Starpianist Stadtfeld im Zentrum

Was verbinden Sie als Pianist, der Bach besonders schätzt, aber auch das romantische Fach pflegt, mit Bayreuth?

Martin Stadtfeld: Ich war oft da, als Gast auch bei den Bayreuther Festspielen. Ich mag die Stadt sehr gerne, eine wunderbare Stadt. Was ich damit verbinde? Natürlich den alljährlichen Wagner-Rausch, dem ich mich gerne mal hingebe. Natürlich auch Liszt- das ist ein Name, der sofort aufscheint, ein richtiger Charakterkopf. Ja, und nächste Woche werde ich dann selber in Bayreuth aktiv.

Chopin und der Hang zum Barock

Mit einem die Zeiten verbindenden Programm. Sie machen gleich zu Beginn Ihres Konzertes einen ganz schönen Satz über die Jahrhunderte. Was verbindet eine Passacaglia von Buxtehude mit einem Wiegenlied op 57 von Chopin?

Stadtfeld: Chopins Wiegenlied ist ja eigentlich auch eine Passacaglia, es ist ein typisches Beispiel, wie er den Rückgriff auf eine barocke Form verschleiert, indem er einen romantischen Titel dafür wählt. Er war da erst einmal unentschlossen, wie es heißen sollte, er wollte es erst Variationen nennen, bis er zu diesem Titel gekommen ist. Berceuse – das ist Chopins Art, wie er verbirgt, dass er auf barocke und vorbarocke Formen zurückgreift.

"Mut, die Lust, sich auszudrücken"

Bayreuth ist auch eine Spielstätte des Franz-Liszt-Wettbewerbs. Da erlebt man dann auch schon mal 15-, 16-jährige Musiker, die bereits auf einem Wahnsinns-Niveau spielen Bei all dieser Virtuosität – wie erkennt man heute noch einen herausragenden Pianisten?

Stadtfeld: Es ist, wie Sie sagen: Schon bei 16-Jährigen ist bei solchen Wettbewerben das Niveau hoch. Man muss aber auch sagen: Wenn es bei einem 16-Jährigen nicht hoch ist, dann wird aus ihm auch kein Pianist mehr. Dieses Rüstzeug muss man einfach haben. Man kann, man muss danach noch an sich arbeiten, klar, aber die Möglichkeit, sich durch Technik auszudrücken, muss schon zu Beginn da sein. Dieses Vermögen steht am Anfang des Weges der Loslösung von den Vorbildern. Die Technik muss weit gediehen sein. Dann erst kommt die Reife und die Persönlichkeit hinzu. Ein 16-Jähriger ist fast noch Kind, steht ganz am Anfang seines Weges, eine eigene Geschichte zu erzählen. Aber schon da muss erkennbar sein, dass da Mut ist, eine Lust, sich auszudrücken, nicht nur Epigonentum, das einen etwas auf die und die Art spielen lässt, weil man’s halt auf einer Aufnahme so gehört hat. Das hat tatsächlich mit Reifeprozessen zu tun, die uns alle betreffen. Alle 16-Jährigen ähneln sich irgendwo, alle 20-Jährigen, alle 8-Jährigen. Diese Prozesse durchläuft jeder Mensch, und diese Prozesse kann man nicht trennen von Musik. Irgendwann wird es Zeit, sich von Vorbildern zu lösen, von den Eltern, aber auch vom Lehrer.

"Ich habe etwas in mir, das nach Neuem sucht"

Sie sind 2002 durchgestartet. Was hat sich seitdem bei Ihnen getan? Ich frage, weil Sie ein Best of-Doppel-Album herausbringen. Das hört sich nach Rückschau auf ein Lebenswerk an, erstaunlich bei einem Pianisten von 37 Jahren.

Stadtfeld: Ja, was soll das, denkt man sich. Aber die Plattenfirma hat die Doppel-CD zusammengestellt und mich gebeten, sie abzusegnen. Nach anfänglicher Skepsis sehe ich das nunmehr positiv. Das ist ein schönes Einstiegsalbum für jemanden, der von mir noch gar nichts hat und ratlos vor dem CD-Regal steht. Dem kann man guten Gewissens sagen, nehmen S‘ doch das. Es gibt auch Menschen, die so viel noch gar nicht gehört haben, noch nicht alles von Schumann von Beethoven kennen. Für die ist dieses Album ideal. Die Plattenfirma hat das schön zusammengestellt. Man kann das auch ein Potpourri nennen. „Best of“ - das hört sich nach Rockmusik an, nach einer dreißigjährigen Karriere. So viele sind’s bei mir in gewisser Weise auch schon fast, da ich mein erstes Konzert mit 9 gab... Ich muss sagen, die vergangenen 15 Jahre haben sich sehr normal angefühlt, vor allem die letzten fünf Jahre, nachdem sich die ganz große Aufregung gelegt hat, ich aber trotzdem weiter das Glück gehabt habe, das Publikum erreichen.

Hört sich nach einem Spagat an, zwischen Routine und der Spannung, die man aufbauen muss, um das Publikum weiterhin zu faszinieren.

Stadtfeld: Nein, das ist kein Spagat für mich, weil ich in mir etwas habe, das immer nach Neuem sucht. Ich könnte mir kein Programm vorstellen, bei dem ich mir sage, nun schauen wir mal, was wir in den letzten Jahren gespielt haben, da nehmen wir das, und dann das, und daraus machen wir mal eben ein Abendprogramm - das kann ich nicht, ich habe in mir immer eine Nervosität, ein Suchen nach Neuem. Ich unternehme stundenlange Spaziergänge, bei denen ich nachdenke, neue Projekte entwickle. Manchmal klappt’s, manchmal nicht, aber stets ist da erst einmal die Hoffnung, dass das Publikum meine Begeisterung teilt. Es dauert oft drei, vier Jahre, das, was im Kopf herumschwirrt, zur Verwirklichung im Konzertsaal und schließlich auf CD zu bringen. Ja, und manchmal stellt man dann erst fest, dass es nicht ganz durchschlägt. Dennoch ist es ein Grundbedürfnis für mich.

Die Pressefotos zeigen Sie gern mal versonnen im Laubwald. Was sind Sie für ein Spaziergänger – eher der Waldgänger oder der Gipfelstürmer, der Gipfelsucher wie bei Caspar David Friedrichs Gemälde?

Stadtfeld (lacht): Immer auf die Anhöhe! Ja, mit diesem Bild kann ich mich unheimlich identifizieren. Das rührt etwas in mir an, ich bin ohnehin ein leidenschaftlicher Fan von Caspar David Friedrich. Und diese Sehnsucht spüre ich eben auch in mir: auf der Anhöhe zu stehen, in sich ruhend über den Nebel und die Wipfel der Bäume ins Tal zu schauen. Das ist mit der Welt verbundene Einsamkeit – ja, genau; so würde ich das für mich beschreiben.

Das Gespräch führte Michael Weiser

INFO: Das Konzert der Kulturfreunde mit Martin Stadtfeld am Sonntag, 3. Dezember, im Zentrum beginnt um 17 Uhr. Auf dem Programm stehen Werke von Dietrich Buxtehude, Frederic Chopin, Stefan Heucke und Johann Sebastian Bach.

Nicht bewertet

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