bahn zu lenken, setze die Berufsberatung der Arbeitsagentur schon im vorletzten Schuljahr vor dem Abschluss an.

Auf dem Bau gibt es mit die höchste Ausbildungsvergütung

Drängen die jungen Leute vielleicht auch in die Berufe, in denen am besten gezahlt wird? "Das mag durchaus eine Rolle spielen", sagt HWK-Geschäftsführer Beck. Aber das alleinige Entscheidungskriterium sei das Lehrgeld nicht. In den Bau- und Ausbauberufen würden "mit die höchsten Ausbildungsvergütungen bezahlt", sagt Beck. "Und trotzdem suchen die Betriebe noch Azubis."

Aber dass die Konkurrenz um die Auszubildenden härter wird, zeigt die steigende Bezahlung. Alleine in den vergangenen beiden Jahren sind die Ausbildungsgehälter nach Angaben der Handwerkskammer durchschnittlich um zehn Prozent gestiegen.

Weniger besetzte Lehrstellen im Handwerk - Trendwende?

Während es insgesamt viele freie Lehrstellen gibt, ist die Zahl der handwerklichen Lehrstellen in Oberfranken in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken - über alle Lehrjahre gerechnet von 6210 im Jahr 2012 auf 5460 im vergangenen Jahr. "Hier muss umgedacht werden, sonst ist der Fachkräftemangel im Handwerk nicht mehr aufzuhalten", warnt Gewerkschafter Eckardt.

HWK-Geschäftsführer Beck sieht schon die Trendwende. Aktuell gebe es im Vergleich zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr rund fünf Prozent mehr Lehrlinge. Die HWK, die Innungen und die Kreishandwerkerschaften seien in den vergangenen Jahren an den Schulen und bei Berufsmessen sehr präsent gewesen. "Das trägt langsam Früchte."

Wer jetzt noch keine Stelle hat, sollte zur Arbeitsagentur gehen

Die Konkurrenz um die Schulabgänger wird härter. Zahlen der Arbeitsagentur Bayreuth-Hof zeigen, dass im Agenturbezirk seit Jahren zum Start des Ausbildungsjahres deutlich mehr offene Stellen übrig sind als Bewerber ohne Lehrvertrag. Berufsberaterin Scherm appelliert an alle, die noch keine Ausbildung gefunden haben: "Sie sollen sich umgehend bei uns melden."

Franziska Scharf hat längst etwas gefunden, auch weil ihr Arbeitgeber sich aktiv um sie bemüht hat. Wenn es nächste Woche in der Brauerei für sie losgeht, lässt sie alles "einfach mal auf mich zukommen". Aber sie weiß schon, wie es nach der dreijährigen Ausbildung weitergehen soll. Dann würde sie gerne in ihrem Fach ein Studium dranhängen.

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