Starker Beifall für die Uni-Symphoniker

Wer direkt am Grabstein der Erdmutha Sophie von Podewils (gestorben 1619) sitzt, hat gute Karten – zumindest gute Eintrittskarten, soweit es die berühmte Akustik der Stadtkirche betrifft. Das Experiment bringt es an den Tag: gleich an der Wand des Seitenschiffs zu sitzen bedeutet zwar einen verminderten Blick auf den Chorraum, doch einen Klang, der gar nicht so übel ist.

Ausgewogener Klang

Wenn ein Symphonieorchester in der Stadtkirche auftritt, darf der Zuhörer ja immer die Frage stellen, was wohl wie an seinem Platz ankommt. Das Orchester der Universität macht da keine Ausnahme, doch kommt es einem kleinen Wunder gleich, wenn ausgerechnet das symphonischste aller Stücke des Abends am besten, ja geradezu gut klingt. Da die Akustik im Hallraum der Kirche über die individuelle Interpretation des Hörers entscheidet, ist die Erörterung der Frage, ob sich ein Nachhall von gut zwei Sekunden wesentlich von einem Nachhall von knapp drei Sekunden unterscheidet, durchaus nicht akademisch. Wenn die jungen Leute Alexander Borodins „Polowetzer Tänze“ spielen, blüht der Instrumentalklang vielleicht nicht nur deshalb auf, weil Borodin seine Operntänze so brillant instrumentiert hat. Das Orchester produziert unter seinem Leiter Albert Hubert und mit den Solisten im Orchesterkollektiv den ausgewogensten Klang – und wenn es donnert, donnert es gescheit.

Die Pauke haute schon in Clara Schumanns Klavierkonzert ihre Hammerschläge fröhlich drein. Lisa Wellisch saß am Klavier; es wäre schön, diese Musikerin einmal in einem akustisch normalen Raum mit dem hochvirtuosen (also fingerbrechenden) Konzert zu erleben, um die Brillanz ihres Parforceritts ganz einschätzen und genießen zu können.

Die vielen Noten schluckt der große Raum

Die vielen kleinen und vielen schnellen Noten des jungen Fräulein Wieck werden natürlich schlicht und einfach vom Raum verschluckt. Doch hört man im zweiten Satz dank Wiecks und Wellischs, ein hochromantisches, an Mahlers Adagietto erinnerndes und zutiefst empfindsam gespieltes Lied ohne Worte für nur zwei Spieler (ein Extralob fürs Solovioloncello). Dass die meist balsamische G-Dur-Messe Franz Schuberts mit der guten Stadtkantorei und drei Solisten – unter denen Michael Wolfrum (bekannt aus dem Opernstudio Oberfranken) und Andreas Kalmbach vokal herausragten – unter Michael Dorns Leitung am Anfang stand, hatte nicht allein in Hinsicht auf die Grabsteine der Stadtkirche guten Grund.

Die Dramaturgie des Abends erwies durch das Wiener Werk zunächst dem Hausgeist Reverenz. Mit einer exzellenten Solistin und einem beispielhaften Solokonzert, wenn auch nicht im richtigen Rahmen, erschloss es die Leipziger musikalische Romantik, um zuletzt ein Stück aus der alten Heimat des Dirigenten beifallprovozierend in den Raum zu schicken. Spätestens jetzt war die Frage nach Akustik und Raum unwichtig geworden. Man hörte einfach drei Meisterwerke des 19. Jahrhunderts, deren Klang, zumindest von der äußersten Seite aus, verschliffen wurde und doch klar genug war, um die Strukturen nicht allzu wolkig tönen zu lassen.

Starker Beifall für die Musiker, die, man darf das nie vergessen, ihre Programme neben, nicht im Studium erarbeiten.

Nicht bewertet

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